Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.08.13; Pfarrerin Daniela Kirschkowski

Wegwerfgespräche

So, liebe Hörrerin, lieber Hörer. Heute ist es soweit. Heute ist sie dran. Ich werde das keinen Tag länger mitmachen, denn dieses Chaos macht mich wahnsinnig.

Heute räume ich die Garage auf.

Was genau – ich glaube, das habe ich mich schon ein dutzend Mal in diesem Leben gefragt – was genau hält einen eigentlich davon ab, Dinge sofort wegzuwerfen? Statt sie für die nächsten Wochen, Monate und dann meistens eher Jahre einzulagern... Immer dieser elende Gedanke: „Das kann ich bestimmt nochmal gebrauchen.“

Dieser Gedanke macht Gefangene. Er ist ein hinterlistiger Jäger, der es immer wieder schafft, mich zu überrumpeln – oder vielmehr zu überrümpeln. Er schleicht sich von hinten an und drückt mir ein winzig kleines Teil in die Hand. Mal eine bunte Tasse, mal einen geschnitzten Bilderrahmen; einen kleinen Karton mit alten Postkarten. Ein Buch. Noch ein Buch. Und: Noch ein Buch.

Mein Gott. Allein Bücher füllen schon die ersten drei Kisten, die ich öffne. Sie stehen seit dem letzten Umzug hier. Ich habe sie gar nicht erst ausgepackt. Das ist ja auch gerade mal zwei Jahre her.

Gestern Abend habe ich im Gespräch mit Freunden verhandelt, was wohl die angemessene Aufbewahrungszeit für mit Krempel gefüllte Kisten ist. Wie wir darauf kamen? Nun, ich suchte nach einem Reiseführer für Frankreich und dachte mir: Fragste mal, ob jemand noch einen hat. Man muss ja nicht gleich immer alles neu kaufen.

Und tatsächlich: Martina sagte, sie hätte einen. Sie müsste ihn nur erst rauskramen. Worauf ihr Mann trocken meinte: „Der ist aber schon mindestens 15 Jahre alt. Da war unser Kind noch klein als wir in Frankreich waren.“ Mitleidige Blicke von allen aus der Runde. Und Schweigen.

Sie alle haben solche Kisten. In der Garage, im Keller oder auf dem Dachboden. Und wer keine hat, der hat den Krempel eben gut sortiert in einer Vitrine, im Regal oder in einem Schrank. Zum Abstauben oder umsortieren. Regelmäßig.

Natürlich. Manches kann man bestimmt noch gut gebrauchen. Manches dient auch ganz bestimmt als Erinnerungsstück. An einen lieben Menschen, eine glückliche Zeit, an einen schönen Urlaub. Manches ist bestimmt auch noch was wert. Viel zu schade zum Wegwerfen. Aber ob es mir gelingen wird, dieses Wertvolle von den Resten zu trennen?

Ich werde es heute herausfinden. Vor mir stehen drei leere Kisten, jede mit einer Aufschrift: „Wegwerfen“, „Flohmarkt“ und – na gut, ich gebe es zu: „Behalten.“ Für die letzte Kiste habe ich mir jetzt aber wirklich etwas vorgenommen: Alles was da hinein kommt, werde ich in einem Jahr nochmal anschauen. Und bevor ich sie öffne, muss ich auf ein Blatt schreiben, was sich in der Kiste befindet. Und wenn ich mich an etwas nicht erinnere, dann fliegt es augenblicklich in den Müll. Denn es reicht jetzt. Es wird Zeit, dass die Vergangenheit der Gegenwart Platz macht. Wo soll den sonst die Zukunft noch hin?

Schon in der Bibel steht: „Prüft aber alles, und das Gute behaltet.“ (2. Thessalonicher 5,21 LUT) Einen aufgeräumten Sonntag! Ihre Daniela Kirschkowski, Pfarrerin in Marl

 

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