Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.08.13; Diakon Harald Würges

Gebt ihr ihnen zu essen (Markus 6,37)

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserm Herrn, Jesus Christus. Amen

„Gebt ihr ihnen zu essen“, fordert Jesus seine Jünger auf. So jedenfalls berichtet es uns der Evangelist Markus in seiner Geschichte der Speisung der Fünftausend. Wir haben sie vorhin gehört. Doch bevor Jesus seinen Jüngern diesen Auftrag erteilt, hält er seine bekannteste und bedeutendste Rede: Die Bergpredigt. Während sich seine Jünger ausruhen dürfen, wendet sich Jesus damit den vielen Menschen zu, die sich um ihn geschart haben. Sie hängen an seinen Lippen. Wollen hören, was Leben ausmacht und die Kraft spüren, die von ihm ausgeht.

Wissen Sie, liebe Gemeinde, lieber Hörerinnen und Hörer, wie Markus diese Rede Jesu beschreibt? Mit einem Satz. „Und er fing eine lange Predigt an.“ „Mensch Markus“ möchte man da sagen. Mehr fällt dir dazu nicht mehr ein? Nicht aufgepasst? Vergessen? Wir wissen es nicht – aber eins steht fest. Ohne die Bergpredigt wird auch die Aufforderung Jesu an seine Jünger „Gebt ihr ihnen zu essen“ nicht zu verstehen sein.

Also nehmen wir Anleihe bei einem anderen Evangelisten. Bei Lukas. Und hören hinein in diese Begebenheit (wie der evangelische Theologe Uwe Seidel sie nacherzählt hat):

„Alle, die Jesus angerührt hatte an Leib und Seele und die er geheilt hatte, folgten ihm und seinen Jüngern. Jesus sah sie an, die Mühseligen und die Beladenen, die Traurigen und die Elenden und sprach zu ihnen: ‚Selig seid ihr Armen, ihr kleinen Leute gehört zu Gott und seinem Reich. Selig seid ihr Hungernden, euer Elend soll ein Ende haben, ihr sollt satt werden. Selig seid ihr Weinenden, eure Tränen werden verwandelt in Freude und ihr werdet tanzen und lachen. Selig seid ihr Mutigen, wenn euch die Menschen belächeln und beschimpfen, beleidigen und bedrohen, auch wenn sie euch verstoßen und euren Namen in den Schmutz treten – und das alles um meinetwillen. Freut euch aus eures Herzens Grunde, denn ihr seht: Ihr habt einen Schatz im Himmel. Den kann euch niemand nehmen. Ihr seid bei Gott wertvoller als die größten Edelsteine.

Dann machte Jesus eine Pause und sagte: „Weh euch ihr Reichen! Für euch gibt es keinen Trost. Eure Eigensucht hat euch schon genug getröstet. Wehe euch! Jetzt seid ihr satt auf Kosten der Armen. Ihr werdet spüren: Hunger tut weh – eine ganze Ewigkeit werdet ihr hungern. Wehe euch! Jetzt lacht ihr über den neuen Geist, der in die Welt einzieht. Ihr werdet nichts mehr zu lachen haben. Ihr werdet über euch nur noch weinen und klagen können.“

Jesus sah nun wieder die an, die er selig gesprochen hatte. „Ihr, die ihr ein offenes Ohr habt für meine Worte, euch sage ich: Liebt eure Feinde; entrümpelt eure Herzen und werft eure Feindbilder auf den Müll. Die euch hassen, die überhäuft mit guten Taten. Segnet, die euch fluchen, denn Segen hilft – Fluch aber zerstört eure Seele. Bittet für die, die euch misshandeln, denn wer schlägt ist der Schwache, auch wenn er den Starken spielt. Denn wenn Schlag auf Schlag folgt, kann kein Friede werden. Und wenn einer dir deinen Mantel nimmt gibt ihm auch noch dein Hemd. Wenn dich einer bittet, dann gib, was du hast. Und wie ihr wollt, dass euch die Leute behandeln, so fangt ihr damit an. Wenn alle so handeln, dann lebt ihr miteinander in Frieden.“

Und alle wussten, Jesus steht auf der Seite der Armen.

