Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.09.13; Pfarrer Peter Krogull

Geistliches Training mit Soren Kierkegaard

Autor: Vor einem Jahr musste ich mir eine neue Laufstrecke suchen. Meine Familie und ich sind nach Kopenhagen umgezogen.

Seitdem jogge ich durch den Park der dänischen königlichen Bibliothek. Dort steht das Denkmal von Søren Kierkegaard. Im Vorbeilaufen werfe ich der Statue des großen Philosophen und Theologen manchmal einen Blick zu. Nachdenklich sitzt der steinerne Kierkegaard dort auf einem Stuhl und schreibt an einem Buch. Welches Buch es ist, kann man nicht erkennen. Vielleicht die „Einübung im Christentum“, eine von Kierkegaards wichtigsten Schriften? Ich würde das passend finden, denn dieses Buch ist Jogging für die Seele und Training für den Glauben.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Mein Name ist Peter Krogull und ich bin Hauptpastor der Sankt Petri Kirche in Kopenhagen, der deutschsprachigen Gemeinde in der dänischen Volkskirche. Unsere Kirche liegt im Herzen der dänischen Hauptstadt, wo Søren Kierkegaard fast sein ganzes Leben verbracht hat. Kopenhagen feiert in diesem Jahr den 200. Geburtstag Kierkegaards. Auch ich will ihn heute Morgen hochleben lassen.

Musik: Track 1”Det er mig der holder træerne sammen” von gleichnamiger CD, Interpreten: Under Byen; Music and Lyrics: K. Stochholm, H. Sennenvaldt; 2005, Label: SPV Recordings; LC-Nummer: 08100; SPV 085-70922.

Sprecher (Kierkegaard): „Ich hörte letzten Sonntag einen theologischen Kandidaten Clemmensen zum Nachmittagsgottesdienst in der Erlöserkirche predigen. Es war mein Geburtstag. Clemmensen hielt eine bescheidene Predigt, aber so wie ich sie schätze. In diese Predigt brachte er nun vermutlich unwissentlich eine höchst poetische Schönheit hinein. Er hatte gepredigt über das Leben als ein Heimgehen zum Vater nach dem Evangelium. Dann kam das Gewöhnliche: dass das Leben ein Weg sei. Darauf wurde ein Bild durchgeführt von einem Vater, der seinen Sohn hinaussendet in die Welt, recht hübsch. Dann verließ er das Bild und das Bild wurde Wirklichkeit: unser Verhältnis zu Gott. Und da sagte der Prediger: Und wenn dann endlich die Todesstunde kommt und das Wanderkleid abgelegt und der Stab niedergelegt wird – und das Kind zum Vater heimgeht. Vortrefflich! Ich wette, dass der Prediger ganz unwissentlich dazu gekommen ist, das zu sagen; vielleicht hätte er sogar, falls er darüber nachgedacht hätte, vorgezogen zu sagen: die Seele oder dergleichen. Aber nein, - das Kind geht heim zum Vater - sagte er. Das ist meisterhaft!“
(SK, Pap X 3, A 30 (1850)/TB 4, 162f )

Autor: Es kam nicht oft vor, dass Søren Kierkegaard sich so positiv über einen Pastor äußerte. Meistens kritisierte er die Geistlichen für ihre Predigten. „Verlogenes Pfarrer-Gewäsch“, entfuhr es ihm manches Mal. Nicht jedoch an diesem Sonntag, dem 5. Mai 1850, als Kierkegaard an seinem 37. Geburtstag einen Gottesdienst in der Kopenhagener Erlöserkirche besucht. In seiner tagebuchartigen Notiz schreibt er, dass ein Gedanke der Predigt ihn besonders angesprochen hat. „Das Kind geht heim zum Vater“. Vielleicht hat es mit dem komplizierten Verhältnis zu seinem eigenen Vater zu tun, dass ihn ausgerechnet an seinem Geburtstag diese Bibelstelle fasziniert, in der Gott als Vater und die Glaubenden als Kinder beschrieben werden. Leben und Lehren – sie gingen bei Søren Kierkegaard immer Hand in Hand.

Musik: Track 2 Plantage von CD ”Det er mig der holder træerne sammen”; Interpreten: Under Byen; Music and Lyrics: T. Krogshede, H. Sennenvaldt; 2005, Label: SPV Recordings; LC-Nummer: 08100; SPV 085-70922.

