Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.11.05, 5.56 Uhr, Jost Klausmeier- Saß

Mutig sündigen

Als meine Krankengymnastin erfährt, was ich beruflich mache, schildert sie mir unaufgefordert ihre Haltung zu Christentum und Kirche:

Ihre Nachbarin zum Beispiel, gehe jeden Sonntag in die Kirche, aber motze andauernd über Staub im Treppenhaus und sei auch sonst unfreundlich, intolerant und wenig menschenfreundlich. Findet jedenfalls meine Krankengymnastin.
Und aufgrund solcher Menschen halte sie nichts von alldem: „Zwar sonntags in die Kirche gehen, aber alltags eine ziemlich unangenehme Type sein, da kann doch was nicht stimmen.“

Damit hat sie wohl formuliert, was viele Menschen denken, aber vielleicht nicht immer sagen:
Für viele unter uns ist das Christentum offenbar unattraktiv, weil seine Anhänger unglaubwürdig sind oder sich scheinbar so verhalten:
- Große Ziele, aber zu geringe Umsetzung im Leben, zu breit der Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit -
- Die Theorie vielleicht noch ganz akzeptabel, aber wenn sie im alltäglichen Leben nicht zu erkennen ist, dann kann’s mit der Theorie ja auch nicht weit her sein.


Normalerweise höre ich mir die Berichte über schlechte Erfahrungen von Menschen mit Kirche und Christentum geduldig an, versuche zu verstehen.
Meistens reicht es den Gesprächspartnern schon, mal die eigene Meinung gesagt zu haben.
Erwiderungen sind häufig nicht mehr erwünscht.

Diesmal mag ich aber nicht nur zuhören, sondern gehe in die Offensive:
Ich frage sie, ob sie denn eine Gruppe kenne, in der alle Mitglieder immer perfekt sind, stets nach ihren Ansprüchen leben und nie Fehler machen.
Also 100%ig perfekte „Befolger“ ihrer Vorsätze. Müsste auch keine religiöse Gruppe sein.
Eine politische Partei würde ich auch akzeptieren. Oder irgendeinen Verein.

Sie können sich denken, liebe Hörerinnen und Hörer, dass unser Gespräch an dieser Stelle sehr nachdenklich wurde. Bei aller Gymnastik.

Denn auch trotz gemeinsamer Suche ließ sich keine Gruppe Menschen finden, die so glaubwürdig, ideal und vollkommen lebte, wie meine Krankengymnastin es von Christen erwartete.
Das beruhigte mich ungemein.
Und meine Krankengymnastin kam ins Grübeln.  .

Auf dem Weg nach Hause fühlte ich mich jedenfalls viel besser und das nicht nur körperlich.
Denn mir selbst ist im Gespräch noch einmal deutlich geworden, dass es beim christlichen Glaube und Leben nicht auf Perfektion ankommt, sondern dass ich geduldig und gelassen eine bestimmte Lebenshaltung übe.
Auch wenn es hin und wieder Rückschläge gibt.
Auch, wenn ich bei mir  selbst oder bei anderen Widersprüche entdecke. Bei Verstößen gegen das eigene Programm.

Das, finde ich, ist ja gerade das Befreiende am Christentum:
Wir müssen nicht perfekt sein.
Wir gehören dazu, auch wenn wir uns unglaubwürdig verhalten.
Eine zweite Chance, es besser zu machen, glaubwürdiger zu sein, bekommen wir ständig.
Gnade heißt das Programm – und nicht Perfektion.
Die Bibel erzählt von reichlich Vielen , die an ihren Ansprüchen scheiterten.
Aber eben auch von Neuanfängen , die bei Gott immer wieder möglich sind..

Martin Luther, der heute vor 522 Jahren geboren wurde, hat das christliche Leben einmal in zwei Worten zusammengefasst: Fortiter peccare!
Das bedeutet soviel wie „Mutig sündigen“.

Und das heißt für’s alltägliche Leben:
Gnädig mit sich selbst und anderen umgehen und in Gottes Namen das Bestmögliche aus seinem Leben zu machen versuchen.

Der Rest wird sich finden.

Audiobeitrag Mutig sündigen


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