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Warum wir lieber von Oma als von Ghandi lernen
Sie liegt voll im Trend. Meine Oma. Denn für mich war sie ein Vorbild. Umfragen haben ergeben: Jugendliche heute erküren neben Fußballern, Sängerinnen, Schauspielern
und den eigenen Freunden - vor allem die Mütter, Väter, Omas und Tanten zum Vorbild.1
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Ich bin Doris Damke, Oberkirchenrätin der westfälischen Kirche in Bielefeld und grüße Sie an diesem Sommersonntag sehr herzlich. Haben Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer, ein Vorbild? Und was hat es in Ihrem Leben bewirkt? Ich möchte heute Morgen mit Ihnen darüber nachdenken, warum bestimmte Vorbilder nicht mehr im Trend liegen, andere aber schon.
1. Musik
Track 2 Lobe den Herren, den mächtigen König (3:22) von CD Befiehl du deine Wege, Interpreten: Heike Wetzel (Flöte), Michael Schlierf (Flügel), Produzent: Michael Schlierf, Gerth Medien, Asslar 2010, LC 13743.
Autorin: Laut Duden ist ein Vorbild eine Person oder Sache, nach der man sich richtet, der man folgen, ja sogar nacheifern kann. Dabei wird die Person idealisiert, auf ein Podest gestellt und zum guten Beispiel für viele Menschen. Ich glaube, das ist zu kurz gesprungen. Ein Vorbild ist viel mehr. Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums am Rande des Ruhrgebiets wurden gefragt: Was sind eure Vorbilder? Einer nannte einen berühmten Fußballspieler im rechten Mittelfeld. Eine andere findet eine Sängerin beeindruckend. Eine Schülerin gab diese Antwort:
Sprecherin: Wenn ich ehrlich bin, habe ich noch nicht viel darüber nachgedacht. Bei intensiverem Nachdenken wird mir bewusst, dass ich eigentlich kein richtiges Vorbild im Sinne einer einzigen Person habe, sondern dass ich eher versuche, Eigenschaften bestimmter Menschen anzunehmen, die mir wichtig sind, und die für mich Vorbildcharakter haben. Diese Personen sind zum Beispiel meine Mutter, meine Oma oder meine Patentante. Stars, Schauspieler, Sänger oder andere berühmte Leute bedeuten mir nichts, sie sind einfach zu weit weg. Wer ihren Idealen hinterher rast, verliert sich in einer Traumwelt. So kann ich sagen, mein Vorbild ist ein Puzzle aus mehreren Menschen aus meinem näheren Umfeld.2
Autorin: Es gibt sie also noch, die Vorbilder. Aber sie haben sich verändert. Viele Menschen meiner Generation denken bei Vorbildern an berühmte Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi, Mutter Teresa, Albert Schweitzer und Martin Luther King oder Nobelpreisträger. Wie Nelson Mandela, der erste schwarzer Präsident von Südafrika, Träger des Friedensnobelpreises. Er feierte unter weltweiter Würdigung und Aufmerksamkeit genau vor einem Monat seinen 95. Geburtstag. Aber kaum einer dieser Berühmten schafft noch als Vorbild für viele auf einen der ersten Plätze in der Hitliste der Vorbilder und damit aufs Treppchen der Orientierungsleitbilder. Das kann ich gut verstehen. Denn ein Mensch, gleich welchen Alters, möchte erst einmal eigen-ständig, einmalig und unverwechselbar sein, und nicht einfach das Doppel, geschweige denn der Abklatsch eines Vorbilds, dem man gleich sein möchte. Dennoch. Offenbar lesen junge Menschen heute viel an den Menschen ab, mit denen sie ihr tägliches Leben teilen und gestalten.
Was ist denen wichtig? An welchen Werten orientieren sich die Eltern, Großeltern? Wie entscheiden sie sich und warum?
