Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.08.13; Pfarrerin Silke Niemeyer

Gott wird erwachsen

Auch Gott war mal in der Pubertät. Da gibt es nur gut oder böse, schwarz oder weiß, heiß oder kalt.

Da ist nichts zwischen ganz oder gar nicht, ja oder nein, Freund oder Feind. Maximale Begeisterung oder maximale Enttäuschung. Die Urteile sind rigide. Der Zorn ist wild. So wild war Gottes Zorn eines Tages, dass er alles vernichtete. Gott sah, dass auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm. Alles Sinnen und Trachten des menschlichen Herzens war immer nur böse. Da bereute Gott, dass er den Menschen gemacht hatte und beschloss, ihn zu vertilgen und alle Tiere und die ganze Erde gleich mit. (1 Mose 6, 5-7) Das wird erzählt in der Geschichte von der Sintflut. Im zornigen Sturm und Drang zerstörte Gott alles, was er geschaffen hatte. Außer seinen Freund Noah samt Familie und den Tieren in der Arche.

Als die Wasser endlich abgelaufen sind und die Überlebenden aus der Arche klettern, ist Gott besänftigt. Man erkennt ihn kaum wieder, wenn man ihn jetzt reden hört:

Sprecher: Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen. Denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an. (1 Mose 8,21)

Man traut seinen Ohren kaum. Redet hier derselbe Gott? Was vorher sein Argument war, alles zu zerstören, ist jetzt sein Grund, es zu erhalten. Nicht die Welt, sondern Gott taucht verändert aus der Flut auf. Gott ist erwachsen geworden, wie es scheint. Er kommt in der Wirklichkeit an. Er nimmt die Bosheit des Menschen als etwas Gegebenes hin.

Wenn das, was ist, nicht gut ist, dann soll es überhaupt nicht sein, dann muss es zerstört werden, hatte Gott zuvor gemeint. So zu denken ist nicht nur unerwachsen. So denken Fundamentalisten, so reden Inquisitoren, so skandieren Kreuzzügler: Die Bösen müssen vertilgt werden. Was nicht rein ist, hat seine Lebensberechtigung verwirkt. In dieser vorsintflutlichen Gedankenwelt sind Differenzierungen nicht gefragt. Der vorsintflutliche Gott will unbedingte Reinheit. Wer die unbedingte Reinheit will, führt „Säuberungen“ durch. Und wo er nicht in göttlicher Allmacht die Fluten rufen kann, da greift er zum Feuer und zündet Scheiterhaufen an oder drückt den Knopf und zündet die Bombe. Er glaubt, das Böse schaffe man aus der Welt, indem man die Bösen aus der Welt schafft. Wenn man die bösen Feinde in die Luft jagt, mit Drohnen oder mit Selbstmordattentaten, dann wird alles gut. Am Ende ist man bereit, die Welt selbst aus der Welt zu schaffen. Natürlich im Namen des Guten. So ist die vorsintflutliche Logik.

Gott legt dieses Denken ab. Er akzeptiert, dass der Mensch ist, wie er ist. Der Mensch darf leben – auch wenn er kein guter Mensch ist. Gott sagt Ja zum Leben und zum Menschen trotz der Bosheit, zu der er fähig ist. Das heißt noch lange nicht, dass Gott die Bosheit gut heißt. Das tut er nicht, davon erzählt die ganze Heilige Schrift. Gott liebt die Güte und gebietet, hilft und lockt Menschen, Gutes zu tun. Denn das können sie ja genauso wie Böses tun. Es gibt ihn nicht – den bösen oder den guten Menschen, den Unmenschen oder den Übermenschen. Es gibt nur den konkreten Menschen, liebend und hassend, heilend und verletzend, sich verkriechend und über sich hinauswachsend. Gottes Fazit über die menschliche Bosheit ist keine allgemeine Lehre über das Wesen des Menschen. Es ist ein Ankommen in der Realität.
Gott gibt seinen kindischen vorsintflutlichen Wahn auf, man könne ein gutes Leben durch die Ausrottung des Bösen schaffen. Kein Mensch verliert seine Existenzberechtigung, weil man ihn zum Unmenschen erklärt.

Gott hat das verstanden. Machen wir es ihm nach. Das wäre viel, findet Ihre Pfarrerin Silke Niemeyer aus Recklinghausen.

 

Audiobeitrag Gott wird erwachsen


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