Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.09.13; Pfarrer Eberhard Helling

Albrecht Alt

„Das Ding an sich!“ - nie werde ich vergessen wie unser Philosophielehrer einen Stuhl aufs Lehrerpult hievte.

“Niemand von euch kann den ganzen Stuhl von allen Seiten zur gleichen Zeit sehen.“, erklärte er. „Wie der Stuhl also wirklich ist, bleibt für uns immer nur eine Vorstellung, selbst dann, wenn wir einen Stuhl vor unseren Augen haben. Das Ding an sich ist also eine Idee.“

So anschaulich können gute Lehrer ihre Sachen vermitteln, dass die Schüler diese ihr Leben lang nicht vergessen werden. Albrecht Alt war auch so ein Lehrer und bis heute sind seine kleinen Schriften über die Geschichte Israels Pflichtlektüre für alle, die sich intensiv mit dem Alten Testament beschäftigen wollen. Heute vor 130 Jahren, am 20. September 1883 ist er im fränkischen Stübach geboren. Ein ehemaliger Student von ihm beschreibt die Anziehungskraft von Albrecht Alt so: „Das Land (Israel)1 redete zu Alt. Und Alt war , ein seltener Glücksfall, in der Lage, diese Rede wiederzugeben.“2 So wie hier: Eines Tages wanderte der Student mit Albrecht Alt nach einer Gastvorlesung in der Nähe von Tübingen. Da zauberte Alt „angesichts der schwäbischen Alb mit dem Bergkegel der Achalm im Vordergrund unversehens mit ein paar Worten und Handbewegungen den Tabor und das dahinterliegende Galiläa vor Augen“3 – also den nördlichen Teil des biblischen Landes.

Wie es im Land Israel tatsächlich aussieht, davon hatte sich Albrecht Alt schon als junger Theologiestudent bei seinen Reisen ins Palästina des frühen 20. Jahrhunderts einen Eindruck verschaffen können. 1908 bekommt er ein Stipendium der bayerischen Kirche für einen Aufenthalt in Jerusalem. Eifrig notiert der Student alles, was er auf den Ausritten in die Umgebung Jerusalems und ins judäische Hügelland über Land und Leute in Erfahrung bringen kann. Ein paar Jahre später hält er selbst als Professor hier Lehrkurse und vermittelt den Theologiestudenten in welcher konkreten Umgebung die biblischen Geschichten sich ereignet haben. So bekommen die angehenden Pfarrer eine eigene Vorstellung von den biblischen Orten und sie können später viel anschaulicher erzählen.

In guter Gelehrtenmanier vertieft sich Alt aber auch in Details, die für andere eher nebensächlich zu sein scheinen. Er nimmt sich die langen Völkerlisten und Abstammungstafeln aus den ersten Büchern der Bibel vor. Aus ihnen erkennt er, dass die erste Besiedlung in Palästina von Israel aus nicht kriegerisch verlaufen sein kann. So wird sie in den biblischen Büchern Josua und Richter zwar dargestellt – als eine Reihe von gewaltsamen Eroberungen. Das erste Sesshaftwerden der israelitischen Stämme in Palästina war aber nach den Erkenntnissen von Albrecht Alt ein langsamer, friedlicher Prozess und keine Kriegsgeschichte.4 Und dann beschäftigt er sich in den dreißiger Jahren, also in der Zeit des Nationalsozialismus, mit der Bevölkerung Palästinas. Und er weist nach, dass diese zurzeit Jesu vorrangig jüdisch war. Mit dieser Aussage stellt er sich ausdrücklich gegen die Ideologie der Nationalsozialisten. Denn die behaupteten, dass Jesus kein Jude gewesen sei.5

Die Erkenntisse von Albrecht Alt sind bis heute nicht nur geschichtliche, sondern auch politische Botschaften. Er gibt sich nicht zufrieden mit den manchmal einseitigen Deutungen der Geschichte, die schon bei der Entstehung der biblischen Bücher eine Rolle spielten. Er geht der Sache auf den Grund. Und versucht dabei, dem Wirken Gottes in der Geschichte näher zu kommen – selbst wenn er der herrschenden Meinung widersprechen muss. Gott wiederfinden in der Geschichte – in Geschichten, die vom Frieden erzählen und in Geschichten, die der rassistischen Ideologie der Nazis entgegenstehen. Und dazu stehen. Ich empfinde es als einen großen Reichtum, wenn ich mich mit meinen kleinen, aber ganz konkreten Friedens-Geschichten in diesem großen Zusammenhang wiederfinden darf.

So wünsche ich Ihnen einen Tag, in dem auch Sie dem Frieden Gottes in Ihrer Lebensgeschichte auf die Spur kommen! Erzählen Sie davon – damit die Bilder des Friedens als Hoffnungszeichen weiterleben. Ihr Pfarrer Eberhard Helling aus Lübbecke.

1- Ergänzung von EH
2 R. Smend, in: ders.: Deutsche Alttestamentler in drei Jahrhunderten, Göttingen 1989, S. 189
3 ebd., S.190
4 vgl. A. Alt, Die Landnahme der Israeliten in Palästina in: ders.: Zur Geschichte des Volkes Israel, Eine Auswahl aus den „Kleinen Schriften“, hg. von Siegfried Hermann, München 1979, 2. Aufl., S. 99ff, hier S. 134 f
5 R. Smend, a.a.O., S.184

 

Audiobeitrag Albrecht Alt


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