Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.10.13; Dr. Martin Dutzmann

Du oder Sie

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, es war bei einer Geburtstagsfeier.

Zu vorgerückter Stunde unterhalte ich mich mit einer Kollegin, die ich erst seit ein paar Monaten kenne. Auf einmal sagt sie: „Wollen wir nicht ‚Du’ zueinander sagen?“ Mir ist unwohl dabei. Zum einen bin ich der Ältere und habe gelernt, dass der oder die Ältere das Du anbietet. Viel wichtiger ist aber, dass unsere Beziehung noch nicht zu der vertrauten Anrede passt. Wir kennen uns noch nicht lange und wissen wenig voneinander. Erst recht wissen wir nicht, ob wir „auf einer Wellenlänge funken“. Mir ist das einfach noch zu früh. Trotzdem willige ich ein. Ein angebotenes Du ablehnen – das tut man einfach nicht.

Ich bin mit vielen Menschen per Du. Mit einigen bin ich verwandt, andere kenne ich seit Kindertagen oder aus der Zeit meines Studiums. Und dann sind da die, die mir das „Du“ angeboten haben. Manchmal hatte ich die neue Anrede erwartet oder sogar ersehnt, weil zwischen uns Vertrauen ge-wachsen war. Manchmal kam das Angebot überraschend, und ich hätte es lieber abgelehnt – wie bei der Geburtstagsfeier.

Auch ich habe dann und wann den ersten Schritt getan: Sollen wir nicht „Du“ zueinander sagen? Ich habe mir das vorher immer gut überlegt und mich gefragt: Drückt diese Anrede aus, was mich mit diesem Menschen verbindet? Will der andere das eigentlich oder trete ich ihm mit meinem Angebot zu nahe? Und wie wird das sein, wenn wir einander duzen und uns irgendwann einmal streiten? Mein Vater sagte immer: „Du Dummkopf! sagt sich im Streit leichter als „Sie Dummkopf!“ Recht hatte er.

In meinem Bekanntenkreis beobachte ich solche Zurückhaltung eher selten. Die Menschen sind heute schneller per Du als noch vor einigen Jahrzehnten. In manchen Belegschaften und Kollegien ist das Du ein Muss.

Warum tun Menschen das? Weil sie glauben, dass die vertraute Anrede ihnen hilft besser zusammen-zuarbeiten und Konflikte zu vermeiden? Das ist eine Illusion. Ob Menschen Vertrauen zueinander fassen und achtsam miteinander umgehen, hängt nicht daran, ob sie „Du“ zueinander sagen.

Vielleicht entspringt das schnelle „Du“ der Sehnsucht, dazuzugehören und geborgen zu sein. Verste-hen kann ich das. Die Orte, an denen unsere Eltern und Großeltern sich geborgen fühlten, sind vielfach brüchig geworden – das Heimatdorf, die Familie. Auch bestimmte Bräuche und Traditionen haben sich verloren. Manch einer weiß nicht mehr recht, wo er hingehört. Manch eine fühlt sich kaum irgendwo zu Hause. Das schnelle „Du“ im Büro, im Team, unter Kollegen, vielleicht soll es dieses Gefühl herstellen: Hier gehöre ich hin, hier gehöre ich dazu.

Gott sagt „Du“ zu uns. Er geht mit uns eine Beziehung ein. Menschen, die glauben, spüren genau, dass sie sich auf Gott verlassen können. Sie haben Vertrauen. In der Bibel heißt es: So spricht der HERR: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Und die Bibel erzählt, wie die Menschen Gott anreden. Mit „Abba“, das bedeutet so viel wie „Vater“, sogar eher „Papa“: „Ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“ schreibt der Apostel Paulus an die Römer. So vertraut kann unser Verhältnis zu Gott sein.

Wer auf Gott vertraut, weiß: Ich bin niemals allein. Wer sich bei Gott geborgen weiß, kann sich bei den zwischenmenschlichen Beziehungen Zeit lassen. Zeit, diese Beziehungen wachsen und reifen zu lassen. Ich bin dankbar dafür, dass wir das in unserer Sprache mit dem Wechsel vom „Sie“ zum „Du“ unterstreichen können.

Dass Sie heute Menschen begegnen, denen Sie vertrauen können, das wünscht Ihnen Ihr Martin Dutzmann aus Berlin.

 

Audiobeitrag Du oder Sie


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