Gott suchen mit Goethe
1. Musik: CD Signes, reference. Musik: René Aubry; Label: Hopi mesa, 1997; LC Track 8 Désordre
Autorin: Er blieb ein Suchender, sein Leben lang. Johann Wolfgang von Goethe reiste durch seine Zeit mit einem unvergleichlich starken Empfinden für das Dasein. Unstillbar war sein Hunger nach Wissen und leidenschaftlicher Verliebtheit. Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Mein Name ist Susanne Wolf-Withöft. Ich bin evangelische Pfarrerin und lebe in Wuppertal. Goethe, der bedeutendste deutsche Dichter, war nicht nur Lebemann, Naturforscher, Staatsmann und Kunsttheoretiker. Goethe suchte sein Leben lang nach Gott. Mit seiner künstlerischen Liebe zur Sprache erreicht er bis heute die Herzen. Und er hinterließ Wortwelten, die wir noch heute durchschreiten, in denen wir wohnen können. Wohnworte. Romane und Dramen, prägend für jede Schullaufbahn. Goethe kleidete sie in die Sprache der leidenschaftlichen Suche nach dem Sinn.
2. Musik = 1.Musik
Autorin: Geboren wird Goethe im Sommermonat August 1749 in Frankfurt am Main. Seine Mutter Catharina Elisabeth stammt aus einer Juristenfamilie. Sein Vater Johann Caspar ist kaiserlicher Rat, Jurist und Privatier. Er besitzt über 2000 Buchbände, sammelt Kunstwerke und Naturalien und unterrichtet seinen Sohn in Eigenregie. Noch bevor er lesen kann blättert der junge Johann Wolfgang neugierig in der bebilderten Merian-Bibel. Goethe ist geprägt von einem lutherisch-orthodoxen Elternhaus. Doch er wird weit über jede Konfession hinauswachsen. Die Religion soll ihm ein Lebensthema werden. Obwohl er auf Drängen des Vaters in Leipzig Rechtswissenschaften studiert, gilt seine Leidenschaft schnell dem Schreiben. Goethe fängt an zu fragen. Nach Gott und der Welt:
Sprecher:
Was wär ein Gott, der nur von außen stieße,
Im Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemt´s, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen,
So dass, was in ihm lebt und webt und ist,
Nie seine Kraft, nie seinen Geist vermisst.
Autorin: Goethe fragt hier als Naturforscher. Er sieht die Welt an mit den Dingen und erkennt: Hinter jedem Wesen steckt eine höhere Idee. Gott ist kein jenseitiges Wesen, welches die Natur einmal geschaffen und sich selbst überlassen hat. An uns Menschen ist es zu suchen, wo Gott sich uns offenbaren will. Eine starre Dogmatik, eine feste theologische Lehrmeinung die sind dem Dichter fremd. Seinem Haus und Seelenfreund Johann Peter Eckermann schreibt er aufgeregt: Die alte Dogmatik mit ihrem zornigen, ungerechten Gott sei Gotteslästerung. Seine Sympathie gilt der pantheistischen Naturreligion. Gott ist in allen Dingen, in jeder Pflanze und jedem Stein. Der Glaube bleibt für Goethe eine besondere Sicht auf die Welt.
Sprecher:
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
wie könnt´ die Sonne es erblicken?
Wär nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt´ uns Göttliches entzücken?
Autorin: Mensch und Natur sind für Goethe wesensgleich. Dadurch, dass die Elemente aller Dinge in uns selbst sind, können wir die Dinge erkennen. Im Laufe seines Lebens entwickelt Goethe die Sehnsucht nach der großen Symphonie. Gott ist identisch mit allem was ist. Alle Gegensätze fallen zur Einheit zusammen: Gott und die Welt, Geist und Natur, Idee und Materie, Individuum und Gesellschaft. Goethes Vorstellungen stehen im scharfen Gegensatz zum christlichen und jüdischen Glauben. Mehrfach wirft man ihm Atheismus vor. Dabei hatte er lediglich versucht, die Gegensätze der Welt in ästhetischer, dichterischer Frömmigkeit zu vereinen.
3. Musik: CD s.o., Track 1 Signes
Autorin: Goethe studiert in Leipzig, dem damaligen Klein Paris. Die Mode und die lockere Lebensart sind ansteckend. Mit 15 verliebt er sich in die junge Kellnerin Gretchen. Als Student in die Wirtstochter Anna Katharina Schönkopf. Viele andere Frauen werden den Weg des Dichters noch kreuzen. Sie prägen sein Denken und Tun. Der Dichter hungert nach Begegnungen aus denen er seine Schriften speist. Wie in der Religion bleibt Goethe auch in der Liebe ein Suchender:
Sprecher:
Ob ich dich liebe, weiß ich nicht.
