Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.10.13; Pfarrer Bernd Becker

Senfkorn-Glaube

Guten Morgen liebe Hörerin, guten Morgen lieber Hörer! Glauben Sie an Gott? Und wenn ja: Haben Sie einen großen oder einen kleinen Glauben?

In der Bibel wird davon erzählt, wie die Jünger Jesus einmal darum bitten, dass er ihnen einen größeren Glauben geben soll. Sie machen sich Sorgen. Ihnen fehlt das Vertrauen, dass sie die Aufgaben meistern können, die vor ihnen liegen. „Stärke unseren Glauben“, so bitten sie Jesus. Stärke mich! Ich brauche mehr! Das, was ich habe reicht nicht, damit komme ich nicht aus. - „Stärke mir den Glauben!“ Auch ich könnte so vor Jesus stehen und ihn um mehr bitten. Auch ich will mehr, damit ich das Leben hinbekomme.

Manche Trauer, manche Sorge, die kann ich noch so sehr verdrängen und beiseite schieben, aber sie lasten vielleicht trotzdem schwer auf mir. Manche Menschen leiden unter der Angst, nicht zu genügen und das alles nicht zu schaffen, was vor ihnen liegt. Und auch sie denken: „Herr, stärke meinen Glauben!“ So stehen also die Jünger vor Jesus, ihrem Ratgeber und Lehrer. Eine große Portion frischen Glauben, das ist es, was sie jetzt brauchen. Jesus soll ihnen sagen: Alles wird gut! Aber Jesus antwortet mit einem merkwürdigen Vergleich. Er erzählt: „Wenn euer Glaube nur so groß wäre wie ein Senfkörnchen, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum hier sagen: 'Zieh deine Wurzeln aus der Erde und verpflanze dich ins Meer.' Und er würde euch gehorchen.“

Das ist ein absurdes Bild. Maulbeerbäume stehen für Größe und Macht. Sie können bis zu 600 Jahre alt werden; ihre Wurzeln reichen bis tief in die Erde. Das Senfkorn dagegen ist der Inbegriff von Winzigkeit. Kleiner geht es nicht. Ich meine, Jesus nimmt seine Freunde mit diesem fliegenden Baum auf den Arm. Er weiß ja, wonach sie sich sehen. Wie gerne hätten sie Gottvertrauen, so stark wie ein Maulbeerbaum. Es gäbe kein Schwanken und Zweifeln. Fest verwurzelt wäre dieser Glaube und durch nichts zu erschüttern. Und ich kann sie verstehen – es gibt ja so viele große Vorbilder und Glaubenshelden. Wie gerne wäre ich manchmal wie sie. Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King, Nelson Mandela... Wie gerne würden die Jünger, wie gerne würde ich, die Welt bewegen und Wunder bewirken. Dann wären auch wir Helden des Glaubens. Wir könnten Bäume ausreißen, Berge versetzen, Kranke heilen, Gerechtigkeit schaffen und die ganze Welt retten. Doch gegen solche Glaubenshelden wirkt man manchmal ganz klein und mickrig. Glaube ich genug? Ist mein Glaube groß und stark, oder klein und winzig? „Warum willst du mehr?“, fragt Jesus. Du hast doch Glauben. Ganz wenig, kleiner als ein Senfkorn, fast nicht zu sehen, aber das reicht. Es geht beim Glauben nicht um „viel oder wenig“. Kein Mensch hat mehr oder weniger Glauben. Es gibt nur: Glauben. Und das ist kein Besitz, den man vermehren kann. Wir brauchen also gar keinen besonders großen Glauben, sondern schlicht den Glauben an einen großen Gott. Glaubensstress, die Sehnsucht nach immer mehr Glauben oder nach besonderer Frömmigkeit – das ist absurd. Beim Glauben geht es um Vertrauen und um Hoffnung auf das Unmögliche. Da fliegen Bäume, da ist das Winzige voller Kraft. Das ist ein verrücktes Bild, das Jesus meinen Sorgen entgegenstellt. Die sind dann zwar nicht weg, aber sie sind nicht alles. Und Jesus lächelt mich an und vertraut auf meinen Glauben. Auf meinen kleinen Glauben.

Mehr, liebe Hörerin, lieber Hörer, braucht´s nicht, das ist doch mal eine gute Nachricht, meint Ihr Pfarrer Bernd Becker aus Bielefeld.

 

Audiobeitrag Senfkorn-Glaube


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