Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.08.13; Pfarrer Johannes Böhnke

Gutes Tun

Liebe Gemeinde, liebe Hörerin, lieber Hörer, „Sie können noch so talentiert, kompetent oder fleißig sein. Wenn es keiner sieht, bleibt die Wirkung aus.

Erst wenn es Ihnen gelingt, für Ihre Leistungen, für Ihr Können Aufmerksamkeit zu erhalten, werden Sie Erfolg haben. Fünf Minuten Eigendarstellung an der richtigen Stelle bringen Sie weiter als fünf Tage Arbeit.“

So kündigt eine Wirtschaftsakademie ein Seminar an. Nach dem Motto: Tu Gutes und rede darüber!

Gutes tun und darüber reden - das scheint ein gutes Geschäft zu sein, da sind die fünf Minuten, die man über sich selber spricht genauso viel, ja noch mehr wert für das eigene Fortkommen als eine Woche harter Arbeit. Tue Gutes und rede darüber! Leuchtet ein, liegt auf der Hand, wie könnte man da anderer Meinung sein?

Jesus ist da anderer Meinung. Ich lese uns den heutigen Predigttext, er steht im 6. Kapitel des Matthäusevangeliums, in den Versen 1-4:

Jesus sagt: „Habt Acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.“

Vorneweg: Jesus spricht sich hier nicht dagegen aus, dass wir Almosen geben – wie das etwas altmodisch heißt. Natürlich sind wir gefordert, unser Einkommen und unsere Zeit zu teilen mit denen, die uns brauchen. Und das ist auch nötig. Wie nötig das ist, das sehen wir schon hier bei uns vor Ort, in Arnsberg: wenn nicht viele Sonntag für Sonntag Geld in den Klingelbeutel werfen, dann ist nichts da für die Lebensmittelgutscheine, die wir an Obdachlose verteilen. Wenn keiner was gibt, haben wir nicht die Mittel, um im Winter die Strom- und Heizungsrechnungen von bedürftigen Familien zu bezahlen. Und wenn Menschen nicht immer wieder für unsere Gemeindediakonie spenden, dann ist es unmöglich, Kindern die Ferienfahrt zu bezuschussen, deren Eltern mittellos sind. Schließlich: Unsere Alten und Kranken werden nur besucht, weil es in unserer Kirchengemeinde Menschen gibt, die bereit sind, ihre Zeit mit anderen zu teilen, Nur weil Menschen Zeit geben, werden die Gemeindebriefe verteilt, die Jugendarbeit auf die Beine gestellt und anderes mehr.

Wir sind gefordert, miteinander zu teilen, füreinander unsere Geldbörse und unser Herz zu öffnen.

Nein, Jesus spricht sich mit unserem heutigen Predigttext nicht dagegen aus, dass wir Almosen geben, dass wir uns für die einsetzen, um die sich sonst niemand mehr kümmert.

Jesus geht es hier um etwas ganz anderes, darum nämlich, wie und warum wir uns engagieren. Etwas für andere zu tun, ist aller Ehren wert. Aber Jesus meint, dass wir zur Ehre Gottes handeln sollen und nicht um der eigenen Ehre willen.

Wenn du Gutes tust, um vor den Leuten gut dazustehen, wenn du Gutes tust, um damit Anerkennung zu ernten, dann ist dein Lohn vor Gott dahin. Deshalb: Tue Gutes und rede nicht darüber. Wenn du eine Großspende überweist, um mit Foto in die Zeitung zu kommen, dann ist deine gute Tat abgegolten, dann darfst du von Gott nichts mehr erwarten. Wenn du ehrenamtlich tätig bist, um in unserer Stadt, in unserer Gemeinde groß heraus zu kommen, dann hast du den Gewinn für deinen Einsatz schon eingestrichen, und zwar mit Zinsen. Und Wenn du dich für andere einsetzt, um deren Dankbarkeit zu ernten, um sie dir gar zu verpflichten, dann hast du mit der Linken das wieder einkassiert, was du mit der Rechten gegeben hast, weiteres ist hier für dich nicht mehr zu erwarten. Aber, so sagt Jesus das, bei euch soll das anders sein: bei euch wisse die linke Hand nicht, was die rechte Hand tut, euch können ein positives Image, Sozialprestige, ja sogar der Dank der Beschenkten egal sein.

Damit wir uns nicht missverstehen: Natürlich kann das, was Menschen in der Gemeinde Gutes tun, öffentlich werden. Und das wird sich in den allermeisten Fällen ja auch gar nicht vermeiden lassen. Unser Licht, so heißt das ein paar Verse weiter, soll ja leuchten vor den Menschen. Aber das Gute sollen wir eben nicht zu unserer eigenen Ehre tun, sondern um des Nächsten willen und um Gottes Willen. Wir sollen das Gute tun, ohne irgendeine Gegenleistung dafür zu erwarten oder gar einzufordern, wir sollen es ganz selbstverständlich tun, beiläufig, ohne ein großes Aufheben davon zu machen.

