Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.09.13; Dr. Martin Dutzmann

Abschied nehmen

Guten Morgen liebe Hörerin, lieber Hörer, Auf dem Flur stehen Umzugskartons. Die Tochter zieht aus.

Ihr Ausbildungsplatz ist mehr als hundert Kilometer vom Elternhaus entfernt. Die Mutter kämpft mit den Tränen, als sie das Kuscheltier in den Karton mit der Bettwäsche legt. Der Vater lässt sich den Abschiedsschmerz nicht so deutlich anmerken. Aber auch ihm ist das Herz schwer…

Sonntagabend auf dem Bahnsteig. Der ICE ist eingefahren, die Türen sind geöffnet. Eine letzte Umarmung noch und ein Kuss. Dann steigt er ein. „Zurückbleiben bitte!“ tönt es aus dem Lautsprecher. Die Türen schließen sich, der Zug gleitet davon. Sie winkt und winkt. Ob er sie noch sehen kann? Abschiede gehen zu Herzen…

Ab morgen wartet vierhundert Kilometer von Detmold entfernt ein neuer Arbeitsplatz auf mich. Ich freue mich auf den Wechsel. Ich bin gespannt auf die neuen Kolleginnen und Kollegen, auf die beruflichen Herausforderungen und natürlich auf die Hauptstadt Berlin mit ihren vielen Möglichkeiten. Aber heute heißt es erst einmal: Abschied nehmen. Abschied von Menschen, die mir im Lauf der Jahre ans Herz gewachsen sind. Und von denen, über die ich mich manchmal geärgert habe und die wahrscheinlich auch mit mir nicht immer gut zurecht gekommen sind.

Abschied nehmen heißt es im Deutschen. Das will ich tun. Ich will entgegennehmen, was meine bisherigen Weggefährtinnen und –gefährten mir mitgeben. Einige werden auf die gemeinsame Zeit zurückschauen. Ernsthaft die einen, augenzwinkernd die anderen. Vermutlich werden sie an das erinnern, was gelungen ist – und hoffentlich sind sie nachsichtig bei dem, was ich ihnen schuldig geblieben bin. Ich will versuchen, mir beides gefallen zu lassen. Gerne werde ich auch annehmen, was sie mir mit auf den Weg geben: Segenswünsche vielleicht und wohl auch die eine oder andere Ermahnung…

Aufbrechen und etwas Neues anfangen ist toll. Aber Abschied nehmen gehört dazu. Wer Abschied nimmt, lässt Vertrautes hinter sich. Die Zukunft ist noch ungewiss. Deshalb begleiten Fragen jeden Abschied: Werden die guten Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, mich am neuen Ort stark machen? Werde ich wenigstens zu einigen Menschen den Kontakt halten können, die ich heute verlasse? Wie lange wird es dauern, bis am neuen Ort Vertrauen zu anderen Menschen wächst?

Manche Menschen wollen jeden Abschied vermeiden. Auf dem Bahnhof zum Beispiel. Oder auf dem Parkplatz vor der Schule. Kurz und schmerzlos. Keine großen Gesten, keine Worte, keine Tränen. Lieber Augen zu und durch. Ich kenne Menschen, die wollen am liebsten sogar dem letzten Abschied ausweichen. „Wenn ich sterben muss, dann will ich tot umfallen und einfach weg sein“, sagen sie. Einerseits kann ich das gut verstehen: Wer will schon starke Schmerzen leiden oder gar „dahinsiechen“, bevor der Tod all dem ein Ende setzt? Andererseits habe ich als Seelsorger oft anderes erlebt. Ich habe erlebt, wie Sterbende bewusst Abschied nehmen wollten. Manch einer konnte sogar überhaupt erst sterben, nachdem er einen bestimmten Menschen ein letztes Mal gesehen und gesprochen hatte…

Ich weiß, dass ich über Art und Zeitpunkt meines Todes nicht bestimmen kann. Aber ich wünsche mir sehr, dass Gott mir die Zeit lässt Abschied zu nehmen. Von den Menschen, die mit mir unterwegs waren. Von meinem eigenen Leben. Ich möchte mich noch einmal an all dem Schönen freuen, das ich erleben durfte. In alten Fotoalben blättern. Mich auch an schwere Zeiten erinnern, verpasste Gelegenheiten und ungenutzte Chancen ein letztes Mal betrauern. Alles zusammen will ich in Gottes Hände legen. Er hat versprochen, die Einzelteile meines Lebens zu einem neuen Ganzen zusammenzufügen…

Unser Leben ist von Abschieden durchzogen, von großen und kleinen, von traurigen und weniger schmerzhaften, von vorübergehenden und von endgültigen. Ich will mich diesen Abschieden stellen –dem heutigen, den künftigen und dem letzten Abschied. Ich will die Abschiede annehmen, will jeden Abschied aus Gottes Hand nehmen und auf das vertrauen, was der 121. Psalm mir zusagt: „Der Herr segne deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“

Es grüßt Sie – zum letzten Mal aus Detmold – Ihr Landessuperintendent Martin Dutzmann

 

Audiobeitrag Abschied nehmen


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