Meditative Orgelmusik

2. Teil

„Gebt ihr ihnen zu essen“ – nach der Bergpredigt ist das der erste Auftrag Jesu an seine Jünger. Die haben jetzt genug ausgeruht. „Gebt ihr ihnen zu essen.“, sagt er. „Das sind die Menschen, die ich in die Fülle des Lebens bringen will. Nun macht ernst mit dem, was ich euch gesagt habe: Nehmt die Menschen in die Mitte. Seid Kümmerer. Sorgt euch um sie. Lasst sie nicht alleine. Stärkt sie. Geht hin zu ihnen. Hört in den Tisch-Gruppen von ihrem Schicksal. Lacht und weint mit ihnen. Tröstet sie und seid ihnen nahe. Und vor allem: Habt keine Angst. Es reicht! Sowohl das Essen als auch eure Kraft. Denn mein Segen liegt darauf.“

Soweit Jesu Plan. Damals ging er auf. Und heute? Liebt die Menschen, seid barmherzig - wird das reichen? Kommt da nicht eher vertrösten als trösten heraus? Abhängigkeit statt selbständiges Leben? Wo bleibt denn da die Gerechtigkeit? Und überhaupt: Gelten heute nicht andere Regeln wie man `seines Schicksals Schmied‘ wird? Kann man Jesu Plan für ein besseres Leben für viele denn so einfach ins Heute übertragen?

Liebe Gemeinde in der Christuskirche, liebe Hörerinnen und Hörer, wir, die Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde Niedergirmes wollen Ihnen Beispiele vorstellen, wie wir versuchen, die Botschaft Jesu 1:1 umzusetzen ins Jetzt und Heute.

Von unserer Gemeinde haben Sie zu Beginn schon gehört. Wir sind nichts Besonderes aber in manchen Dingen etwas anders. Wir sind überzeugt: Wenn es darum geht, Menschen um Jesu willen nah zu sein, dann geht das am besten mit diakonischem Handeln. Damit – so erleben wir es – können wir Gottes Wort handfest, fühl- und erfahrbar vermitteln und leben.

Nehmen wir zum Beispiel unsere Streitschlichter: Die gibt es schon seit fast 20 Jahren in unserer Gemeinde. Streitschlichter, das sind junge Leute zwischen 17 und 37 (Jahren) - wie immer bei uns in der Gemeinde, bunt gemischt: Eingeborene, Migranten, Flüchtlinge – Arbeitslose, Abiturienten, Auszubildende, Arbeiter, Angestellte. Sie lassen sich darauf ein, Streitschlichten ohne Gewalt zu lernen. Im Sommer sind sie dann als ehrenamtliche ‚Freibad-Streetworker‘ im Einsatz. Die Streitschlichter lernen in ihrer Ausbildung: Man kann Streit verhindern, ohne Gewalt anwenden zu müssen. Man kann in Streitigkeiten vermitteln. Wenn die Streitschlichter im Freibad unterwegs sind, setzen sie Zeichen; friedliches Zusammenleben ist möglich und bereichernd. Als wir letzten Montag unser wöchentliches Treffen hatten, berichteten die jungen Leute engagiert davon, wie ihnen das immer wieder gelingt. Dadurch, dass sie Menschen in den Blick nehmen, sie ernst nehmen. Nicht drohend, sondern freundlich. So bauen sie Kontakte auf. Diese wiederum sind tragende Pfeiler, wenn es darum geht, bei Problemen zu vermitteln. Mittlerweile wird dieses Projekt von jungen Leuten selbständig geleitet und begleitet. Sie haben für sich erkannt, was für ein Segen und welche Chancen darin liegen, sich in ‚gewaltfreier Kommunikation‘ einzuüben und andere davon zu überzeugen. Vielleicht kann man es mit dem Satz zusammenfassen:  „Alles, was ihr wollt, was euch die Leute tun, das tut ihnen auch.“

