Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.10.13; Pfarrer Ulrich Pohl

Aller Augen warten auf dich (Psalm 145)

Manchmal gewöhnt man sich an Dinge, ohne sie zu hinterfragen. Manchmal macht man bei etwas mit und weiß gar nicht, was man tut.

Man übernimmt Vorgegebenes und wiederholt lange überlieferte Worte, ohne darüber nachzudenken. So ging es mir mit dem Gebetsvers: „Aller Augen warten auf dich Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zu ihrer Zeit. Du tust deine milde Hand auf und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen.“

Guten Morgen Ihnen, die Sie am Radio sitzen und Sonntagskirche hören. Aller Augen warten auf dich, dieser Satz stammt aus dem Psalm 145 und ich bete sie jeden Morgen vor dem Frühstück. Für mich sind sie wie ein Signal, dass der Tag losgeht: Aller Augen warten auf dich. Ich warte auf dich, Gott, und bitte, dass du kommst und durch den Tag begleitest. Gott erwarten, das ist die Haltung, mit der ich durch den Tag gehen möchte.

Doch auf Gott warten ist nicht alles. Der Psalm 145 führt mich, wenn ich ihn nachspreche, in ein sehr zuversichtliches Bekenntnis hinein: „Und du, Gott, gibst ihnen ihre Speise zu ihrer Zeit.“ Du gibst ihnen Speise… Merkwürdig, zuerst denke ich dabei an die Vögel, mit deren Gesang der Morgen zumindest in der hellen Zeit des Jahres beginnt. Sie singen, sie rufen und Gott lässt sie finden, was sie suchen. Die Menschen warten, sie beten, und Gott gibt ihnen, was sie zum Leben brauchen. Gott tut uns Gutes, er gibt genug, und tut das mit Liebe zu jedem noch so geringen Lebewesen. Du, Gott, tust deine Hand auf und sättigt alles was lebt nach deinem Wohlgefallen.“ Ein schöner Vers, voller Harmonie, voller Dank, voller Wohlgefallen eben.

Papa, was betest du da eigentlich?, fragte meine nun erwachsene Tochter bei einem ihrer Besuche morgens am Frühstückstisch.

Das ist ein ganz normales Gebet, sage ich, kennst du das nicht? Hab ich schon mal gehört, sagt sie, aber würde ich so nie beten.

Wieso das denn nicht, sage ich, das stammt aus der Bibel, aus den Psalmen. - Aber es stimmt nicht, sagt sie. Guck dich doch mal um, es gibt jede Menge Menschen, die macht Gott überhaupt nicht satt. Die müssen hungern. Oder haben Angst um ihre Zukunft. Sie bekommen überhaupt nicht das, was sie brauchen. Arbeit zum Beispiel.

Manchmal übernimmt man Vorgegebenes, ohne es zu hinterfragen. Und manchmal ist es höchste Zeit, dass man es dann tut. Meine Tochter lebt zeitweise in Spanien, da kommt ihr Freund her und sie hat dort selbst viele Freunde. Sie erzählt mir, dass dort die Hälfte aller jungen Menschen unter 25 keine Arbeit hat. Wie viele von ihnen noch in der Wohnung ihrer Eltern wohnen und wie schwierig das für alle Beteiligten ist. Wie sich die jungen Leute zum Teil ausbeuten lassen müssen, um wenigstens irgendwie über die Runden zu kommen.

Ich habe mich ertappt gefühlt mit meinem Morgengebet. Du sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen, das kam mir plötzlich naiv und unbedacht gesprochen vor. Und doch: Am nächsten Morgen habe ich den Tag wieder mit diesem Gebet angefangen. Nur habe ich ihm innerlich eine andere Richtung gegeben: Wir warten auf dich Gott, wir vertrauen auf dich und wir loben dich für deine Güte - und bitte: Lass dich beim Wort nehmen. Erfülle, was wir vollmundig von dir behaupten. Sättige mit Wohlgefallen alles was lebt. Gib Speise allen, die auf dich schauen. Tu deine milde Hand auf. Tu deine milde Hand auf für alle, die hungern, die dürsten, die einsam sind, die sich nach Gerechtigkeit und Frieden sehnen. Aller Augen warten auf dich, Herr, aller Augen warten auf dich. Dass wir auf Gott warten lernen, und dass wir nicht umsonst auf ihn warten, das wünsche ich mir, dass wünsche ich Ihnen. Einen gesegneten Sonntag! Pfarrer Ulrich Pohl aus Neuss.

 

Audiobeitrag Aller Augen warten auf dich (Psalm 145)


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