Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.09.13; Pfarrer Eberhard Helling

Septemberbibel

Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer. Ein Buch, das wie kaum ein anderes Buch Geschichte gemacht hat.

Heute vor 491 Jahren, am 21. September 1522 ist es fertig gedruckt – das Neue Testament in der Übersetzung von Martin Luther.1
Diese erste Ausgabe von Luthers Bibelübersetzung nennt man daher auch die „September-Bibel.“ In einer Auflage von 3000 Stück ist sie bereits im Dezember, also gut zwei Monate später vergriffen. Und es ist klar, dass es neue Auflagen, weitere Überarbeitungen geben wird. Noch zwölf Jahre wird es dauern, bis Luther die ganze Bibel, also das Alte und das Neue Testament übersetzt haben wird. Martin Luther hat damit seine Aufgabe gefunden, die ihn bis zu seinem Tod begleiten wird: Die Schriften des Alten und Neuen Testamentes, die in Hebräischer und Griechischer Sprache geschrieben sind, so wortgetreu wie möglich zu übersetzen. Und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass seine Übersetzung gut verständlich ist. Wie er das macht, hat Luther in einer Schrift über das Dolmetschen folgendermaßen beschrieben:

„Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach dolmetschen; so verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“ 2

Luther beginnt seine Übersetzungen auf der Wartburg. Dorthin ist er nach seinem turbulenten Auftritt vor dem Kaiser beim Reichstag zu Worms im Mai 1521 entführt worden. Diese Verschleppung haben Freunde organisiert, die Luther schützen wollten. Luhter lässt sich einen Bart und die Haare wachsen, denn er muss sich tarnen. So verwandelt sich der Mönch Martin Luther in den Junker Jörg. Der Kaiser hat Luther mit der so gennanten Reichsacht belegt. Das bedeutet: Jedermann kann ihn gefangen nehmen und dann dem Kaiser überstellen; vor allem sollen Luthers Schriften nicht gelesen und verbreitet werden. Aber Luther schreibt auf der Wartburg wie ein Besessener – vor allem an seiner Bibelübersetzung.

Auch wenn Luther nun allein auf der Wartburg an der Übersetzung arbeitet, die Septemberbibel ist eine Gemeinschaftsproduktion. Über Briefkontakt zieht Luther seine engsten Freunde immer wieder zu Rate. Vor allem das Sprachengenie Philipp Melanchthon und den Fürstenberater Georg Spalatin. Von Melanchthon besorgt er sich die Bibelausgabe in Griechisch für das Neue Testament. Die lateinische Version des Neuen Testamentes zieht er ebenfalls zu Rate; als Mönch hat er sie sowieso seit vielen Jahren schon im Kopf. Von Georg Spalatin lässt er sich Edelsteine aus der fürstlichen Schatzkammer beschaffen. Nicht, um sein Projekt damit zu finanzieren, sondern um sie genau beschreiben zu können. Denn im letzten Kapitel der Bibel werden diese kostbaren Steine erwähnt.

Luther möchte so klar und anschaulich wie möglich übersetzen. Darum lässt er seine Landsleute in ihrer Muttersprache an dem teilhaben, was ihm selbst beim Lesen des Neuen Testamentes so wichtig geworden ist: dass wir Menschen vor Gott bestehen können, allein, weil Gott es so will – und nicht, weil wir in unserem Leben es Gott recht machen. Im Gegenteil: Luther hat erlebt, wie wir Menschen genau das Gegenteil von dem tun, was Gott gesagt hat; er hat erlebt, wie wir Menschen uns gegenseitig das Leben zur Hölle machen können. Und er weiß auch um seine eigenen Anteile daran. Gerade deswegen ist es für ihn so befreiend, dass dies alles vor Gott nicht zählt. Gott – so malt es die Bibel aus - sucht die Menschen immer wieder auf. Wirbt um sie, sieht ihre Zerrissenheit, stellt sich an ihre Seite, wenn sie leiden müssen und holt sie aus den Sackgassen heraus, in die sie durch eigene oder fremde Schuld geraten sind – schließlich sogar aus demTod.

Ach, es wäre jetzt noch so viel zu erzählen, was Luther an der Bibel fasziniert hat – Sie, liebe Hörerin und lieber Hörer können es selbst lesen. Deswegen hat Luther seine erste Übersetzung vor 491 Jahren herausgebracht.

Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen Ihr Eberhard Helling, Pfarrer aus Lübbecke.

1 ,vgl. M. Brecht, Martin Luther Bd II; Stuttgart, 1986, S. 53-63, hier S. 55; alle weiteren Informationen stammen aus dieser Veröffentlichung und von V. Leppin, Martin Luther, Gestalten des Mittelalters und der Renaissance, Darmstadt 2006, S. 181-192.
2 Martin Luther, Ein Sendbrief vom Dolmetschen, nach M. Luther, Ausgewählte Werke Bd. 6, München, 1968, S. 14.

 

Audiobeitrag Septemberbibel


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