Von Mahatma Gandhi ist folgende Geschichte überliefert: Eines Tages soll Gandhi über den Bahnhof einer indischen Stadt gerannt sein, um einen in Kürze abfahrenden Zug doch noch zu erreichen. Da er aber kein festes Schuhwerk, sondern nur die üblichen, mit dünnen Riemchen zusammengeschnürten Sandalen trug, passierte es ihm, dass sich auf dem Bahnsteig eine Sandale löst. Gandhi machte sich nicht die Mühe, sich nach der verlorenen Sandale zu bücken, sondern er streifte auch noch die zweite Sandale ab, warf sie neben die erste und lief barfuß weiter. Als er wenig später gefragt wurde, warum er das getan habe, sagte er: „Damit der Finder ein komplettes Paar Schuhe hat.“

Gutes tun, so als ob das selbstverständlich wäre, ohne darüber zu reden oder gar eine Gegenleistung dafür zu erwarten, so soll das bei euch zugehen, sagt Jesus.

Musik (Klavierimprovisation)

Jesus fordert uns dazu auf, Gutes zu tun um des Nächsten und um Gottes Willen. Und zwar ohne irgendeine Form von Gewinn dafür zu erwarten.

Aber widerspricht das nicht alledem, was wir gelernt haben, was bei uns gang und gäbe ist: dass Leistung sich lohnen soll, dass man für eine gute Investition eine gute Rendite erwarten darf, dass alles seinen Preis hat? In der Tat, was Jesus da fordert, widerspricht unserer Logik und unserer Gewohnheit. Denn wenn wir etwas tun oder geben, dann rechnen wir dafür auf eine Gegenleistung. Und das gilt auch, wenn wir uns sozial engagieren, in der Familie Verantwortung übernehmen, uns in unserem Verein oder in unserer Kirchengemeinde einbringen. Und dafür zwar nicht mit Geld, aber mit Anerkennung und Wertschätzung belohnt werden wollen.

Das ist zunächst einmal ganz natürlich und verständlich: Da ist die berufstätige Frau mit den zwei kleinen Kindern, die sich zusätzlich zu all ihren Alltagspflichten auch noch um ihre pflegebedürftige Mutter kümmert. Es ist natürlich, dass sie ein liebes Wort, den Dank ihrer Mutter dafür erwartet. Und umso schmerzlicher für sie, wenn dieser Dank ausbleibt, wenn sie sich stattdessen den Vorwurf anhören muss, dass sie, die Tochter nicht oft genug komme, dass ihr alles andere wichtiger sei als die kranke Mutter.

Oder da ist der altgediente Vorsitzende eines Sportvereins, der unzählige Stunden seines Lebens damit verbracht hat, Geld für die Jugendabteilung aufzutreiben, für die Pflege des Sportplatzes zu sorgen, das Vereinsheim auszubauen und in Ordnung zu halten. Es ist natürlich, dass er sich auf eine besondere Erwähnung freut, auf sein Foto in der Festschrift zum Vereinsjubiläum. Und umso größer die Enttäuschung, dass der neue Vorsitzende dessen Verdienste nicht würdigt, ganz einfach deshalb, weil er den alten Herrn in seiner aktiven Zeit nicht mehr gekannt hat.

Wie gesagt, dass wir Anerkennung und Dank erwarten für das, was wir anderen an Zeit, Geld oder Zuwendung gegeben haben, das ist natürlich. Aber was, wenn wir davon abhängig werden, dass andere uns anerkennen? Viele machen ja genau diese Erfahrung, dass Undank der Welt Lohn ist. Aber darum die Hände in den Schoß legen oder verlegen wegsehen, wenn wir um Hilfe gebeten werden? Sollen wir uns deshalb in die Zuschauerrolle zurückziehen und nicht mehr mit anpacken, wo unser Einsatz eigentlich dringend notwendig wäre?

