Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.08.13; Pfarrerin Silke Niemeyer

Es ist genug!

Ralf Rangnick ist einer der bekanntesten Fußballtrainer. Bei ihm ging nichts mehr. Burnout.

Als Rangnick im vorletzten Jahr ausstieg, gratulierte man ihm voller Respekt, dass er sich getraut hatte laut zu sagen: „Es ist genug“.

Rangnick hat einen biblischen Leidensgenossen. Der kämpft allerdings nicht gegen sportliche Widersacher, sondern gegen Helfershelfer eines Tyrannen. Elia, sein Name. Schließlich ist er auf der Flucht - er rennt und rennt, läuft um sein Leben. Mutterseelenallein setzt er sich unter einen Wacholderstrauch und möchte sterben. „Es ist genug! Nimm meine Seele, Gott!“ Anschaulicher lässt sich kaum beschreiben, was heute Burnout-Syndrom oder chronischer Erschöpfungszustand heißt. Nicht nur prominente Trainer und überlastete Manager werden davon eingeholt, auch die Kassiererin im Schichtdienst und der Sachbearbeiter mit Achtstundentag. Gestern noch funktionierten sie, heute geht nichts mehr. Es ist genug.

Sind die Leute zimperlicher als früher? Mein Opa schulterte um vier Uhr in der Früh seine Sense, um für ein paar Pfennige dem Großbauern im Ort das Gras zu mähen, lief dann neun Kilometer zu Fuß zur Zeche, schuftete stundenlang bei Lärm, Staub und Hitze, ging danach nach Haus, wo noch dies und das zu erledigen war. Er kannte Silikose, Staublunge - Burnout aber kannte er nicht.

Was macht einen so müde, dass nichts mehr geht? Elia rennt, bis er nicht mehr kann, weil er die Verfolger hinter sich hat. Die heutigen Verfolger stecken in uns. Sie sind nicht Soldaten des Tyrannen, sondern Begleittrupp unserer neuen Freiheit. Wir haben überkommene Bindungen und Traditionen abgeworfen. Diese segensreiche Freiheit sich selbst zu bestimmen hat aber einen Fluch. Sie verdammt uns dazu, uns permanent selbst anzufeuern und zu verwirklichen. Wir müssen unsere eigenen Macher sein. An die Stelle des gehorsamen Arbeiters, der Anweisungen ausführt, tritt das unternehmerische Selbst, das Ziele vereinbart. Wenn dieses Selbst erschöpft ist, ist das eine Betriebsstörung. Am einfachsten mit Pillen zu beheben. Sie sorgen dafür, dass man munter bleibt, wenn man sich unterm Wacholderstrauch verkriechen und sagen möchte „es ist genug“. Die Pharmaindustrie hilft, dass genug nicht genug sein muss.

Nichts gegen ein verantwortlich verordnetes Antidepressivum. Es kann ein Segen sein und Menschen aus der Schwermut holen. Doch die massenhafte Erschöpfung ist eigentlich eine unbewusste Revolte. Leib und Seele sagen: Nein. Es ist genug. Wir machen nicht mehr mit. Wo das epidemische Ausmaße annimmt, haben die Lebensbedingungen das Menschenmaß verloren. Sie sind unmenschlich geworden, weil es kein Genug mehr geben darf.

Zurück zu Elia, damit wir nicht den Moment des Engels verpassen. Da liegt Elia und schläft. Der Gottesbote weckt ihn sanft. Er hat ihm etwas mitgebracht. Seine Heilmittel sind geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. „Steh auf und iss“, sagt der Engel zu Elia. Einfach das: für den Leib sorgen, essen und trinken, schlafen. Die elementaren Bedürfnisse zu ihrem Recht kommen lassen. Diese alte Geschichte lehrt: Es ist erlaubt erschöpft zu sein; es ist erlaubt sich hinzulegen, weil man nicht mehr kann. Sie erzählt davon, dass selbst der tapferste Kämpfer und mutigste Prophet an seine Grenzen kommen darf, ohne dass Gott ihn dafür verdammt. Im Gegenteil. Er schickt ihm einen geduldigen Engel, der ihn stärkt: „Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“ So ist das, der Lebensweg ist weit, zu weit als dass man pausenlos rennen könnte. Es braucht den Schlaf im Schatten des Wacholderstrauchs, es braucht das Brot und den Krug mit Wasser und manchmal Gottes Engel, der einen darauf aufmerksam macht. Dass er im rechten Moment zu Ihnen kommt, liebe Hörerin, lieber Hörer, wünscht Ihnen Pfarrerin Silke Niemeyer aus Recklinghausen.

 

Audiobeitrag Es ist genug!


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