2. Musik = 1. Musik
Autorin: Die Schülerin, die auf die Frage: Habe ich ein Vorbild? antwortete, hat mich auf meine eigene Spur gebracht. Auf die Frage: Habe ich ein Vorbild? kam ich nach einigem Nachdenken darauf: Meine Oma. Ohne sie hätte ich nicht meinen Beruf. Sie hat mir vorgelebt, wie ein zufriedenes Leben mit Gott und der Welt geht. Bis ins hohe Alter blieb sie neugierig. und war aufgeschlossen gegenüber den Menschen, denen sie ohne jeden Vorbehalt begegnete. Dabei spielten ihr Glaube und die Bibel die entscheidende Rolle. In der Bibel fand sie ihre Glaubensvorbilder ganz nach dem biblischen Motto:
Sprecherin: Ihr seid nicht allein! Ihr seid umgeben von einer Wolke von Zeugen, von Glaubensvorbildern! (nach Hebräer 12,1-3)
Autorin: Meine Oma erzählte mir viel. So lernte ich sie schon früh kennen: die großen Vorbilder des Glaubens. Zum Beispiel Abraham. Er änderte sein ganzes Leben. Gott hatte zu ihm gesagt: Fang noch mal neu an. Brich deine Zelte ab und geh los. Du wirst Land und viele Nachkommen haben. Abraham vertraute Gott und brach noch im hohen Alter aus Gewohntem auf. Trotz mancher Irrungen und Wirrungen erlebte er, dass Gott treu zu seinem Wort steht. Abraham bekam den ersehnten Sohn und starb schließlich alt und lebenssatt. Seine Botschaft über den Tod hinaus: Hab Vertrauen, dass Gott bei dir ist auf deinem Lebensweg.
3. Musik = 1. Musik
Autorin: Sie sind große Persönlichkeiten, aber keine Superhelden, die Vorbilder der Bibel. Abrahams Enkel Jakob zum Beispiel, von dem mir meine Oma erzählte, war so ein Anti-Held. Er luchste seinem Bruder den väterlichen Segen mit dem sprichwörtlich gewordenen Linsengericht ab. So kam er zu dem Ehrentitel Stammvater Israels.
Daran erinnert bitter der Prophet Hosea, der sein Volk tadelt: Ihr seid wie euer Stammvater Jakob. Er ist das Urbild eures Verhaltens. Ein Betrüger. Dennoch hat Jakob seine Vorbildfunktion nicht verloren wie wir im Neuen Testament nachlesen können: Hier kommt er nicht nur im Stammbaum Jesu vor, sondern wird im Hebräerbrief sogar als Glaubensvorbild genannt.
Die Bibel verschweigt die Gefährdungen und Fehltritte von großen Vorbildern nicht. Aus gutem Grund. Wer Vorbilder sucht, der darf eben nicht einfach nachmachen. Sondern ich kann an ihren Stärken maßnehmen und an ihren Schwächen die eigenen Gefährdungen erkennen.
Das ist für mich auch der einzig akzeptable Grund, dass im Neuen Testament der Apostel Paulus sich in zweien seiner Briefe (Philipper: 3,17; 2. Thessalonicher 3,9) sogar selbst als Vorbild empfiehlt.
Dabei ist er ist ja nicht unangefochten. Er ist nicht eloquent, sondern ungeschickt in der Rede, wie er selbst schreibt (1. Korinther 11,6). Er ist nicht gesund und manchmal aufbrausend. Also kein Strahlemann, kein Mann ohne Fehl und Tadel, nicht immer ein leuchtendes Vorbild. Und das weiß Paulus auch. Wenn er sich trotzdem selbst als Vorbild empfiehlt, dann will er weitersagen: An mir und meinem Lebensweg könnt ihr ablesen, wie Gott mit Menschen umgeht. Wie er sie anspricht und ruft mit ihren Schwächen - und wie er sie leitet und begleitet. Wer sich von Gott berühren lässt, der beginnt zu leuchten. Er wird zum Widerschein Gottes, selbst wenn nicht alles glatt geht, wenn er Fehler macht und Fehler hat. Jakob und Paulus das sind entlastende Vorbilder der Bibel.
4. Musik
Track 3 Welch ein Freund ist unser Jesus (4:01) von CD Befiehl du deine Wege, Interpreten: Heike Wetzel (Flöte), Michael Schlierf (Flügel), Produzent: Michael Schlierf, Gerth Medien, Asslar 2010, LC 13743.
Sprecherin: Christus hat euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen. (1. Petrus 2,21)
Autorin: Das größte Vorbild, von dem meine Oma mir erzählte, war Jesus. Lasst uns aufsehen zu Jesus! steht im Brief an die Hebräer (12,2) in der Bibel. Dieser Satz ist so etwas wie ein kurz gefasster Lebenskompass. Aufsehen zu Jesus. Hinter diesen nur drei Worten steht ein ganzes Lebenskonzept. Jesus wird als Vorbild empfohlen, zu dem sich aufzuschauen lohnt. Zugleich aber ist er für uns Menschen unerreichbar. Dem Sohn Gottes können wir nicht gleich werden. Jesus selbst scheint das anders zu sehen:
Sprecherin: Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe. (Johannes 13,15)
Autorin: sagt er einmal. Und was hat Jesus getan? Zum Beispiel dies: Er bindet sich die Schürze des Dieners um und wäscht seinen Jüngern die Füße! Nicht etwa den Kopf!
