Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.07.13; Oliver Metz

Ihr seid das Licht der Welt

Autor: Ich lehne mich zurück und schaue aus dem Fenster. Wir durchbrechen die geschlossene Wolkendecke und schweben plötzlich in anderen Sphären. Tauchen ein in einen

unendlich großen Raum, durchflutet von Klarheit und strahlendem Licht. Ich fühle mich frei, atme auf. Dieses wunderbare Licht! Wie sehr ich mich danach gesehnt habe, denke ich.

1. Musik: David Darling – Indiana Indian

Autor: „Ihr seid das Licht der Welt!“ Mit diesem Wort des Evangelisten Matthäus begrüße ich Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer. Mein Name ist Oliver Metz aus der Evangelischen Kirchengemeinde Mönchengladbach Rheydt. Licht – das ist unverzichtbar im Leben, für alles Leben überhaupt. Wie ausgehungert wir nach Licht und wärmenden Sonnenstrahlen sind, merken wir oft erst, wenn wir sie endlich zu sehen bekommen. So wie jetzt: Die Ferienzeit steht vor der Tür. Lange habe ich darauf gewartet, so scheint es mir. Der Winter und selbst der Frühling erschienen mir in diesem Jahr besonders lang und kalt und dunkel. Ich sehnte mich geradezu danach, in ein Flugzeug zu steigen und diese ungemütliche Dunkelheit für eine Weile hinter mir zu lassen. Über den Wolken empfing mich: Das Licht.

Sprecherin:
Doch unser aller Heimat bleibt das Licht
Zu dem wir kehren auf gewundnen Stegen.

Autor: So formuliert es der Dichter Stefan George in einem seiner Gedichte. Auch wenn ich mich in der Dunkelheit zuweilen wohlfühle, geborgen und vielleicht auch geschützt, mein Herz sehnt sich nach dem Licht. Das merke ich jedes Mal, wenn die Sonne hinter einer dunklen Wolke hervor scheint und mein Gesicht wärmt.

2. Musik: David Darling – Indiana Indian

Eines meiner liebsten Reiseziele ist Griechenland. Nicht nur wegen der freundlichen Menschen, dem guten Essen und der wunderbaren Landschaft. Meine Liebe zu Griechenland nimmt ihren Anfang im Licht, das dort von einer ganz besonderen Beschaffenheit ist. Da liegen die Inseln wie mit lockerer Hand im leuchtenden Blau des Meeres ausgestreut. Es ist, als hätte mir jemand einen Schleier von den Augen gezogen. Ich habe das Gefühl, wahrhaftig zu sehen. Im Licht der Ägäis fangen die Farben an zu leuchten und die Formen treten klar hervor. Viele Dichter beschreiben die Sehnsucht nach dem Licht auf ihre eigene Weise:

Sprecherin:
Orientierung - Hilde Domin

Mein Herz, diese Sonnenblume
auf der Suche
nach dem Licht.

Welchem
der lang vergangenen Schimmer
hebst du den Kopf zu
an den dunklen Tagen?

3. Musik: Stephan Micus – On the Way

Autor: ‚Auf der Suche nach dem Licht‘. Diese Suche scheint uns Menschen zu Eigen zu sein, wie die Sehnsucht nach der Heimat. Doch wo finden wir dieses Licht an den dunklen Tagen? Vor der Schöpfung, so erzählt die Bibel, war alles finster. Gott beginnt die Schöpfung mit den Worten: Es werde Licht! Dieser erste Schöpfungsakt liegt allen anderen zugrunde, die gesamte weitere Schöpfung richtet sich nach dem Licht aus. Pflanzen, Tiere und auch die Menschen bedürfen des Lichts um zu leben. Das Licht weist die Finsternis in ihre Grenzen, aber die Finsternis ist dadurch nicht ganz verschwunden. Sie existiert weiter, doch können wir der Schöpfung Gottes vertrauen: Aus der Finsternis soll das Licht hervorleuchten. Aber geht es hier nur um das sichtbare Licht, das wir mit unseren Augen wahrnehmen können? Im Neuen Testament wird dieser Gedanke weitergeführt. Jesus Christus spricht: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Unsere Sehnsucht nach dem Licht, sie ist im Kern die Sehnsucht nach dem Leben selbst.

