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Geliehene Worte
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, September 1989. Als Gemeindegruppe aus dem Bergischen Land besuchen wir unsere Partnergemeinde in Brandenburg.
Wie üblich lassen wir die Formalitäten und die eine oder andere Schikane an der innerdeutschen Grenze über uns ergehen. Müde aber wohlbehalten kommen wir bei den Freunden an. Sofort spüren wir: In diesem Jahr ist die Stimmung anders als sonst. Die Menschen sind in gespannter Erwartung und zugleich in großer Sorge. Ungarn hat seine Grenze nach Westen geöffnet. Seit Wochen schon verlassen Bürgerinnen und Bürger der DDR ihr Land. Wie lange wird sich die Staatsführung das noch gefallen lassen? Wird sie Gewalt gegen das eigene Volk anwenden wie damals bei den Ar-beiteraufständen am 17. Juni 1953? Ganz unwahrscheinlich ist das nicht. Gerade erst hat die chinesische Regierung Proteste von Studenten niederschlagen lassen. Ausgerechnet auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking. Oder wird es doch ganz anders kommen? Wird es doch eine friedliche Lösung geben?
Während unseres Besuches bereiten wir gemeinsam den Abschlussgottesdienst vor. Wir wollen unsere Sorgen, aber auch unsere Hoffnung gemeinsam vor Gott bringen. Und wir wollen für den Frieden beten. Aber das ist leichter gesagt als getan. Einer hat Bedenken: Es werden Stasi-Spitzel im Gottesdienst sein. Die schreiben jedes Wort mit, und wer ein falsches Wort sagt, muss mit Kon-sequenzen rechnen. Wir sind ratlos: Wie können wir sagen, was jetzt gesagt werden muss, ohne dass Menschen dadurch gefährdet werden? Irgendwann kommt einem von uns die rettende Idee: Dann leihen wir uns doch einfach die Worte! So geschieht es: Gemeinsam suchen wir in der Bibel und im Gesangbuch nach Texten, die in genau diese Lage hineinsprechen. Wir suchen nach Worten, die die diese Mischung aus Sorge und Hoffnung aufnehmen. Nach Worten, die den Menschen Mut machen und sie zuversichtlich nach vorn schauen lassen
Am Sonntag im Gottesdienst singt die Gemeinde dieses Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch: Jesu, hilf siegen, du Fürste des Lebens; sieh, wie die Finsternis dringet herein, wie sie ihr hölli-sches Heer nicht vergebens mächtig aufführet, mir schädlich zu sein. Satan, der sinnet auf allerhand Ränke, wie er mich sichte, verstöre und kränke. Alte Worte sind das, fast dreihundert Jahre alt. Und sperrig. Unter normalen Umständen würden viele die Stirn runzeln und fragen: Was ist denn ein Fürste des Lebens? Wer ist das höllische Heer? Was soll das mit dem Satan, der auf allerhand Ränke sinnt? An diesem Sonntagmorgen muss keiner Fragen stellen. Jeder und jede weiß, wer gemeint ist: Das DDR-Regime und sein Staatssicherheitsdienst. Die alten Worte entfalten spürbar ihre Wirkung
Als wir dann die dritte Strophe des Liedes singen, werfen manche Gemeindeglieder einander vielsagende Blicke zu. Einige wirken erleichtert, andere schmunzeln: Jesu, hilf siegen und lass mich nicht sinken; wenn sich die Kräfte der Lüge aufblähn und mit dem Scheine der Wahrheit sich schminken, lass doch viel heller dann deine Kraft sehn. Steh mir zur Rechten, o König und Meister, lehre mich kämpfen und prüfen die Geister.
Das alles ist Geschichte. Menschen können heute frei und öffentlich reden, auch in Brandenburg, Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Trotzdem kommt es immer noch vor, dass uns die Worte fehlen. Dass wir keine Worte haben für das, was uns Angst macht und das Herz beschwert. Oder dass wir nicht ausdrücken können, was uns mit Freude erfüllt. Dann kön-nen wir uns Worte leihen. Zum Beispiel Worte aus dem Gesangbuch oder aus der Bibel. Die sind nämlich nicht vergangen, sondern befreien und trösten auch heute.
Es grüßt Sie Ihr Martin Dutzmann aus Berlin.
Geliehene Worte
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