Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.09.13; Pastor Christof Lenzen

Nur nicht ins Lenkrad beißen...

Tempo 130 auf der Überholspur. Im Rückspiegel kommen sie schnell näher: aggressiv aussehende Scheinwerfer, in der Tuning-Fachsprache „angry eyes“ genannt - wütende Augen.

Nur wenige Meter hinter mir verschwinden sie wieder, so dicht fährt der Drängler auf. Ich sehe das Aufflackern der Lichthupe, erschrecke vor dem nervösen nach links und rechts Pendeln des Angreifers hinter mir. Und verspüre Wut. Will zurück schlagen. Ausbremsen. Schließlich weiche ich auf die rechte Spur aus und kann mir eine abwertende Geste nicht ersparen. Mein Herz rast, mein Magen rebelliert, ich würde am liebsten ins Lenkrad beißen. Und gleichzeitig schäme ich mich: Warum bin ich nicht cooler? Lockerer?

Liebe Hörerin, lieber Hörer - Wut! Die unterdrückte Emotion, die oft in mir gärt und nur unterschwellig und abgeschwächt ihren Weg nach außen findet. Beherrscht sein soll ich, cool. Dabei ist Wut eine Grundregung des Menschen. Wenn ich sie nicht wahrnehme und angemessen ausdrücke - wende ich sie leicht gegen mich selbst, von Autoaggression spricht man dann. Selbstverletzung, gar Depressionen können die Folge sein. Dabei ist Wut gut! Wenn ich die Aggressionen in mir spüre, „voll aggro“ bin, dann hält die Wut ein Stoppschild hoch: Halt! Hier hat einer deine Grenzen verletzt! Oder die Grenzen anderer. Wut will das Verhältnis von Nähe und Distanz regeln. Eine gute Sache! Und deswegen warnt die Bibel nicht vor dem Zorn selbst - sondern vor den Folgen des Zorns. Ich soll die Sonne nicht über dem Zorn untergehen lassen (Eph 4,26) - sprich: Spüre deinen Zorn, aber regel die Sache, die damit zusammen hängt. Nimm dieses Gefühl nicht mit ins Bett! Tut dir nicht gut! Die Bibel ist eine gute Lehrmeisterin in Sachen Gefühle: Nimm deinen Zorn wahr und nutze ihn als Antriebskraft, dich um das zu kümmern, was dich wütend macht. Damit daraus nichts Übles entsteht! Denn wenn der Kessel überkocht, wird’s gefährlich: Dann fliegen die Fäuste und fiese, verletzende Wörter wirken wie ein scharfes Schwert.

Die Wut setzt Energie in mir frei, noch mal genau zu überprüfen: Tut mir das gut, wie der mit mir umgeht oder muss ich da mal ein klares Wort sprechen und Stopp sagen? Oder: Das ist ein menschenverachtender Umgang mit Menschen, die krank sind, die sich nicht wehren können – da schreite ich ein. Doch genau diese Antriebskraft fehlt heute vielen Menschen. Entweder spüren sie ihre Wut und ihren Zorn nicht mehr oder unterdrücken ihn. Und wie bei einem defekten Dampfkochtopf fliegt dann irgendwann der Deckel mit einem lauten Knall durch die Küche und zerstört was ihm in den Weg kommt. Dabei könnte der Dampf - richtig gelenkt und reguliert - eine Turbine antreiben und somit Dinge bewegen…

Denn heiliger Zorn verändert die Welt. Auch das lese ich in der Bibel (Mk 3,5). Eines Tages wollen fromme Männer Jesus daran hindern, einen kranken Mann am Sabbat zu heilen. Sowas tut man nicht am Feiertag! Sie wollen ihm einen Gesetzesverstoß nachweisen. Jesus schaut sie voller Zorn und Trauer an! Dieser Kranke wird wieder verletzt! Den Feiertag heiligen heißt doch nicht, die Kranken leiden lassen! Was macht Jesus jetzt mit seinem Zorn? Er setzt sich mutig über die Frommen hinweg und heilt den Kranken. Das ist heiliger, heilsamer Zorn!

Liebe Hörerin, lieber Hörer, vom unterdrückten, krank machenden und vom zerstörerischen unbeherrschten Zorn haben wir mehr als genug. Vom heilsamen heiligen Zorn brauchen wir mehr. Denn dieser kämpft für Veränderung. Gegen Ungerechtigkeit. Für sich selbst und für andere. Spüre deinen Zorn, ohne dich von ihm beherrschen zu lassen. Nutze ihn als Energiequelle zur heilsamen Veränderung. Das wünscht Pastor Christof Lenzen aus Eschweiler.

 

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