Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.10.13; Dr. Martin Dutzmann

Auf der Habenseite

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, mein Bruder ist zwei Jahre älter als ich. Genau genommen: zwei Jahre und drei Tage.

Seit wir unser Elternhaus verlassen haben, rufe ich ihn zu seinem Geburtstag an: „Hallo Bruderherz, ich gratuliere dir zum Geburtstag und wünsche dir für dein neues Lebensjahr Gesundheit, Glück und Zufriedenheit.“ Und dann folgt seit Jahrzehnten immer dieser Satz, er funktioniert nur für diese drei Tage: „Jetzt bist du wieder drei Jahre älter als ich.“

Ich sage das, um meinen Bruder ein bisschen aufzuziehen. Als Kind war er auf jeden Tag stolz, den er älter war als ich. Älter zu sein das bedeutete für ihn: Ich weiß mehr als mein kleiner Bruder, denn ich bin in einer höheren Schulklasse. Ich darf mehr als er, denn ältere Kinder dürfen immer mehr als jüngere. Und nicht zu vergessen: Ich bin stärker als der Kleine.

Irgendwann kehrte sich die Sache allerdings um. Wir waren älter geworden und hatten das erreicht, was man die „Lebensmitte“ nennt. Mein Bruder war nicht mehr stolz darauf, der Ältere zu sein. Warum auch? Wenn man etwa fünfzig Jahre alt ist, machen zwei Jahre Altersunterschied nicht mehr viel aus, von den drei Tagen ganz zu schweigen.

Manche Menschen geraten in der Lebensmitte in eine Krise. Sie schauen zurück und fragen zweifelnd: „Soll das alles gewesen sein?“ Und: „Was kann eigentlich jetzt noch Neues kommen?“ Manche tun in ihrer Panik verrückte, einige sogar verantwortungslose Dinge. Noch einmal einen Kick bekommen! Noch einmal das Leben spüren, bevor es zu spät ist!

„Jetzt bist du wieder drei Jahre älter als ich.“ Wenn ich das meinem Bruder an seinem Geburtstag genüsslich vorhalte, dann ist das eine Frotzlelei unter Geschwistern. Allerdings eine mit ernstem Hintergrund. Ich bekomme dann auch immer sofort die passende Antwort: „Freu dich nicht zu früh, in drei Tagen ist das wieder vorbei.“ So geht das schon seit Jahren.…

Irgendwann rief ich meinen Bruder wie gewohnt zu seinem Geburtstag an. Wir wiederholten den inzwischen vertrauten Dialog. Am Schluss fügte er dann diese Bemerkung hinzu: „Und damit du es weißt: Ich habe schon zwei Jahre mehr auf der Habenseite als du.“ Mir verschlug es die Sprache, denn so hatte ich das bisher nicht gesehen. Ich hatte immer nur auf die Lebenszeit geschaut, die vielleicht noch verbleibt – und bedauert, dass die mit jedem Tag kürzer wird. Mein Bruder stieß mich an, die Perspektive zu wechseln: Schau auf die Zeit, die du bereits gelebt hast. Die kann dir keiner mehr nehmen.

Ich habe mir inzwischen auch angewöhnt, mein Leben von der Habenseite her zu betrachten. Nicht zu klagen: „Jetzt bin ich schon 57 Jahre alt, und mehr als die Hälfte meines Lebens ist vorbei.“ Sondern zu sagen: „57 Lebensjahre hat Gott mir schon geschenkt. Keines davon habe ich verdient, auf keines hatte ich einen Anspruch.“

In einem Psalm aus der Bibel heißt es: „Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.“

Dass Sie Gottes Güte in Ihrem Leben entdecken können, das wünscht Ihnen, besonders den Geburtstagskindern unter Ihnen. Ihr Martin Dutzmann aus Berlin.

 

Audiobeitrag Auf der Habenseite


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