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Amos träumt
Früher hatte er Schafe gezüchtet. Und Feigen. Bis seine Träume kamen. Die brachten alles durcheinander. Seine Feigen waren eine Delikatesse.
Saftige, rotgoldene Maulbeerfeigen. Wenn er sie bearbeitete, war ihr Aroma nicht zu überbieten. Die Händler hatten sie ihm aus den Händen gerissen und den Reichen als Delikatessen verkauft. Auch er hatte dabei ein hübsches Geschäft gemacht.
Seine Schafe musste er nur am Anfang selber hüten. Er hatte sich für Fettschwanzschafe entschieden. Sie lieferten üppiges Fett aus dem Schwanz und wunderbar mageres Fleisch und waren dennoch genügsam. Die Tiere mussten schließlich mit dem dürren Boden zurechtkommen. Denn er lebte bei Tekoa, südlich von Bethlehem, am Rand der judäischen Wüste. Vor 2.800 Jahren.
Er hatte ein glückliches Händchen. Amos, sagten die Leute oft zu ihm, Amos, aus Dir wird noch was. Wenn Du so weitermachst, gehörst Du bald selbst zu den feinen Leuten, die sich Deine Schafe leisten können. Die auf ihren Elfenbeinbetten liegen und Wein saufen! Er hatte dann immer gelacht. Hatte sich über die Anerkennung gefreut, die aus ihren Scherzen sprach. Und heimlich von dem Luxus geträumt, den er nur vom Erzählen kannte.
Aber dann begannen die Träume, die Amos zum Propheten machten. Albträume, aus denen er schweißgebadet aufwachte. Entweder sah er Schwärme von Heuschrecken, die das Land kahl fraßen. Oder eine Feuerwalze, die alles verbrannte. Er traute sich nicht mehr, einzuschlafen. Kaum schloss er die Augen, drohte wieder eine Katastrophe. Er begann, vor dem Einschlafen zu beten: Gott, schenke mir einen ruhigen, traumlosen Schlaf.
Und tatsächlich wurden ihm einige ruhige Nächte geschenkt. Nur einmal sah er einen Korb mit reifem Obst, in dem es plötzlich von Würmern und Maden wimmelte. Und dann kam der Traum, der ihn nicht mehr losließ. Er war im Vorhof des Tempels, in den sonst nur die Priester dürfen. Er stand vor dem Brandopferaltar. Und er sah Gott selbst, wie er auf dem Altar stand. Gott sagte zu ihm: Schlage auf die Kapitelle der Säulen, so dass der ganze Bau erbebt. Und er schlug. Ein Erdbeben erschütterte das ganze Land. Häuser stürzten ein. Die prächtigen Paläste der Reichen lagen in Trümmern.
Was sollte er mit diesem Traum anfangen? Seit Tagen, seit Wochen hatte er geträumt, dass sein Land zerstört würde. Durch Heuschrecken, durch Feuer. Aber diese Träume hatten wieder aufgehört. Jetzt wusste er, was kommen würde: ein Erdbeben. Und er würde es auslösen. Das war das größte Rätsel für ihn. Wie sollte er ein Erdbeben auslösen?
Lange hat Amos über das nachgedacht, was er gesehen hatte. Es war der letzte seiner Träume gewesen. Als ob er sagen wollte: Dem ist nun nichts mehr hinzuzufügen. Sein Land wie verfaultes Obst. Von Maden zerfressen. Waren das die Reichen, die seine Feigen und Schafe verspeisten? Von dem Geld, das sie den Armen abpressten? Plötzlich war ihm klar: Er musste ein Erdbeben auslösen, indem er dieses Unrecht anprangerte. Wenn eine Gesellschaft ungerecht wird, erlaubt Gott kein Schweigen. Wer das erkennt, muss auf die Straße gehen auch, wenn er bislang nichts zu sagen hatte. Amos musste das System anprangern, von dem er selbst ein Teil geworden war. Wie ihm das gelang, können Sie morgen hören. Wieder um diese Zeit.
Amos träumt
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