Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.08.13; Pfarrerin Silke Niemeyer

Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden

Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden! Ich habe diesen Satz ’zig Mal während der Trauzeremonie gesprochen.

Das Jawort ist gesagt. Die Ringe sind gewechselt. Dann legen die Eheleute ihre Hände ineinander, und die Pfarrerin bekräftigt das Trauversprechen: „Gott bewahre den Bund, den ihr geschlossen habt. Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“ (Matthäus 19, 6) Manche erinnern sich jetzt vielleicht an den eigenen großen Tag vor dem Traualtar. Sie spüren Dankbarkeit für die vielen Ehejahre, in denen sie gemeinsam durch Dick und Dünn gegangen sind. Wenn ich mit einem Paar zusammensitze und die Goldene Hochzeit vorbereite, berührt es mich, wenn die beiden sich an den faltendurchzogenen Händen halten und ihre Lebensgeschichte erzählen.

Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Manchen treibt dieser Satz sofort Falten auf die Stirn. Sie spüren die Ernüchterung, die dem großen Wort folgte. Die Liebe machte sich dünne. Eigenarten des Partners, die im Licht der Verliebtheit eine kleine Macke waren, nerven irgendwann unerträglich. Die Arbeit lässt zu wenig Zeit füreinander. Stress mit den Kindern, Arbeitslosigkeit, Geldsorgen, Krankheit... Immer öfter Streit. Man hat keine Lust mehr nach Haus zu kommen, die Lust wird zur Last. Der Trauring wird zur Fessel.

Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Hilft da solch ein Verbot? Wenn man in die Vergangenheit schaut, könnte man sagen: Ja. Scheidung war tabu, und tatsächlich hielt die große Mehrzahl der Ehen ein Leben lang. Wer geschieden war, hatte einen Makel. Man konnte es sich einfach nicht leisten, sich zu trennen. Moralisch nicht und finanziell nicht, und vor allem als Frau nicht. Vielleicht waren deshalb so viele Menschen bereit, irgendwie miteinander auszukommen. Doch ich weiß auch, gerade aus Trauergesprächen, wie viel Verbitterung es bei vielen hinterlassen hat, dass sie ihr tägliches Drama nicht beendeten. Erst der Tod erlöste von alltäglich gewordenen Verletzungen und Lieblosigkeit. Die Rabattmarken aber, die sie über lange Jahre sammelten, sind immer noch nicht eingelöst und kleben weiter im Buch des Lebens.

Man löst Probleme nicht damit, dass man sie verbietet. Scheitern und Schuld gehören zum Leben. Strafe heilt nicht. Deshalb vergibt Gott Schuld. Kein Mensch soll auf seine Fehler und Irrtümer festgenagelt bleiben, sondern neu anfangen und wieder glücklich werden dürfen. Darum ist es in der unserer Kirche möglich, dass ein Mensch nach seiner Scheidung wieder heiratet und Gottes Segen dazu empfängt.

Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Dieser Satz ist für mich mehr Wunsch als Moral, mehr Fürbitte als Befehl. Und nicht zuletzt der Auftrag: Mensch, sorg dafür, dass Paare nicht so vielen Härten ausgesetzt sind, sondern gute Bedingungen haben. Ob eine Ehe langen Atem hat, dafür sind gewiss die beiden selbst verantwortlich. Aber nicht allein. Es ist nicht gleichgültig, ob sie in einer Welt leben, die ihnen dazu Zeit und Sicherheit gönnt. Oder ob sie in einer Gesellschaft leben, die kaum gemeinsame Zeit erlaubt, dauernde Flexibilität fordert und sie mit den Risiken ihres Lebens allein lässt.

Ich freue mich, wenn es einem Paar gelingt, ein Leben lang zusammen zu halten. Das ist ein wunderbares Geschenk. Ich habe Achtung davor, wenn zwei Menschen sich scheiden lassen, weil sie nicht mehr miteinander leben können. Hilfreich wäre es, wenn es in unserer Kirche nicht nur Trauzeremonien, sondern auch ganz selbstverständlich Trennungsrituale gäbe. An einigen Orten gibt es das schon. Zwei Menschen verabschieden sich voneinander, sie erinnern sich daran, dass sie sich einmal geliebt haben und den Willen hatten, das Leben zu teilen. Und doch am Ende gescheitert sind. Sie gehen auseinander in Respekt voreinander und mit Gottes Segen. Eine bewusst gestaltete Trennung kann ein wichtiger Meilenstein sein zu einem neuen Anfang und Lebensglück, meint Ihre Pfarrerin Silke Niemeyer aus Recklinghausen.

 

Audiobeitrag Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden


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