Und außerdem, es gibt sie ja, Menschen, die sich engagieren, in der Stille, im Verborgenen, und zwar ohne Dank dafür einzufordern. Ich denke dabei an einen pensionierten Handwerksmeister, der in unserem Jugendzentrum öfters Reparaturarbeiten übernimmt. Und auf mein überschwängliches „Dankeschön“ ebenso regelmäßig mit der Bemerkung antwortet, dass das doch ganz selbstverständlich sei, mitzuhelfen und Hand anzulegen. Ich habe dabei eine Frau vor Augen, die sich lange Jahre in der Arbeit mit behinderten Menschen engagiert hat, aber jede ihr angetragene Auszeichnung dafür standhaft ablehnt oder allenfalls aus Höflichkeitsgründen annimmt. Und ich sehe dabei diejenigen Menschen aus unserer Kirchengemeinde, die ganz ungefragt einen Krankenbesuchsdienst aufgebaut haben und diese Arbeit tun, ohne groß darüber zu reden.
Menschen, die ein Ehrenamt übernommen haben, ohne eine besondere Ehre dafür zu erwarten, Menschen, die sich einsetzen, in der Familie, in der Nachbarschaft, ganz einfach, weil sie etwas für wichtig halten, Menschen, die Verantwortung übernehmen, egal wie viel Wertschätzung sie im Gegenzug dafür bekommen, - wie geht das? Was motiviert sie? Was trägt sie?

Jesus ist im Namen Gottes in die Häuser gegangen, die kein anständiger Mensch zu seiner Zeit je betreten hätte, in die Häuser der Zöllner, der Sünder und der Dirnen. Er hat sich den Menschen zugewandt, um die seine Zeitgenossen einen Bogen gemacht haben. Er war zu finden in den Höhlen der Aussätzigen, bei den Verwirrten und Verstörten, die man zum Stadttor hinausgejagt hat. Er hat dem Schächer vom Kreuz herab das Himmelreich versprochen und sterbend seinen Mördern vergeben.

Wenn das gilt, dann sind auch wir von Gott geliebte Menschen. Ganz unabhängig von dem, was wir Gott zu bringen haben, mit unseren Erfolgen oder mit unserem Versagen, ganz unabhängig von der Schuld, die wir mit uns herumtragen, ganz unabhängig auch davon, was andere über uns denken und reden mögen. Gott sagt „Ja“ zu uns, wir sind seine Kinder, die er liebt. Diese Liebe muss nicht verdient werden, sie ist ein Geschenk. Er stellt keine Bedingungen. Und diese Liebe macht mich unabhängig von dem, was andere über mich sagen, oder davon, welche Urteile sie über mich fällen, sie macht mich auch unabhängig davon, ob mir mein Einsatz gedankt wird oder nicht, ob man mein Engagement anerkennt oder nicht, ob ich mit Ehre überhäuft werde, oder ob ich das, was ich zu geben hatte, ganz ungesehen gegeben habe. Und wer diese Liebe Gottes einmal erfahren hat, der wird zu einem Menschen, durch den sich die Welt verändert. Denn wer im Licht der Liebe Gottes steht, der kann gar nicht anders, als diese Liebe weiterzugeben. So wie die Kerze, die, einmal angezündet, einen dunklen Raum hell macht. So wie der Stein, der lange in der Sonne gelegen hat, die Wärme der Sonne in sich aufnimmt und dann noch lange weitergibt. Wer sich geliebt weiß, der strahlt diese Liebe aus.

Noch eine zweite Geschichte, die das erzählt: Eines Tages wurde ein leprakrankes Mädchen in Süd-China von den Bewohnern ihres Dorfes mit Stöcken und Steinwürfen aus ihrem Haus und dem Dorf vertrieben. Ein Missionar sah den Menschenauflauf, trat unter die Menge, nahm das Kind auf seine Arme und trug es fort. Die Leute wichen zurück und schrien: „Aussatz! Aussatz!“ Unter Tränen fragte das Mädchen seinen Retter: „Warum kümmerst du dich um mich?“ – „Weil Gott uns beide erschaffen hat. Deshalb bist du meine Schwester, und ich bin dein Bruder. Du wirst nie wieder hungrig und heimatlos sein.“

„Aber wie kann ich das je wieder gut machen?“ – „Schenk möglichst vielen die gleiche Liebe!“

In den drei Jahren bis zu seinem Tod verband dieses Mädchen anderen Leprakranken die Wunden, fütterte sie, aber vor allem: sie hatte für jede und jeden ein gutes Wort, eine kleine Aufmerksamkeit, eine Umarmung, ein Gebet. Bei dem Tod des Mädchens mit elf Jahren sagten ihre Leidensgenossen: „Unser kleiner Himmel ist in den Himmel zurückgekehrt.“

Weil Gott uns zuerst geliebt hat, strahlen wir diese Liebe aus. Also schenken und teilen wir. Und Gelegenheiten, von dieser Liebe weiterzugeben, die gibt es genug. Wenn wir denn unsere Augen und Herzen offenhalten. Dass wir Gutes tun – es wird einfach geschehen. Amen.

 


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