Sprecherin:
Søren Kierkegaard wird am 5. Mai 1813 als Jüngstes von sieben Geschwistern geboren. Über seine Mutter weiß man nur wenig. Sie verstarb, als Kierkegaard 21 Jahre alt war. Auch alle seine Geschwister – mit Ausnahme des Bruders Thomas - starben sehr früh, entweder schon in seiner Kindheit oder als er ein junger Mann war. Der Vater war ein geschäftlich erfolgreicher Tuchhändler. Einerseits beliebt und humoristisch veranlagt, kämpfte er gleichzeitig lebenslang mit selbstquälerischen Gedanken und Schuldgefühlen. Die schrecklichen Todesfälle in seiner Familie deutete der Vater als Strafe Gottes. Kierkegaard hat in seinen Schriften immer wieder beschrieben, wie das Wesen seines Vaters ihn von frühester Zeit an geprägt hat. Und so beschäftigte auch ihn, den Sohn, sein ganzes Leben lang die Frage: Wie kann Gott Leid zulassen? Davon erzählen seine theologischen und philosophischen Hauptschriften „Die Krankheit zum Tode“, „Der Begriff Angst“ und die „Einübung im Christentum“.

Autor: Kierkegaards Schriften prägten die Denker des 20. Jahrhunderts. Darin nahm er vieles vorweg, was man später als „Existenzialismus“ bezeichnete. Während seine Zeitgenossen im 19. Jahrhundert vom Glauben an den Fortschritt der Menschheit überzeugt waren, zeichnete Kierkegaard ein anderes Bild des Menschen; eines, das von Zerrissenheit und Ängsten geprägt war.

Der Mensch, der sich selber fremd wird und seine eigene Unvollkommenheit erkennen muss. In diesem Menschenbild erkennen sich Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts wieder. Nicht weniger spannend ist es, was Kierkegaard über Gott denkt.

Musik: Track 5 Byen driver von CD ”Det er mig der holder træerne sammen”; Interpreten: Under Byen; Music and Lyrics: K. Stochholm, H. Sennenvaldt; 2005, Label: SPV Recordings; LC-Nummer: 08100; SPV 085-70922.

Sprecher (Kierkegaard): „Jesus Christus spricht: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid: ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28)

Autor: Mit diesen berühmten Worten lädt Jesus im Matthäusevangelium ein, ihm nachzufolgen. Freundlich, ernst und mit offenen Armen, so wie die große Jesus-Figur in der Kopenhagener Domkirche, in der Kierkegaard oftmals das Abendmahl gefeiert hat. Hier hat er selbst einmal über diese Jesus-Worte gepredigt.

Wie sanftmütig und freundlich Jesus hier zum Glauben einlädt! Ganz anders als der Gott, den Kierkegaard in seiner Kindheit kennengelernt hatte. Von einem drohenden und strafenden Gott hatte sein Vater ihm immer erzählt, damals in den Jahren seiner Kindheit, in denen die Familie so viel Leid und Schmerz erfahren musste. Deutete Kierkegaards Vater den Tod seiner Frau und seiner Kinder als Strafe Gottes, so gab sein Sohn Søren sich jedoch nicht mit dieser Erklärung zufrieden. Er entdeckte Gottes Wille in den Worten Jesu: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Gottes Sohn weist die Leidenden mit diesen Worten nicht zurück, sondern lädt sie ein. Jesus bestraft die Leidenden nicht, sondern baut sie auf. Jesus weiß selbst, wie es ist, zu leiden. Gott, sein Vater, weiß, wie es ist, einen Sohn zu verlieren. An diesen leidenden und leidenschaftlichen Gott will Kierkegaard glauben und einen Glauben leben, der von diesem Leid weiß und diese Leidenschaft ausstrahlt.

Sprecherin: In der Kirche seiner Zeit, der dänisch-lutherischen Kirche, vermisst Kierkegaard diese Leidenschaft. Was er da wahrnimmt, ist nicht viel mehr als fromm gemeinte Pflichterfüllung: Er spricht von „Broterwerbspfarrern“, die mit bürokratischer Beamtenattitüde ihrer Arbeit nachgehen und dabei den Gemeindegliedern verschweigen, dass es nicht nur den Zuspruch, sondern auch den Anspruch des Evangeliums gibt. Er spricht von Gemeindegliedern, die die zahmen Gedanken ihrer Geistlichen dankbar aufnehmen, weil sie am liebsten nicht von Gott und der Kirche in ihrem Leben gestört werden möchten. Dass das in seinen Augen nicht viel mit dem christlichen Glauben zu tun hat, verschweigt Kierkegaard nicht. Seine Schrift „Einübung im Christentum“ geht besonders hart ins Gericht mit Gottes Bodenpersonal.