Seh ich nur einmal dein Gesicht,
Seh dir ins Auge nur einmal,
Frei wird mein Herz von aller Qual,
Gott weiß, wie mir so wohl geschicht!
Ob ich dich liebe, weiß ich nicht.
Autorin: Als Student frisch verliebt schreibt Goethe den ersten veröffentlichten Gedichtband Annette. Er erkrankt an einem Blutsturz und einer schweren Lungenentzündung und kehrt an seinem 19. Geburtstag in die Heimatstadt Frankfurt am Main zurück. Dort pflegt ihn eine Verwandte seiner Mutter gesund. Sie macht Goethe mit dem Pietismus vertraut. Diese gefühlvolle Frömmigkeitsströmung mit ihrem subjektiven Weg zum Glauben und der stillen Einkehr sind prägend. Die innerste aller Fragen, die Menschen bewegen kann -, diese Frage stellt das Gretchen in Goethes berühmtesten Werk, dem Faust:
Sprecherin und Sprecher:
Margarete: Nun sag, wie hast dus mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon
Faust: Mein Liebchen, wer darf sagen,
Ich glaub an Gott?
Magst Priester oder Weise fragen,
Und ihre Antwort scheint nur Spott
Über den den Frager zu sein.
Margarete: So glaubst du nicht?
Faust: Misshör mich nicht, du holdes Angesicht!
Wer darf ihn nennen?
Und wer bekennen:
Ich glaub ihn.
Wer empfinden
Und sich unterwinden
Zu sagen: ich glaub ihn nicht?
Der Allumfasser,
Der Allerhalter,
Fasst und erhält er nicht
Dich, mich, sich selbst?
Autorin: Religion ist für Faust wie für Goethe eine Sache des Gefühls. Faust hat ja die Unerfüllbarkeit seines Wunsches erkannt. Er wird nicht verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. So bleibt ihm die Ehrfurcht vor dem unfassbaren Gott, für den er keinen Namen hat, den er nicht in Begriffe fassen mag. Auch sein Schöpfer, Goethe findet keine Konfession, zu der er sich völlig bekennen kann. Tradierter Glaube kann ihn nicht mehr bergen. Goethe ist religiös ohne Obdach.
Er setzt sein Studium in Straßburg fort und eröffnet dann im Jahr 1771 in Frankfurt am Main eine Anwaltskanzlei. Am Reichskammergericht in Wetzlar soll er seine juristischen Kenntnisse vertiefen. Auf einem Ball lernt er Charlotte Buff und ihren Verlobten Johann Christian Kestner kennen. Die Männer befreunden sich, sie treffen sich oft zu dritt. Als Goethe Charlotte dreist zu küssen versucht, begreift sie, dass sie Klarheit schaffen muss. Der Dichter schwärmt zu heftig. Goethe reist überstürzt ab. In ihm stürmt und drängt es. Die Leiden seiner Romanfigur Der junge Werther, welcher in Folge entsteht, sind ihm selbst zu Eigen. Sein Gefühlsüberschwang zerbricht an der widerständigen Welt.
4. Musik: CD s.o., Track 2 Desert train
Autorin: Jetzt lockt den Dichter die Residenzstadt Weimar, mit dem Musenhof der Herzogin Anna Amalia. Er zieht 1775 in ein Gartenhaus an der Ilm, das ihm Herzog Carl August übereignet. Und er lernt Charlotte vom Stein kennen. Mit der geistvollen Frau tauscht er sich rege aus. Es ist eine entsagungsvolle Beziehung. Sie ist verheiratet. Doch im Lauf der Jahre schreiben sie sich mehr als 800 Briefe.
Weimar wird zum Ort der Beständigkeit für Goethe. 1782 wird er in den Adelsstand erhoben. Die amtliche Tätigkeit jedoch stellt sein poetisches Talent in Frage. So bleibt Goethe im Aufbruch.
Sprecher:
Diese Richtung ist gewiß;
Immer schreite, schreite!
Finsternis und Hindernis
Bleiben dir bei Seite!