Sprecherin:
Auferstehung – von Marie Luise Kaschnitz

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

4. Musik: Meredith Monk & Robert Een – Long Shadows 1

Autor: Dieses Licht des Lebens – für Christinnen und Christen ist es der auferstandene Christus, der nach seinem Tod am Kreuz nicht im Dunkel des Totenreiches blieb. Er ist das Licht, das stärker ist als die Finsternis und der Tod. Sein Licht der Auferstehung birgt die Hoffnung, sich nicht von den Finsternissen der Welt beherrschen zu lassen. Und das ist nicht leicht. Ein kurzer Blick in die Zeitungen oder abendlichen Nachrichten konfrontiert uns immer wieder mit diesen Finsternissen: politische Ungerechtigkeiten, Naturkatastrophen, Krieg und soziale Notstände sind die täglichen Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Wo finden wir die Kraft und den Mut, diesen Anforderungen zu begegnen? Es geht dabei ja nicht nur um die großen Fragen der Weltpolitik, das fängt schon im kleinen privaten Rahmen an. Christus spricht: „Ihr seid das Licht der Welt!“ Nicht nur ein paar Ausgewählte, die besondere Fähigkeiten haben, sind das Licht. Nein, sein Wort richtet sich an uns alle. Jeder kann sein Licht aufleuchten lassen und einen Beitrag leisten um die Welt ein wenig heller erscheinen zu lassen. Wie finde ich aber heraus, wie ich dieses Licht in mir zum Leuchten bringen kann? Gibt es jemanden in der Nachbarschaft, dem ich helfen kann? Vielleicht freut die müde Kassiererin sich über ein freundliches Lächeln. Eine Hilfsorganisation sucht freiwillige Helfer. Eine Spende kann dazu beitragen, Notsituationen zu lindern. Mit solchen kleinen Schritten fange ich an. Nehme das Licht wahr, das mit gegeben ist, gebe es weiter. „Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.“ Wenn ich mein Licht entdecke und leuchten lasse, wenn ich es nicht verstecke, auf die Kraft dieses Lichtes vertraue und es verschenke, wandle ich selbst nicht länger in der Finsternis; ich trage das göttliche Licht ja bereits in mir, als eine Zusage und ein Versprechen.

Sprecherin:
Wie wenig nütze ich bin – von Hilde Domin

Wie wenig nütze ich bin,
ich hebe den Finger und hinterlasse
nicht den kleinsten Strich
in der Luft.

Die Zeit verwischt mein Gesicht,
sie hat schon begonnen.
Hinter meinen Schritten im Staub
wäscht Regen die Straße blank
wie eine Hausfrau.

Ich war hier.
Ich gehe vorüber
ohne Spur.
Die Ulmen am Weg
winken mir zu wie ich komme,
grün blau goldener Gruß,
und vergessen mich,
eh ich vorbei bin.

Ich geh vorüber –
aber ich lasse vielleicht
den kleinen Ton meiner Stimme,
mein Lachen und meine Tränen
und auch den Gruß der Bäume im Abend
auf einem Stückchen Papier.

Und im Vorbeigehn,
ganz absichtslos,
zünde ich die eine oder andere
Laterne an
in den Herzen am Wegrand.

