Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.09.13; Pfarrer Eberhard Helling

Franckesche Stiftungen

Einen Adler hat er auf den Giebel seines Haupthauses setzen lassen – dazu die Inschrift:

„Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ (Jesaja 40,31)

Und tatsächlich liebe Hörerin, lieber Hörer, – jetzt kommt eine dieser christlichen Aufstiegs- und Erfolgsgeschichten, bei denen ich mich am Ende frage: „Was hab’ ich damit zu tun?! Mein Leben verläuft nicht in solchen Höhenflügen, bei mir bleibt eher alles schön am Boden!“ Der Mann mit dem Adler auf seinem Haupthaus heißt August Hermann Francke, geboren 1663. Allerdings nicht in einfachen Verhältnissen – wie man es vielleicht von anderen Aufstiegsgeschichten gewohnt ist. Nein – sein Vater war Jurist am Fürstenhof in Gotha, sein Großvater mütterlicherseits Bürgermeister in der Hansestadt Lübeck. Aber als August Hermann gerade sieben Jahre alt ist, stirbt zunächst sein Vater und wenige Monate später auch sein Großvater in Lübeck. Die Mutter hat mit 35 Jahren nun sechs Kinder allein zu versorgen. August Hermann wird sehr früh selbständig. Er lernt wie besessen und ist ausgesprochen aufnahmefähig. Mit 20 Jahren beherrscht er sieben Sprachen so gut, dass er von einer Sprache in die andere Übersetzungen anfertigen kann.

Er bringt sich selbst durch, indem er bei einem wohlhabenden Studienkollegen „Informant“ wird – eine Art persönlicher Assistent. Mit seiner Hilfe schafft der Studienfreund sein Examen. In seiner Ausbildung zum Theologen wird Francke von wichtigen Vertretern des Pietismus geprägt. Der Pietismus ist eine Glaubensbewegung, die auf eine Bekehrung, eine persönliche Entscheidung zu Jesus Christus besonderen Wert legt. Auch August Hermann Franke hat nach Zeiten von großen Zweifeln ein so genanntes Bekehrungserlebnis. Er meditiert eine Bibelstelle aus dem Johannesevangelium (Joh 20, 31) – sie lautet: „dies ist geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus sei der Christus und ihr duch diesen Glauben das Leben habt.“ Schreiben – Studieren – Glauben – Jesus Christus - Leben - schließlich weiß er was er tun soll.

Er wird Waisenhäuser und Schulen gründen, die im pietistischen Geist organisiert sind. Es fängt alles ganz klein und überschaubar mit vier Waisenkindern an. Die lässt er von einem armen Studenten unterrichten – das Muster, das ihn selbst durchgebracht hat. Dann geht es Schlag auf Schlag: Er organisiert den Bau von Waisenhäusern, Schulen und höheren Bildungseinrichtungen. Vor allem der preußische Adel wird in seinen Einrichtungen auf seine staatsdienenden Aufgaben vorbereitet. In Halle an der Saale entstehen die Frankeschen Stiftungen, deren Gründungstag heute ist. Als August Hermann Francke mit 64 Jahren stirbt hat er viel erreicht: In den Einrichtungen, die er gegründet hat, werden 2.200 Kinder von 167 Lehrern und acht Lehrerinnen unterrichtet.

250 Studenten haben einen sogenannten Freitisch, sie bekommen freie Kost, verpflichten sich aber beim Unterricht mitzuarbeiten. Francke hat viel für die Mädchenbildung getan und sich für eine kontinuierliche Lehrerfortbildung eingesetzt. Aber an wichtige Teile seiner Pädagogik müssen Fragen gestellt werden – er spricht davon, dass der natürliche Wille der Kinder gebrochen werden müsse, um sie danach durch ein gutes Beispiel und ausführlichen christlichen Religionsunterricht zu erziehen. Die Kinder stehen unter ständiger Aufsicht, kein Platz für Müßiggang. In seinen Schulen gab es drei bis vier Stunden Religionsunterricht pro Tag. Denn: „ Die auf Gott, den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ Das hat August Hermann Francke erlebt und geglaubt. Das wollte er weitergeben. Bei allen Anfragen an die Pädagogik von damals – die Erinnerung daran, wie der Glaube Francke motiviert hat, gibt mir Kraft, das weiterzugeben, was ich selbst Gutes empfangen habe.

Einen beflügelten Tag wünscht Ihnen Pfarrer Eberhard Helling aus Lübbecke.

 

Audiobeitrag Franckesche Stiftungen


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