Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.09.13; Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

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Es war auf einem Seminar. Direkt am Anfang. Alle sollten sich vorstellen. So wie immer. Name, Beruf, Alter, persönliche Lebenssituation, verheiratet, getrennt, verpartnert.

Kinder, wenn ja wie viele und wie alt. Schließlich kam er dran. Martin. Klein, muskulös und nervös. Er fiel auf – aus dem Rahmen, stellte Bedingungen. Er mache das nur, wenn auch die Referenten etwas über sich sagen. Doch die blieben cool. Kein Wunder. Wahrscheinlich haben sie in jedem Seminar so einen Martin oder meinetwegen auch so eine Martina.

Er ist das, was man eine Nervensäge nennt oder vornehmer ausgedrückt und wenn man will auch leicht ironisch ein Co. Ein Co Referent. Ein Co Teacher, ein Co Therapeut.
Einer, der mindestens so gut weiß wie die Leitung, wo es lang geht. Wenn nicht sogar noch besser.

Die anderen Teilnehmer schmunzelten - wie immer. Sie freuen sich – natürlich nur ganz still und heimlich - wenn einer sich mal was traut. Sich das traut, was sie sich nicht trauen. Den Widerspruch. Einfach mal zu widersprechen.

Und sie blieben natürlich auf Abstand. Sich mit so einem wie Martin einzulassen, kann gefährlich werden. Da gerät man selbst womöglich noch ins falsche Licht.

Martin blieb sich die nächsten Tage treu. Wo es nur ging, widersprach er. Brisant wurde die Nummer aber bei einer Einzelarbeit. Ute hatte erzählt, was für sie auf ihrer Arbeit problematisch sei. Eine Stunde lang versuchte der Coach das Problem zu verifizieren und zu lösen. Am Ende meldete sich Martin: Er - sei mit der Lösung nicht einverstanden. Klar, was sonst. Dabei wirkte Ute ganz zufrieden. Nun reichte es dem Coach endgültig. Er führte ein ernstes Gespräch mit ihm. Danach ging es einigermaßen.

Ich mag solche Martins und Martinas. Sie haben gute Gründe so zu sein. Martin erzählte mir später, dass seine Eltern taubstumm waren.

Seine Geschichte hat mich sehr berührt. Ich sah ihn vor mir, als 4-jährigen mit seiner Lederhose und den roten Haaren, wie er ausflippte, weil Mama und Papa ihn mal wieder nicht verstanden. Dabei hatte er sich doch solche Mühe gegeben. Hatte ihnen haarklein erzählt, wie er mit seinem Freund Tim den Nachbarn einen Streich gespielt hatte und wie sein Freund Tom ihn mal wieder verprügelt hatte. Einfach so. Doch die verstanden kein Wort. Er fühlte sich - im wahrsten Sinne des Wortes - nicht verstanden.
Ich sah ihn vor mir, wie er als 6-jähriger mit seiner blauen Cordhose in der Bank stand. und für seine Eltern die Geldgeschäfte regelte. Mittlerweile sprach er die Gebärdensprache.

Von nun an begleitete er seine Eltern überall hin. Zu den Ärzten, auf die Behörden, zu den Sprechtagen in die Schule. Er übersetzte- machte anderen klar, was sie wollten.

Um zu überleben, musste er für andere dolmetschen, übersetzen, ihnen Gehör verschaffen. Und das kann er besonders gut. Bis heute. Auch Ute wollte er retten. Vor dem Problem nicht verstanden zu werden.

Schon als Kleinkind entwickeln wir die Fähigkeiten und Fertigkeiten, die wir brauchen, um zu überleben. Best möglichst. Aber Gott hat uns so wunderbar geschaffen, dass wir uns immer weiter und anders entwickeln können. Je nach Lebenssituation. Wir können alte Verhaltens-Muster in Frage stellen, können überprüfen, ob wir sie noch brauchen, uns von ihnen verabschieden oder umgekehrt sie gezielt nutzen.

Die Freiheit, die Gott uns geschenkt hat, ist die zu entscheiden. Will ich jetzt für andere sprechen oder nicht. Will ich jetzt die komplette Aufmerksamkeit der Gruppe oder nicht. Will ich mich jetzt als Co aufspielen oder nicht. Die Freiheit, sich zu entscheiden, ist für mich eine wunderbare Gabe Gottes. Nutzen wir sie, damit wir nicht wie vier- oder sechsjährige aus dem Rahmen fallen.

 

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