Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.10.13; Pfarrer Ulrich Pohl

"Führen, wohin du nicht willst"

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Sie war Anlaufstelle für eine große Zahl Geschwister, Neffen und Nichten. Für meinen Freund hieß sie schlicht Tante Lore.

Er hing an ihr und sie war die letzte aus der Generation seiner Eltern, Onkel und Tanten. Sie ist unverheiratet und hat vor Jahren ihre beiden Eltern gepflegt. Vor drei Monaten kam sie in die Klinik: Schlaganfall. Anfangs haben ihr die Ärzte nur wenige Tage gegeben. Doch sie liegt noch immer da, angeschlossen an Schläuche und Messinstrumente. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, sagt die Schwester, wenn man sie nach dem Zustand der Kranken fragt. Wenn mich der Herrgott nur endlich zu sich holen würde, flüstert Tante Lore in einem ihrer klaren Momente.

Und mein Freund sitzt bei ihr am Bett und fragt ich sich, was soll das noch? Wo ist der Sinn, dass sie sich so lange quält. Worin liegt überhaupt der Sinn der letzten, vielleicht schwersten Lebensetappe, der Schmerzen, der geistigen Verwirrung, des bloßen Wartens auf den Tod? Ich klicke im Internet auf die Seite des Vereins Dignitas, der sich ein menschenwürdiges Leben und vor allem ein würdiges Sterben der Menschen zum Ziel setzt. Ist es richtig, wenn ein Mensch den Zeitpunkt seines Endes selbst festlegt?

Die moderne Medizin hat in den letzten zwei Jahrzehnten intensiv daran gearbeitet, den Patientinnen und Patienten auch ein schweres Sterben leichter zu machen. Die Schmerzforschung und die Schmerztherapie sind erheblich weiter, in vielen großen Krankenhäusern sind Palliativstationen und Hospize gegründet worden. Zahlreiche Ehrenamtliche tun hier ihren Dienst und begleiten die Sterbenden auf ihrem letzten Weg. Das ist ein Segen. Auf so eine Station käme Tante Lore vielleicht auch, wenn es so weit ist. Aber wann ist es so weit?

Beim Bibellesen bin ich vor Jahren auf einen Vers aus dem Johannesevangelium gestoßen: „Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und bist gegangen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich führen, und wird dich führen wohin du nicht willst.“ (Johannes 21,18) Der auferstandene Christus sagt das zu Petrus und – so der Evangelist Johannes: Er weist damit schon auf den Märtyrertod hin, den Tod, mit dem Petrus einst seinen Gott preisen wird.

Dieser Vers lässt mich nicht los. Ein Mensch kann also mit der Art und Weise, wie er stirbt, Gott preisen… Dass ich dazu lebe, Gott zu loben, habe ich schon früh in meinem Leben gelernt. Dass ich auf der Welt bin, ihm zu singen, ihm zu danken, ihm Ehre zu erweisen durch meine Arbeit und meine Gebete – daran glaube ich fest. Dass ich ihn preisen kann durch die Art und Weise meines Sterbens, durch das Aushalten dessen, was mir der letzte Lebensabschnitt zumutet, das ist ein Auftrag, der meine letzten Atemzüge in ein neues Licht rückt. Der ihnen einen Sinn gibt. Vor allem aber: Sie ganz in die Nähe Gottes versetzt.

Ob ich diesem Auftrag einst gerecht werden kann?

Oder ob mich unterwegs der Mut verlässt und ich mich für ein leichtes Sterben, den Weg des geringeren Widerstands entscheide? Ich kann es nicht sagen. Mein Freund Bernhard auch nicht. Er geht weiter zu Tante Lore auf die Station, nimmt ihre Hand und betet, dass Gott sie bald zu sich holt. Manchmal, wenn ich an die beiden denke, bete ich im Stillen für sie mit.

Dass er Tante Lore ein leichtes Ende gewährt, ihr, ihm und am Ende allen Menschen. Mit diesem Wunsch verabschiedet sich Pfarrer Ulrich Pohl aus Neuss.

 

Audiobeitrag "Führen, wohin du nicht willst"


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