Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.10.13; Pfarrer Ulrich Pohl

Sich nicht vom Bösen überwinden lassen

Ich hab´s geschafft. Eine Last fällt von mir ab. Ich kann wieder richtig durchatmen.

Liebe Hörerin, lieber Hörer, vielleicht kennen Sie das. Es gibt Situationen, in denen man sich ohnmächtig fühlt und nicht weiß, wie man da rausfinden soll. Zum Beispiel der Kollege, der regelmäßig seinen Arbeitsplatz verlässt und seine Raucherpausen auf eine halbe Stunde ausdehnt. In dieser Zeit ist er nirgends zu finden. Anrufe und Notrufe landen bei mir. Ich stelle ihn zur Rede. Er legt mir freundschaftlich die Hand auf die Schulter: „Mensch, wir sind doch Freunde, oder?“

Es ist schwer, sich neben solch einem Menschen zu behaupten. Man fühlt sich vereinnahmt und ausgenutzt zugleich. In meinem Freundeskreis kennt fast jeder so eine Geschichte. Es erfordert Widerstandskraft, sich nicht anstecken zu lassen, dass jemand ganz freundlich tut und trotzdem auf meine Kosten lebt. Wie schnell macht sich der Gedanke breit: Wenn der nicht arbeitet, dann tue ich im Job eben auch nichts mehr.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem heißt es in der Bibel. (Römer 12,21) Das ist leicht gesagt. Aber was heißt es? Klaglos und mit möglichst guter Laune die Arbeit für den Kollegen mitmachen? Eine Zeit lang habe ich das versucht. Aber ich habe gemerkt, dass ich die Unzufriedenheit dann mit nach Hause nehme. Dass ich bei meiner Frau und meinen Kindern ungeduldiger war als sonst. Dass ich früher auf mein Recht gepocht habe, mich energischer abgegrenzt habe. Nein, das will ich nicht. Dass meine Familie darunter leidet, dass ich im Beruf nicht sage, was Sache ist.

Eine Zeit lang habe ich dann versucht, meinen Ärger in den Griff zu bekommen, indem ich bete. Gott, mach mich ruhig, schenk mir inneren Frieden, schenk mir Bereitschaft, für andere da zu sein. Auf dem Gebot, überwinde das Böse mit Gutem liegt ja eine stille Verheißung. Die am Guten festhalten, dürfen sich besonders von Gott gesehen fühlen. Und doch: Der Friede, den ich habe, wenn ich klaglos zurückstecke, ist ein fauler Friede. Nach und nach wurde mir das klar. Eigentlich hatte ich meine Arbeit bis dahin immer gerne getan. Aber weil ich mich so ausgenutzt fühlte, wurde es für mich mit der Zeit zu einem richtigen Angang, morgens bei der Arbeit zu erscheinen.

Irgendwann ist mir klar geworden: Ich muss diese Situation ändern, auch wenn es Streit gibt. Ich habe meinen Kollegen dann vorbereitet: „Hör mal“, habe ich gesagt, „ich habe jetzt genug. In Zukunft, wenn ein Anruf kommt, und der ist für dich, stelle ich den in die Chefetage durch. Wenn die da oben fragen, wo du bist, sage ich, du bist nicht am Platz. Einfach, damit das klar ist.“

In den folgenden Tagen habe ich tatsächlich zwei, drei Anrufe nach oben durchgestellt. Das ist mir nicht leicht gefallen. Doch zugleich hatte ich das Gefühl, mit jedem durchgestellten Telefonat fällt eine Last von mir ab. Und seitdem ist es mir nicht mehr wichtig, wie lange oder wie kurz mein Kollege in seinen Pausen unterwegs ist. Ich bin an meinem Platz, ich mache meine Arbeit und meine Arbeit macht mir Freude. Und wenn ein Kollege wirklich Hilfe braucht, helfe ich gerne.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Nicht einfach ist das. Aber ein gutes Gefühl, wenn man es geschafft hat. Ihnen und mir wünsche ich, dass uns heute viel Gutes begegnet. Und uns stark macht für die kommende Woche. Ihr Pfarrer Ulrich Pohl aus Neuss.

 

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