Aufsehen zu Jesus, seinen Fußstapfen nachfolgen. Und werden, wozu uns Gott bestimmt hat: seine Töchter und Söhne. Damit zeigt uns das Vorbild Jesus nicht eine nachzueifernde Aufgabe, sondern das Ziel unseres Menschseins.
Und genau das ist es ja, was heute Jugendliche an ihren Vorbildern schätzen. Sie sind keine Superhelden, weit weg von ihren eigenen Möglichkeiten, sondern Lehrerinnen und Lehrer für ein Leben, das Sinn macht, das gelingt.
Eine Wirtschaftsjournalistin, die jetzt mit eigener Firma als Coach arbeitet, hat in Jesus den vorbildlichen Trainer für gelingendes und erfülltes Leben entdeckt. So schreibt Sophie Soria in ihrem Buch Jesus als Coach:
Sprecherin: Das Studium des Evangeliums lässt uns entdecken, auf welche Weise sich Jesus als Coach positioniert und wie er als echter Coach handelt. Er tritt den Menschen mit Wohlwollen und ohne Vorverurteilung entgegen und praktiziert so die unbedingte Annahme des Gegenübers, die ein Grundkonzept des Coaching ist
Mit seinen Weisheitsworten und Gleichnissen bietet er uns ein originelles Coachingprogramm an, das ich als das Leben in Fülle leben bezeichne.3
Autorin: Und dann stellt sie Jesus vor als wunderbaren Ratgeber, wenn es um Veränderungen in unserem Leben geht. Als Coach der Weisheit für den Umgang mit Geld und materiellen Gütern. Als einen, der uns lehrt, besser zu unterscheiden und beharrlich zu sein. Als Lehrer der Freiheit und als Geburtshelfer, eigene Begabungen zu entdecken, Vertrauen zu entwickeln und wenn nötig standzuhalten. Doch sie bemerkt auch zum Schluss:
Sprecherin: Es ist allerdings leichter, sich für die Lehren Jesu zu interessieren und sie zu verstehen, als sie in die Tat umzusetzen. In einer Welt, deren Idole das Haben, das Geld und die Macht sind, ist die Anwendung der Weisheitslehre die eigentliche Herausforderung.4
Autorin: Haben, Geld und Macht nur scheinbar sind das heute die wichtigsten Ziele. Der Trend zum Vorbild im engsten Familienkreis steht dagegen. Und das ist, so habe ich es an mir selbst entdeckt, auch nichts Neues. Oma sei Dank.
Was ist nun ein gutes Vorbild? Ein gutes Vorbild weist über sich selbst hinaus. Es hilft mir, ich selbst zu sein und mich dennoch zu verändern, weil es Orientierung bietet. Ein gutes Vorbild braucht keine Imitatorinnen und Imitatoren, sondern stärkt die eigene Mündigkeit, Unterscheidungs- und Urteilskraft. Bietet Anreize zur Lebensgestaltung und entlässt so in die Freiheit. Ich finde solche Vorbilder in der Bibel. Und Jesus steht dabei für mich auf dem obersten Treppchen. Und irgendwo da gehört auch meine Oma hin, wie mir deutlich geworden ist.
Einen schönen, gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Doris Damke aus Bielefeld.
5. Musik = 4. Musik
Track 3 Welch ein Freund ist unser Jesus (4:01) von CD Befiehl du deine Wege, Interpreten: Heike Wetzel (Flöte), Michael Schlierf (Flügel), Produzent: Michael Schlierf, Gerth Medien, Asslar 2010, LC 13743.
1 Die eigenen Eltern als Vorbild, Focus online, Freitag, 14.12.2007, 20:33.
http://www.focus.de/schule/familie/jugendliche_aid_229431.html
http://www.virato.de/article/2463678-vorbilder-i-mama-und-papa-sind-die-besten/
2 Christian Brockmeyer, Habe ich ein Vorbild? Antworten von Schülern und Schülerinnen, in: Christoph Bizer (Hg.), Jahrbuch für Religionspädagogik. Sehnsucht nach Orientierung. Vorbilder im RU, Neukirchen Vluyn 2008, S. 13f.
3 Sophie Soria, Jesus als Coach. Lebensgestaltung nach biblischen Grundsätzen. Würzburg 2006, S.10.
4 ebenda S. 207 f.
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