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Gott die Ohren reiben
Guten Morgen liebe Hörerin, guten Morgen lieber Hörer! Beten Sie eigentlich? Ich kenne Menschen, die beten täglich. Einige tun es dagegen nur am Sonntag oder vor dem Essen.
Andere wiederum beten nie. Manche haben tief in ihrem Inneren sogar Hemmungen, Gott mit ihren Sorgen zu behelligen. Der große Gott hat doch gewiss anderes zu tun, als ihre Bitten anzuhören! Und diese Bitten sind dann manchmal auch noch so persönlich! Darf man denn seine eigenen Wünsche vortragen? Ist das nicht unangemessen, Gott um vermeintliche Kleinigkeiten zu bitten - wie das eigene Glück, das eigene Wohlergehen? Wo es doch in der großen Welt so Viele gibt, die nichts zu essen und kein Dach über dem Kopf haben.
Und dann kenne ich solche Menschen, die schon so oft enttäuscht wurden. Sie beten vielleicht noch manchmal - aber ohne allzuviel Vertrauen.
In der Bibel erzählt Jesus die Geschichte von einer Frau, einer Witwe, die einen Richter bedrängt. Sie möchte, dass er ihr Recht (zu)spricht. Weil die Witwe ihn so beharrlich bittet, lenkt er schließlich ein. Er hat Sorge, dass sie ihm sonst einfach keine Ruhe lässt.
Genauso sollt ihr es bei Gott machen, meint Jesus. Die Witwe in der Geschichte ist nicht ängstlich und auch nicht ehrfurchtsvoll gegenüber dem Richter. Sie weiß, was sie will und sie trägt es vor. Sie nervt regelrecht. Es geht schließlich um ihr Recht! Da der Richter ihr zunächst nicht helfen will, geht sie ihm beharrlich auf den Geist. Die Witwe lässt sich nicht abwimmeln, und so führt ihre Hartnäckigkeit zum Ziel. Sie lässt sich nicht entmutigen, sondern bleibt dran. Und sie erreicht schließlich, was sie will: ihr gutes Recht!
Sollte Gott also nicht erst recht auf diejenigen hören, die Tag und Nacht zu ihm rufen?, so erklärt Jesus diese Geschichte.
Ich kann Gott wie die Witwe dem Richter meine Sorgen und meine Bitten vortragen. Und ich muss das gar nicht zaghaft oder ängstlich tun. Ich muss auch nicht die richtigen Worte finden. Es geht eher darum, dass ich nicht zu schnell aufgebe. Auch wenn sich nicht gleich das erfüllt, was ich mir erhofft habe. Martin Luther hat einmal gesagt: Man soll Gott im Gebet die Ohren reiben, bis sie heiß werden.
Ein schönes Bild, wie ich finde. Gott hört. Gott wird antworten - aber dann und auf eine Weise, wie er es für richtig hält.
Ich wünsche Ihnen, liebe Hörerin, lieber Hörer, dass Sie erleben, wie Gott ihre Gebete erhört. Sie können jedenfalls sicher sein, dass er sie hört. Manchmal antwortet er aber vielleicht anders darauf, als wir erwarten. Mark Twain hat einmal gesagt: Wen Gott wirklich strafen will, dem erhört er seine Gebete. Das klingt vielleicht etwas böse oder zynisch. Aber im Kern finde ich den Spruch gut. Denn er erinnert mich daran, dass ich selbst vielleicht gar nicht immer weiß, was richtig für mich ist. Manches im Leben hätte ich rückblickend womöglich anders entschieden oder anders gewollt. Manches dagegen, was ich mir wünsche, liegt klar auf der Hand: Gesundheit, Wohlergehen oder Frieden. Und hier habe ich also das Recht, Gott die Ohren zu reiben, bis sie heiß werden. Genau wie in der Geschichte von der bittenden Witwe. Wenn Sie beten, bleiben Sie dran! Wenn Sie lange nicht mehr gebetet haben, versuchen Sie es erneut! Gott selbst ermutigt dazu. Und bitte nicht nachlassen! Ihr Pfarrer Bernd Becker aus Bielefeld.
Gott die Ohren reiben
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