Musik: Track 8 Lenin von CD ”Det er mig der holder træerne sammen”; Interpreten: Under Byen; Music: T. Krogshede; 2005, Label: SPV Recordings; LC-Nummer: 08100; SPV 085-70922.

Autor: Søren Kierkegaards Schrift „Einübung im Christentum“ ist im wahrsten Sinne des Wortes Training für den Glauben. Leichte Lektüre ist es nicht, so viel steht fest. Und bei den zahlreichen kirchenkritischen Passagen bekommt man als Pfarrer beim Lesen manchmal einen geistigen Muskelkater. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb lohnt sich das Lesen. Denn mit der „Einübung im Christentum“ übt Kierkegaard uns neu ein in den christlichen Glauben. Der christliche Glaube ist für Søren Kierkegaard kein frommes Ruhekissen und auch kein Dienst nach Vorschrift. Der christliche Glaube ist ein Angesprochen werden von Jesus Christus, der den Menschen sagt: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir“. (Matthäus 11,29a) Glauben heißt, den Joch-Erfahrungen des Lebens, den leidvollen und belastenden Erfahrungen nicht auszuweichen, sondern sie auf sich zu nehmen.

Das ist der Anspruch des Evangeliums. Sein Zuspruch liegt nach Kierkegaard darin, dass ich im Glauben das Leid manchmal als leichtes Joch erleben und zuweilen sogar im Leiden die Liebe und die Sanftmut Jesu spüren kann. Ein gewagter Gedanke. Kierkegaard selbst nennt kein Beispiel dafür, aber mir kommen Menschen in den Sinn, die diese Erfahrung gemacht haben. Vor Jahren durfte ich Menschen als Seelsorger in einem Hospiz begleiten. Die Sterbenden und ihre Angehörigen erzählten oft: „Es klingt vielleicht seltsam. Ausgerechnet diese letzte, schwere Lebenszeit bringt uns einander noch einmal näher.“ Oder: „Wir haben gespürt: Unser Vater, unsere Mutter ist heimgegangen zu Gott. Es lag ein großer Friede im Abschied.“

Musik: Jochen Rieger (Interpret, Piano), Track 12 „In dir ist Freude“ (2:37) (Komponist: Giovanni Giacomo Gastoldi 1591) von CD Choräle beflügeln, 2007 Gerth Medien, LC 13743.

Autor: In dir ist Freude in allem Leide. Søren Kierkegaard hätte dieses Lied bestimmt gefallen. Es strahlt Hoffnung und Mut aus. Mut hat Søren Kierkegaard seinen Zuhörern immer gemacht. Mut, das Wagnis des Glaubens einzugehen. Er sprach sogar von einem Sprung, den Glaubende wagen. Denn da tut sich ja oft ein Graben auf zwischen dem Vertrauen auf Gott und dem, was es mir schwer macht, an Gott zu glauben. Gott, den ich nicht sehen kann und dessen Wege ich nicht immer verstehe. Für Kierkegaard liegt in diesem Glauben die verheißungsvolle Botschaft: Du musst am Leiden nicht zerbrechen, du kannst daraus neue Kraft schöpfen. Und das Versprechen Gottes: Am Ende deiner Tage wirst du wie ein Kind zu einem liebenden Vater heimkehren. Für Kierkegaard ist das keine Vertröstung auf ein „später wird alles gut“. Sondern eine Möglichkeit, allen Widersprüchen zum Trotz seinen Weg im Vertrauen auf Gott zu gehen. Jeden Tag neu den Sprung zu wagen.

Einen gesegneten Sonntag und Mut für Ihren Weg, wünscht Ihnen Peter Krogull von der Sankt Petri Kirche in Kopenhagen.

Musik: Track 7 „Tibetan Dance“ von CD Playing the Piano, von Ryuichi Sakamoto; 2009, Nr. 4763609.

 


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