Amos beobachtet
Ein Markt in Bethlehem. Ein Bauer will einem Händler getrocknete Minzblätter verkaufen. Ein älterer, aufrechter Mann vom Land mit kaputter Kleidung. Es kommt zum Eklat.
Der Händler sagt: Die Blätter wiegen 40 Schekel. Mehr nicht. Der Bauer widerspricht. Darauf der Händler: Du siehst doch meine Waage. Willst Du etwa behaupten, dass ich die Gewichte fälsche? Ich habe zuhause selbst gewogen, es waren 50 Schekel, genau ein Pfund, beharrt der Bauer. Wenn Deine Waage im gleichen Zustand ist wie Dein Mantel, dann dürfte wohl alles klar sein! Der Gehilfe des Händlers lacht hämisch. Der Bauer verstummt. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als seine Minze unter Wert zu verkaufen. Obwohl er weiß, dass er betrogen wird. Es gibt niemanden, an den er sich wenden könnte.
Der Prophet Amos hat diese Szene beobachtet. Vor 2.800 Jahren. Er selbst züchtete Schafe und Feigen und wusste, wie hart das Geschäft war. Aber dann träumte er Nacht für Nacht, dass seinem Land Israel eine Katastrophe bevorstand. Er würde etwas tun müssen gegen die Ungerechtigkeit. Das erwartete Gott von ihm.
Denn Gott ist nicht nur der nachsichtige Gott. Der Gott, der immer vergibt, solange ihm genug geopfert wird. So sagten es zwar die Priester. Aber seit seinen Träumen war Amos überzeugt: Gott will Gerechtigkeit. Er will nicht, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden.
Deshalb musste Amos seine Stimme erheben auch wenn er nur ein einfacher Mensch war. Er musste die Verhältnisse anklagen und so vielleicht ein Beben auslösen.
Amos machte sich auf den Weg in die Hauptstadt. Erlebnisse wie die Szene auf dem Markt bestätigten ihn: Die Gesellschaft war aus dem Gleichgewicht gekommen. Die Armen konnten ihr Recht nicht mehr durchsetzen. Als er durchs Stadttor kam, verhandelte gerade ein Gericht über einen überschuldetenTagelöhner. Der hatte sich Geld für ein Paar Schuhe geborgt. Nun war der Stichtag gekommen, aber er konnte es nicht zurückzahlen. Der Mann bekniete den Richter um einen Aufschub. Er habe nichts mehr anzubieten und bat um eine Woche Geduld, weil er auf ein Erbe hoffte. Aber der Richter ließ sich nicht erweichen. Der Tagelöhner wurde verurteilt. Er wurde zum Schuldsklaven seines Gläubigers. Bei den Umstehenden wurde von Bestechung gemurmelt. Von Geschenken an den Richter. Aber keiner traute sich, etwas laut zu sagen.
Am Abend kam Amos nach Jerusalem. Er konnte bei einem Händler übernachten, der seine Feigen verkaufte. Amos hätte nicht für möglich gehalten, wie reich der Händler geworden war. Auch Dank seiner Feigen. Ohne jemals hart gearbeitet zu haben. Er hatte ein Haus aus behauenen Steinen. Mit Elfenbein geschmückte Möbel. Erlesenes Essen. Und aus dem Frauengemach war Musik zu hören und enthemmtes Lachen. Eine lallende Stimme verlangte nach neuem Wein.
Ob sein Händler rechtmäßig zu seinem Reichtum gekommen war? Oder ob er auch die Waage fälschte und die Richter bestach? Ob auch er Geld verlieh und die Schulden skrupellos eintrieb? So sah es aus in dem Land, in dem Amos ein Beben auslösen sollte. Wie er das anstellte, können Sie morgen hören. Wieder um diese Zeit.
Amos beobachtet
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