In diesem Jahr sind zwei junge Leute, Flüchtlinge aus dem Iran und Syrien zu den Streitschlichtern gestoßen. „Wir haben gehört, hier geht es um Frieden“, so haben sie sich vorgestellt, „da wollen wir unbedingt dabei sein.“ Wir haben sie mit hineingenommen. Auch ohne Ausbildung. Ihre Erfahrungen reichen. Es wird ganz still, wenn sie von ihren Kriegserfahrungen erzählen – manchmal nur andeuten, was ihnen und ihren Familien widerfahren ist. Wenn wir ihnen zuhören wird uns deutlich was passiert, wenn wir nicht lernen, ohne Gewalt miteinander zu leben.

Was uns bewegt: Die beiden jungen Leute erhalten kein abgesichertes Bleiberecht in unserem Land. Die Kriege in ihrer Heimat gelten nicht als Asylgrund – es sind ‚nur‘ Bürgerkriege. Mittlerweile bewegt sich zwar etwas an dieser Auffassung in unserem Staat, aber nur sehr zögerlich. Dazwischen aber wird Stimmung gemacht: „Das Boot ist voll“. „Dramatische Steigerung der Asylbewerber“ oder „Einwanderung in unsere Leistungs-Systeme“ lauten die Schlagzeilen.

In einem „Arbeitskreis Flüchtling“ versuchen wir in unserer Gemeinde, anders zu handeln. Wir begrüßen die Flüchtlinge und Asylbewerber bei ihrer Ankunft. Wir begleiten sie in ihren Gemeinschaftsunterkünften, stellen Kontakte zu Gruppen und Gemeinden her. Wir geben ihnen Rechtsbeistand. Wir weinen und lachen mit ihnen. So setzen wir Jesu Worte um: „gebt ihr ihnen zu essen“. Und wir haben eine Kooperationsvereinbarung mit den zuständigen Behörden geschlossen. Damit wollen wir zeigen: Wir brauchen uns gegenseitig, wenn es um die Menschen geht, die zu uns geflohen sind: Wir brauchen die Behörden und die Behörden brauchen uns.

Wir wissen, dass das nicht reicht. Trotz Kriegserfahrungen und Traumata, trotz drohender Verfolgung in ihren Heimatländern, reichen unsere Gesetze nicht aus, reicht die Menschlichkeit nicht aus, wird aus geltendem Recht Ungerechtigkeit für die betroffenen Menschen. Müssen wir hier Grenzen überschreiten, um Menschen zu schützen?
Gilt das ‚Wehe Euch‘ der Bergpredigt Jesu uns Reichen, die wir auf Kosten dieser Armen und nach Leben Hungernden Trost und Hilfe zu oft versagen? Wie ist es möglich, dass der Geist Gottes in die Welt einziehen kann – wenn unsere Herzen hart bleiben oder wir nur dann barmherzig sind, wenn es für uns ein Vorteil ist?

Meditative Orgelmusik

3. Teil

„Gebt ihr ihnen zu essen“ - noch ein Beispiel, mit dem wir versuchen, Gottes Botschaft Hand und Fuß zu geben. Dieses Mal im wahrsten Sinn des Wortes. Es geht um unsere Tafel- und Kindertafel sowie unseren Mittagstisch ‚Gesegnete Mahlzeit‘. Obwohl: Hier heißt es eigentlich: „Gebt euch zu essen“.

Denn die von Armut betroffenen Menschen sind bei uns auch gleichzeitig die Akteure der Arbeit. Soll heißen: Unsere Tafel ist eine Selbsthilfegruppe. Menschen, die lange schon arbeitslos sind oder arm, arbeiten hier ehrenamtlich mit. Und machen oft nach langer Zeit die Erfahrung: Ich kann was. Ich bin begabt. Ich werde geachtet und kann mich selbst wieder achten.

