Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.08.13; Maike Siebold

Gottes Buchführung

Jetzt lag er da. Nur noch ein Bündel Mensch, ein Häufchen Elend. Schwach, gelblich, mit einem Blick, der schon eine andere Welt fixierte.

Von dem angesehenen Professor, dem engagierten Kinderarzt, der aus jeder Pore Kraft, Autorität und Entschlossenheit versprüht hatte, war nicht mehr viel erkennbar. Hilflos war unser Freund den Schmerzen und den Folgen seiner totbringenden Krankheit ausgeliefert.

Dieser Mann, der so vielen Kindern die Schmerzen genommen hatte und sich auf vielfältige Weise für die Verbesserung ihrer Situation eingesetzt hatte, der an seine eigenen Grenzen gegangen war, um den Jüngsten zu helfen, ihm konnte nicht mehr geholfen werden. Wehrlos war er seiner aggressiven Krankheit ausgesetzt. Als ich an seinem Bett saß und seiner schweren Atmung lauschte, fragte ich Richtung Himmel:

„Gott, wer macht bei dir eigentlich die Buchführung? Dieser Kinderarzt hat stets anderen geholfen, hat viele Kinder geheilt, war ein frommer Mann, der in seiner Arbeit immer auf dich setzte, der dir vertraute. Und ausgerechnet ihm mutest du einen solchen (und dazu frühen) Abgang zu?? Was soll DAS?“

Hiob aus der Bibel fiel mir ein, den ein Unglück nach dem anderen ereilte, aber ich musste auch an die aktuellen Schreckensmeldungen denken: Die Kriege, die Umweltkatastrophen, die Vergewaltigungen und Folter. Das Gewürge und Leiden des Lebens, lassen mich böse Dinge von Gott denken. lassen mich zuweilen an seiner Existenz zweifeln.

Gott würde eine Doppelte Buchführung gut tun. Mit dem Begriff „Doppelte Buchführung“ verbindet man im Allgemeinen die Nachvollziehbarkeit der Geschäftsentscheidungen in einem Unternehmen. Doch was mein Schöpfer so treibt, kann ich nicht nachvollziehen. Wir alle wollen nicht leiden, wir tun viel dafür glücklich und gesund zu sein. Deswegen quält uns besonders die Frage aller Fragen - die nach dem "Warum“ . Warum müssen einige Menschen so leiden? Warum musste diese Katastrophe passieren? Warum sterben in einer Familie gleich beide Kinder? Aber wer die Frage nach dem “Warum“ stellt, wird keine Antwort bekommen. Er wird als Fragender sterben.

Die Lösung liegt im Perspektivwechsel. Gott ist nicht über und außerhalb unseres Lebens, er ist mittendrin. Er lacht mit uns, begleitet uns durch den Tag, verführt uns zur Liebe und teilt unseren Schmerz. Wir sind ein Teil von ihm. Gott erträgt das Böse mit uns, es wird letztlich auch ihm angetan.

Wer das erlebt, stellt nicht mehr die Frage nach dem Warum bzw. verzweifelt nicht mehr daran. Die Menschen, die leiden, aber seine Nähe spüren, sind dann oft ausgesöhnt mit ihrem Gott und fühlen sich trotz der Schmerzen und des Kummers geborgen. Die Frage nach Gottesbuchführung wird dann nur noch von außen gestellt.

Dem Mediziner der Kinderheilkunde ging es da nicht anders. Obwohl er nicht verstand, weshalb ihm dieses Ende aufgebürdet wurde und er nicht gehen wollte, rückte er nicht von Gott ab, sondern suchte seine Nähe - sogar im Sterben.

 

Audiobeitrag Gottes Buchführung


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen