Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.08.13; Pfarrer Titus Reinmuth

Familienglück

Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, und rund um den Frühstückstisch kommen drei Generationen zusammen.

Der Großvater macht Armdrücken mit dem Jüngsten, der großer Bruder streichelt den Golden Retriever unterm Tisch, die Mutter kommt mit dem bunt gefüllten Tablett ins Bild, nur die große Schwester sieht müde aus und rollt mit den Augen. Oma schneidet das Brot an, irgendwo fällt ein Glas Milch um und am Ende schaut der Vater in die große Runde, und das Frühstück kann beginnen. Familienglück aus dem Werbeclip.

Manchmal sind es die Bilder, die unser Denken bestimmen. Alle sind zusammen, jeder spielt seine Rolle, und alle sind glücklich. Vordergründig geht’s um Margarine oder einen Schoko-Brotaufstrich. Doch im Hintergrund werden Maßstäbe gesetzt oder Sehnsüchte geweckt:

So soll Familie sein. Sehen wir auch mal die alleinerziehende Mutter im Stress? Das schwule Paar im Glück? Das erste Kind gerade adoptiert. Die Frau um die 50 am Pflegebett der Schwiegermutter? Die Patchworkfamilie im Dauerstreit? Wohl kaum. Aber auch das ist Familie.

Das Leben ist bunt und vielfältig geworden. Die Gesellschaft ist im Wandel. Das hat auch die Evangelische Kirche gemerkt und hat völlig neu formuliert, was sie zum Thema Familie zu sagen hat. Eine sogenannte „Orientierungshilfe“ lässt die Wellen hoch schlagen und sorgt für heftige Diskussionen in online-Foren und Zeitungskommentaren. Ihr Titel: „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit: Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“. Hier verabschiedet sich die Evangelische Kirche vom Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie. Die sei nicht gottgegeben. Und so hilfreich das Miteinander in Ehe und Familie sein könne, dies sei nicht die einzig mögliche Lebensform. Für die Kirche ist das eine kleine Revolution. Und es hat Folgen: für Umgang mit Geschiedenen genauso wie mit Alleinerziehenden oder auch mit gleichgeschlechtlichen Paaren.

Schon melden sich Kritiker zu Wort. Was gilt denn noch, wenn die Evangelische Kirche all die Veränderungen einfach mitvollzieht und zu allem ihren Segen gibt? Hat sie keine eigenen Maßstäbe? Ist das überhaupt biblisch? All denen sei gesagt: locker bleiben!

Zum einen: Die Familie ist im Wandel. Nicht erst heute, sondern immer schon. Dass Menschen heiraten, nicht weil’s um Arbeit, Status oder Eigentum geht, sondern weil sie einander lieben, das ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Dass der Mann arbeiten geht und die Frau zuhause bleibt und die Kinder versorgt, ist eine Folge der Industrialisierung. Und das Familienglück aus dem Werbeclip? Im Westen gab es das – Mitte der 50ger bis Mitte der 60 ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Gott gegeben war nichts davon.

Zum andern: Auch die Bibel kennt eine große Vielfalt. Abraham, Sarah und Hagar bilden mit ihren Kindern eine echte Patchworkfamilie, Maria und Martha leben als Geschwister zusammen, die Ausländerin Rut heiratet einen Verwandten aus der Familie ihres verstorbenen Mannes. Jakob liebt Lea und Rahel und sorgt für beide Frauen und ihre Kinder. Der Apostel Paulus tauft die wohlhabende Lydia und ihr ganzes Haus, von einem Mann ist gar nicht die Rede. Jede Kinderbibel erzählt all die Geschichten mit schönen bunten Bildern. Daraus Maßstäbe ableiten für ein Modell von Ehe und Familie? Wer das will, kommt schnell ins Schleudern. Jesus sagt: Nicht meine Eltern und meine Geschwister sind meine Familie, sondern die, die meine Freunde sind und die an Gott glauben.

Meine Evangelische Kirche sagt jetzt: Es gibt Maßstäbe. Aber mit äußeren Formen haben die nichts zu tun. Familie ist da, wo Menschen verbindlich zusammenleben, wo sie fair und partnerschaftlich miteinander umgehen und auf Dauer füreinander sorgen. Das geht in vielen Formen. Und wo Menschen sich achten und lieben, kann Gott sich doch nur freuen!

 

Audiobeitrag Familienglück


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