Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.10.13; Pfarrerin Melanie Sieber

Erntedank

Ich möchte Euch eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte von diesem klitzekleinen Etwas hier in meiner Hand: einem Weizenkorn.

Es war ein klitzekleines Weizenkorn. Das wurde in die Erde gelegt. Dort war es dunkel und kalt. Wenn der Regen auf die Erde prasselte (Regenmacher) wurde das kleine Weizenkorn ganz nass. Und wenn die Sonne schien (Harfe), dann trocknete es wieder. Als eines Morgens die Sonne aufging (Harfe), da spürte das kleine Weizenkorn auf einmal, dass sich tief in ihm drin etwas regte. Es begann zu wachsen. (Klackerstab, langsam beginnen, schneller werden) Ein kleiner Halm wuchs aus dem klitzekleinen Weizenkorn hervor. Erst ganz langsam und dann immer ein bisschen schneller und schneller. Es wuchs und wuchs und schließlich schaffte es der Halm sogar durch die dicke Erdschicht hindurch. Auf einmal war es nicht mehr dunkel um ihn herum. Hell und warm strahlte ihm die Sonne entgegen (Harfe) und das kleine Weizenkorn merkte, wie viel Kraft ihm die strahlende Sonne gab. Doch da war nicht nur die Sonne. An manchen Tagen blieb es grau und dunkel und ein heftiger Wind blies um den kleinen Halm herum (Pusten) und Regentropfen prasselten auf ihn nieder (Regenmacher). Alle zusammen - Sonne, Wind und Regen - halfen dem kleinen Weizenkorn und ließen den Halm immer größer und größer werden. Nach vielen, vielen Tagen war aus dem klitzekleinen Weizenkorn ein großer starker Halm mit einer prächtigen Ähre mit vielen kleinen neuen Weizenkörnern geworden. Und als noch einige Zeit vergangen war und die Ähre noch größer und reif geworden war, da kam der Bauer. Er schnitt die Ähre zusammen mit allen anderen reifen Ähren und drosch sie. Heraus fielen viele, viele klitzekleine Weizenkörner. (Regenmacher und Klackerstab)

Eines der kleinen Weizenkörner hatte einen Traum. Es wollte nicht einfach in die Erde gelegt werden, damit auch aus ihm eines Tages eine Ähre mit vielen Körnern würde. Nein, es träumte davon, dass seine Kraft auch anderen gut tun könnte.

Aber was es sich vorgenommen hatte, das war nicht leicht. Seine Kraft alleine würde dafür nicht ausreichen. Doch das kleine Korn hatte Glück. Sein Traum begann Wirklichkeit zu werden. Denn es wurde zusammen mit vielen anderen kleinen Körnern in eine große Schüssel geschüttet (Regenmacher) und zu Mehl gemahlen. Das kleine Weizenkorn spürte voll Freude: Jetzt kann aus meiner Kraft zusammen mit all den anderen Körnern etwas Neues entstehen! (Harfe)

Das klitzekleine Weizenkorn war nun zusammen mit all den anderen zu Mehl geworden. Doch sie blieben in der Schüssel nicht lange allein. Der Bäcker kam und gab Wasser zu ihnen in die Schüssel hinein (Wasser) und rührte und knetete alles kräftig. Aus den vielen kleinen zu Mehl gemahlenen Körnern wurde ein Teig. Doch es kommt noch etwas dazu. Der Bäcker tut noch Hefe und Salz in die Schüssel. Nun wird dem kleinen Weizenkorn und all den anderen eine Pause gegönnt. Dunkel und warm ist es auf einmal um sie herum und das kleine Korn spürt es ganz deutlich: Es geschieht eine Verwandlung. (Harfe) Es wächst, ja sie alle zusammen wachsen über sich hinaus. Sie spüren ihre Stärke und werden immer größer.

Auf einmal wird es wieder hell (Harfe) und noch einmal kneten und formen die Hände des Bäckers alles zu einem großen Laib Brot.
Doch was geschieht jetzt? Der Bäcker schiebt den Laib in den heißen Ofen. Das kleine Korn spürt in der Hitze des Ofens die Kraft der Sonne, (Harfe) aus der es einmal gewachsen ist. Doch die Wärme ist so stark, dass es auf einmal Angst bekommt. Ist alles vorbei, war alle Veränderung vergeblich?

Es geschieht eine geheimnisvolle Verwandlung. (Harfe) Das Feuer im Ofen brennt, aber es verbrennt nicht.
Durch die Hitze des Ofens ist das kleine Weizenkorn zusammen mit den anderen zu dem geworden, wovon es vorher nur geträumt hatte: ein Brot!

Musik

Liebe Gemeinde! Wann haben Sie zuletzt wirklich auf etwas gewartet?

Zum Beispiel darauf, dass aus einem klitzekleinen in die Erde gesteckten Weizenkorn ein grüner Halm hervorbricht und sich seinen Weg ins Sonnenlicht bahnt.

Was mich angeht, so warte ich nur sehr ungern. Wenn ich ehrlich sein soll: Ich kann mich schon gar nicht mehr genau erinnern, wann ich in letzter Zeit auf etwas gewartet habe. Wenn ich etwas wirklich haben will: dann am liebsten jetzt gleich und sofort. Es macht mir zwar große Freude mich ab und an als Gärtnerin in meinem kleinen Garten zu versuchen, aber auch da habe ich es nicht so mit der Geduld. Ich habe Freude daran, dem Salat oder den Tomaten beim Wachsen zu zuschauen und genieße es auch sehr, das Geerntete zu essen. Aber immer darauf zu warten, bis die Tomaten auch reif sind, um welche essen zu können? Das ist nichts für mich. Da gehe ich lieber schnell in den Supermarkt an der Ecke. Da finde ich das ganze Jahr über alles, was mein Herz an Obst und Gemüse begehrt. Auch wenn die Äpfel im Winter schon mal aus Neu Seeland, die Kartoffeln aus Ägypten oder die Tomaten aus Spanien kommen. Hauptsache die Auswahl ist das ganze Jahr über vielfältig. Oder könnten Sie sich ernsthaft vorstellen, Tomaten nur im Sommer und Äpfel erst ab Spätsommer oder Herbst zu essen? Geduldig darauf zu warten, bis Obst und Gemüse reif sind?

Als ich vor einigen Jahren einmal mit einer Grundschulklasse etwas zum Thema Ernährung erarbeiten wollte, fragte ich: Was meint ihr? Woher kommt das Fleisch, das wir essen? Die Antwort war schnell und kam eindeutig: Aus dem Supermarkt. Gerade in der Stadt haben oft nicht nur die Kinder den Bezug zu Herkunft und Entstehung unserer Nahrung verloren. Das Brot - in hunderten Sorten griffbereit im Regal -, entstanden aus kleinen Getreidekörnern mit ihrem langen Weg der Verwandlung, bis sie zusammen mit anderen Körnern zu einem Brot geworden sind. Wer macht sich das klar, wenn er in das frische Brötchen beißt?

Was für ein Kontrast zu einem solchen Leben bilden da die Worte aus Psalm 104, die wir vorhin gemeinsam gebetet haben. Dort heißt es: „Es warten alle auf dich, Gott, dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit. Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt.“ (Psalm 104,27-28)

Damals, als der Palm aufgeschrieben wurde, mussten die Menschen warten bis Getreide, Obst und Gemüse reif waren. Sie wussten noch: Unser Essen hat einen langen Weg hinter sich bis es auf unseren Tisch angelangt. So ist es heute auch. Und der Weg, den das Essen heute zurücklegt, ist noch länger geworden. Zubereitung. Verschiffung.

Verpackung. Lieferung zum Supermarkt. Zu verdanken haben wir das Essen nicht unseren eigenen Kräften oder unserem Geld. Sich das bewusst zu machen und Gott für seine Gaben zu danken – das feiern wir heute an Erntedank.

Gott für das zu danken, was ich auf meinem Teller liegen habe – das ist aus der Mode gekommen. Und auch die Frage: „Was esse ich eigentlich hier?“ ist für viele Menschen irrelevant. Und doch gibt es Hoffnung. Hoffnung auf einen Umbruch in unserem Denken. Die letzten Jahre haben Biorestaurants salonfähig gemacht und Skandale wie der „Gammelfleischskandal“ oder Berichte über antibiotikaverseuchtes Geflügelfleisch haben dazu geführt, dass immer mehr Menschen danach fragen, was genau sie da eigentlich auf ihrem Teller liegen haben. Die Sparte der Bioprodukte hat in den letzten Jahren immer mehr Abnehmer gefunden. "Ich möchte die Geschichte einer Speise kennen. Ich möchte wissen, woher die Nahrung kommt. Ich stelle mir gerne die Hände derer vor, die das, was ich esse, angebaut, verarbeitet und gekocht haben." Dieser Satz des Gründers der „Slow food“-Bewegung, Carlo Petrini, spiegelt mittlerweile den Wunsch von immer mehr Menschen wider.

Aber können wir wirklich etwas verändern? Etwas gegen die Strukturen großer internationaler Konzerne tun, deren erstes Interesse Steigerung des eigenen Profits ist? Gegen Großkonzerne, die es wenig interessiert, dass durch die Rodung von Urwald unzähligen Pflanzen und Tieren ihre Lebensgrundlage geraubt wird und sie von Aussterben bedroht sind? Hauptsache der Anbau riesiger Palmpantagen ist gewährleistet, damit genügend günstiges Palmöl zur Produktion von Schokoriegeln, Eis und anderem zur Verfügung steht.

Nein, ich alleine kann als kleines Staubkorn die Mühlen der Macht nicht zum Stehen bringen – und doch wird der Traum eines klitzekleinen Weizenkorns, das davon träumte, einmal ein Brot zu werden, Wirklichkeit. Gemeinsam mit vielen anderen kleinen Weizenkörnern durchläuft es eine schmerzhafte Verwandlung. Es brennt, aber es verbrennt nicht und wird zusammen mit den anderem zu dem, wovon es immer träumte: einem Brot.

Es ist nicht leicht, Widerstand gegen die Macht der Gewohnheit und der Versuchung günstiger Preise zu leisten. Es ist nicht leicht, sich bewusst dazu zu entschließen, nur die Nahrungsmittel zu essen, die saisonal zur Verfügung stehen und unter fairen Bedingungen für Mensch und Natur produziert wurden. Und es kann wehtun, sich das ein oder andere aufgrund von höheren Preisen nicht mehr leisten zu können. Vielleicht nur noch einmal in der Woche Fleisch zu essen und nicht mehr das ganze Jahr über alle Obst und Gemüsesorten zur Verfügung zu haben. Doch wenn wir es gemeinsam durchhalten, dann haben wir als Verbraucher am Ende mehr Macht als wir denken. Denn nichts ist schmerzhafter für Produzenten als wahrzunehmen, dass immer mehr Kunden wegbrechen.

Und ist es Gottes Schöpfung nicht mehr als wert, einen solchen Preis zu zahlen? Denn: „Es warten alle auf dich, Gott, dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit. Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt.“  Amen.

 


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