Eine Mitarbeiterin sagt: „Ich war früher Bäckerei-Verkäuferin. Dann wurde ich krank. Und jetzt bekomme ich keine Anstellung mehr.“ Trotz Krankheit ist sie bei uns die Vorarbeiterin, Mutmacherin, Hoffnungsträgerin für den Bereich des „Tafel-Cafés“.

„Ich weiß gar nicht mehr, was ich kann“, sagt ein anderer oder „Ich war so lange nicht mehr arbeiten, habe meine Eltern gepflegt. Jetzt habe ich Angst, was falsch zu machen“ - Gemeinsam finden wir Möglichkeiten, wieder hineinzukommen in die Arbeit. Sich neu auszuprobieren. Dazuzugehören. Nicht allein zu sein.

Über 1.500 Familien versorgen und betreuen die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die, die oftmals von außen als ‚arbeitsscheu‘ oder ‚faul‘ betitelt werden, erfinden immer neue Arbeitsfelder: Denn als selbst von Armut und Langzeitarbeitslosigkeit Betroffene sind sie Fachleute für das, was fehlt und erforderlich ist. Das reicht von Hilfen bei der Bewerbung, niedrigschwelligen Sprachkursen, Computerlernen bis hin zur Begleitung bei Gängen zu Dienststellen. Die Mitarbeitenden beraten auch wenn es darum geht, kulturelle Angebote für schmale Geldbeutel zu finden.

Uns als Kirchliche Mitarbeiter haben diese Ehrenamtlichen ins Stammbuch geschrieben: „Habt bitte Zeit für uns, wir brauchen Gespräche mit Euch, wir brauchen Euch, um neue Einsichten für unser Leben zu kriegen."

So stärken wir die Menschen durch qualifizierende Begleitung. Und helfen ihnen, nach und nach einen Weg aus dem Armutskreislauf zu finden. All das kostet natürlich Geld.
„Gebt ihr ihnen zu essen“ - wir geraten dabei derzeit an Grenzen und mussten erstmals die Kommune um finanzielle Mithilfe bitten. So buchstabieren wir die Seligpreisungen und Verheißungen Gottes neu: Fünf Brote und zwei Fische - alle wurden satt. Und es blieb noch übrig.

Bei uns bleiben derzeit leider nur die Absagen der verantwortlichen Politiker übrig. „Freiwillige Leistungen“, „Haben kein Geld“, „Muss sich selbst tragen“ – lauten die Antworten auf unsere Anträge.

Wir finden: Diese Arbeit im Stadtteilzentrum, in der Tafel und beim Mittagstisch ist im wörtlichen Sinne Not-wendig. Denn sie schenkt Brot und Würde. Deshalb treten wir mutig ein für Gerechtigkeit. Und wir glauben und hoffen, dass es am Ende reichen wird. Warum? Weil Gott Herzen bewegen kann.

Entrümpelt Eure Herzen. Habt ein offenes Ohr für meine Worte sagt Jesus. „Gebt ihr ihnen zu essen“. Setzt euch an einen Tisch. Schaut die an, die eure Hilfe brauchen. Lernt voneinander. Hier in Niedergirmes und an allen Orten, wo Menschen in Not geraten. Mit Liebe und Barmherzigkeit.

Fünf Brote und zwei Fische – Respekt und Zuwendung, Vertrauen in die Begabungen und Kräfte der Menschen neben mir, Hilfe, die stark macht, nicht klein – all das geteilt macht viele satt. Denkt dran: Selig seid ihr, denn Gott segnet euch.

Dies wollen wir als Kehrvers des nächsten Liedes miteinander singen.

Lied (Fietz, Gemeinde): Selig seid ihr, denn Gott segnet euch.

Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen in Jesus Christus, unserem Herrn.

 


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