Zu Herzen
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, Danke!, sagt die alte Frau. Es kommt so richtig von Herzen. Sie schaut mich dabei an. Ich werde den Moment nie vergessen.
Ehrlich gesagt hatte ich kaum noch damit gerechnet. Denn angefangen hatte alles ganz anders. An diesem Morgen hatte ich mich zum Alten- und Pflegeheim aufgemacht. Eine Bewohnerin, die kürzlich erst eingezogen ist, hat Geburtstag. Ich will ihr gratulieren und mich als ihr neuer Pastor vorstellen. Da sind Sie leider vergeblich gekommen! sagt die junge Altenpflegerin und zuckt bedauernd die Schultern.
Wieso vergeblich? Ist die neue Bewohnerin schon wieder ausgezogen? Oder ist sie gleich nach ihrem Einzug verstorben? Weder das eine noch das andere trifft zu. Die Schwester ergänzt: Seit die alte Dame hier ist, hat sie kein Wort gesprochen. Mit ihrem Sohn und mit ihrer Schwiegertochter nicht und auch mit keinem von uns. Aber Sie können ja mal Ihr Glück versuchen.
Ich gehe also zum Zimmer der Bewohnerin und finde sie auf dem Rücken in ihrem Bett liegend. Die Augen hat sie geöffnet, den Blick starr an die Zimmerdecke gerichtet. Mit keiner Bewegung gibt sie zu erkennen, dass sie mich wahrgenommen hat.
Guten Morgen! Ich bin Ihr neuer Pastor und möchte Ihnen zum Geburtstag gratulieren. Keine Reaktion. Sie wohnen noch nicht lange hier. Es ist bestimmt nicht einfach, im hohen Alter noch einmal umzuziehen. Schweigen. Kommen denn Ihr Sohn und Ihre Schwiegertochter heute zu Ihrem Geburtstag? Wieder keine Antwort. Bin ich wirklich umsonst gekommen, wie die Schwester das vermutet hat? Spürt die alte Dame wenigstens, dass ich hier bin? Mich einfach so verabschieden, das möchte ich auch nicht. Bevor ich gehe, möchte ich noch den 23. Psalm mit Ihnen beten. Den kennen Sie bestimmt aus dem Konfirmandenunterricht. Wieder reagiert sie nicht, aber ich fange an:
Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Auf einmal sehe ich, wie sich ihre Lippen bewegen. Sie scheint die Worte mitzusprechen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir
Tatsächlich folgt sie jedem Satz. Und dann geschieht es: Als ich das Amen gesprochen habe, dreht die alte Dame den Kopf zu mir, schaut mich an und sagt laut und vernehmlich: Danke. Es kommt so richtig von Herzen. Dann wendet sie sich wieder ab und schweigt.
Vielleicht, liebe Hörerin, lieber Hörer, haben manche diese Worte aus dem 23. Psalm gerade wieder erkannt. Womöglich mitgesprochen in Gedanken oder sogar hörbar. Es ist der wohl bekannteste Psalm. Ein Gedicht. Ein Stück Weltliteratur. Ein Gebet, das Menschen sprechen können, wenn die eigene Sprache versagt. Vielen gehen die Bilder dieses alten Gebetes zu Herzen. So wie der alten Dame, der es nach dem Umzug ins Pflegeheim die Sprache verschlagen hatte. Ein guter Hirte. Ein treuer Begleiter. Ein großzügiger Gastgeber. Wunderbare, tröstende Bilder für Gott.
Danke sagte die alte Frau, nachdem ich ihr den 23. Psalm vorgesprochen hatte. Dieser knappe Dank galt bestimmt auch mir. Ich bin aber sicher, dass der Dank sich vor allem an Gott richtete. An den Gott, der mit uns geht und bei uns bleibt. Gerade dann, wenn uns das Herz schwer ist.
Dass sie sich auf den Wegen, die Sie heute gehen, von Gott begleitet und behütet wissen, das wünscht Ihnen Ihr Martin Dutzmann aus Berlin.
Zu Herzen
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