Autorin: Schreite, schreite! Goethe bricht auf nach Italien. Zwei Jahre ist er fort im Land der Sonne und des Weins und der Kunst. Im künstlerischen Rausch findet er wieder zu sich. Seinen früheren Freunden aber wird er fremd. Zurückgekehrt verliebt er sich in die Arbeiterin Christiane Vulpius. Die beiden ziehen zusammen, heiraten, bekommen Kinder. Die nicht standesgemäße Liebe ist ein Skandal in Weimar. Goethe lässt sich von seinen staatlichen Aufgaben entbinden.
Da trifft er in Friedrich Schiller einen Wahlverwandten. Gemeinsam arbeiten sie an Werken. Sein Freund Friedrich Schiller ist für Goethe ein wichtiger Gesprächspartner- Schiller stirbt 1805, kurz zuvor Goethes einzige Schwester Cornelia. Goethe trauerte sehr um die beiden. In seinem Gedicht Vermächtnis findet er Worte:
Sprecher:
Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ewige regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte dich beglückt!
Das Sein ist ewig; denn Gesetze
Bewahren die lebend´gen Schätze,
Aus welchen sich das All geschmückt.
Autorin: Das sichtbare Dasein zwischen Geburt und Tod ist nicht alles. Goethe protestiert gegen die Begrenztheit. Das Sein ist ewig! - Er will das Ganze, das Große und ist damit seiner Zeit voraus. In den letzten Lebensjahrzehnten nähert er sich den Ursprüngen des Christentums, des Judentums, des Islams und auch des Hinduismus an. Erst die Summe der Weltreligionen schafft für ihn das Mysterium des Glaubens. Goethe schließt mit seinem großherzigen Naturell nichts von vornherein aus. Er wiegt alles wohlwollend und schreitet dann zur Synthese!
5. Musik = 3. Musik
Autorin: Goethe entwickelt sich zu einem Weltbürger der Toleranz. Neugierig, suchend, bleibt er dem Göttlichen auf der Spur. Diese Dynamik erinnert mich an eine Grundhaltung des Christentums, die mir wichtig ist. Wenn du aber den Herrn, deinen Gott, suchen wirst, so wirst du ihn finden, wenn du ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele suchen wirst. Gott wird sich finden lassen. So verspricht es das 5. Buch Mose der Bibel oder um es mit Goethe zu sagen: treues Vorwärtsdrängen bewirkt stets ein göttliches Entgegenkommen.
Bei aller Kritik, die theologisch an Goethes Werken und seinem Denken sicher auch angebracht ist, begeistert mich diese Lebenshaltung. Sie fließt über in die Texturen seiner Schriftstücke. Wir können Gott auf die Spur kommen, weil Gott sich uns nähert.
Goethe wird 82 Jahre alt. Er stirbt am 22. März 1832 an einem Herzinfarkt in seinem Haus am Frauenplan in Weimar. Bis heute hält sich das Gerücht, seine letzten Worte lauteten Mehr Licht!.
Sprecher:
Komm, heil´ger Geist, du Schaffender,
Komm, deine Seelen suche heim!
Mit Gnaden-Fülle segne sie,
Die Brust, die du geschaffen hast.
Autorin: Goethe hinterlässt ein Wortkulturerbe. Worte, die begeistern, bewegen, ermutigen: Genussreiche Sommerlektüre. Einen gesegneten Sonntag wünsche ich Ihnen und bleiben Sie Ihren innersten Fragen neugierig auf der Spur, Ihre Susanne Wolf-Withöft von der Evangelischen Kirche.
6. Musik: CD s.o., Track 11 Pommes d´Amour
Literatur
-Meine Religion. Mein politischer Glaube. Zwei vertrauliche Reden von J.W.von Goethe, zusammengestellt und herausgegeben von Dr. Wilhelm Bode, Berlin 1899.
-Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Stuttgart 2001.
-Johann Wolfgang Goethe, Faust. Der Tragödie Erster Teil, Stuttgart 2000.
Musikinformation
Musik 1 und 2:
CD-Name: Signes, reference
Track-Name/-Nr.: Désordre / Track 8
Interpret: René Aubry
Komponist: René Aubry
Textdichter:
Verlag: unbekannt
LC-Nr. 1672
Musik 3 und 5:
CD-Name: s.o.
Track-Name/-Nr.: Signes / Track 1
Label: unbekannt
Musik 4:
CD-Name: s.o.
Track-Name/-Nr.: Desert train / Track 2
Musik 6:
CD-Name: s.o.
Track-Name/-Nr.: Pommes damour / Track 11
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