5. Musik: Stephan Micus – Morning Breeze

Autor: Ganz absichtslos, zünde ich die eine oder andere Laterne an in den Herzen am Wegesrand. Bei Hilde Domin klingt das alles so einfach, so leicht. Im Vorbeigehen ausgestreut - mein Licht. Entfacht Licht in den Herzen der Menschen, denen ich begegne. Doch mir geht es oft ganz anders. Dann frage ich mich: Das Licht der Welt, ausgerechnet ich? Mit allen meinen Fehlern und Unzulänglichkeiten? Das kann doch gar nicht sein! Was für eine Zumutung. Was für eine Verantwortung wird mir da aufgebürdet. Ein großer Zweifel an meinen eigenen Fähigkeiten legt sich dann über das Licht, das in mir strahlt. Dann habe ich das Gefühl: ich muss erst noch eine ganze Menge an mir arbeiten, ein besserer Mensch werden und meine Schattenseiten überwinden, um diesem Licht gerecht werden zu können, ja um es überhaupt zu verdienen. Aber Christus spricht hier eine ganz klare Sprache: Ihr seid das Licht der Welt! Es heißt nicht: Ihr könntet das Licht der Welt sein, wenn ihr euch bemüht. Oder: Das Licht wird euch als Belohnung gegeben, wenn ihr alles richtig macht. Nein, ihr seid das Licht der Welt! Dieser Zuspruch ist unverbrüchlich und ganz sicher nicht an Bedingungen geknüpft. Wann immer ich daran zweifle, lohnt es sich, mir das auch selber zu sagen: Ich bin ein Kind des Lichtes. Das Licht der Schöpfung ist in mir. Das Licht, das Tod und Finsternis überwunden hat, ist ein Teil von mir. Ich bin ein Kind des Lichtes, das in Jesus Christus leuchtet. Und auch wenn ich selbst an mir zweifle und meine Grenzen sehe, Gott hat mir das Licht anvertraut, er steht zu mir. Er sieht mein Potential und meine Fähigkeiten, noch lange bevor ich sie selbst wahrnehme. Wenn ich den Mut habe, mich diesem Licht zu öffnen, werde ich mein eigenes Licht leuchten lassen und damit die Finsternis erhellen. Dafür braucht es auch ein wenig Mut, die Angst und die Zweifel hinter sich zu lassen. Die alten Fragen: Bin ich genug? Habe ich einen Anspruch auf die Gunst des Lichtes? Solche Fragen sind längst beantwortet. Dieses Licht kann mir niemand nehmen, auch meine eigenen Ängste und Unsicherheiten nicht. So gestärkt, gehe ich los.

Sprecherin:
Abschied – von Wilhelm Bruners

Nichts mitnehmen
nichts
nur das eine:
Eine nachtvoll Licht
und die Stimme
über den Wassern
die ruft:
Komm!

Schau nicht
auf den Wind
Geh!

Und du spürst:
keine Welle gibt nach

Zurück bleibt
schweißgefleckte
Angst
und ängstigt sich
für sich
allein

6. Musik: David Darling – Indiana Indian

Autor: Mich selbst und andere immer wieder daran erinnern: Wir sind Kinder des Licht! Manchmal brauchen wir uns gegenseitig, um diese Erinnerung wach zu rütteln: Du bist das Licht der Welt! Folge diesem Licht und lass es hell leuchten! Liebe Hörerin, lieber Hörer, wo auch immer Sie die Sommertage verbringen werden – auf einer griechischen Insel, dem Balkon oder im Freibad –, ich wünsche Ihnen helle und strahlende Tage, erfüllt vom Licht der Schöpfung. Jeder kleine Sonnenstrahl mag eine Erinnerung daran sein, dass wir selbst das Licht haben und sind. Ihr Oliver Metz aus der Kirchengemeinde Mönchengladbach-Rheydt.

7. Musik: Anouar Brahem – Stopover at Djibouti

TEXTE:
Matthäus 5, 14-16;
Johannes 8, 12;
Epheser 5, 8-14;
Hilde Domin: Orientierung. Sämtliche Gedichte, S. Fischer Verlag 2011, S. 103;
Hilde Domin: Wie wenig nütze ich bin. Sämtliche Gedichte, S. Fischer Verlag 2011, S. 20;
Marie Luise Kaschnitz: Auferstehung. Überallnie – Gedichte, dtv 1995, S. 203;
Wilhelm Bruners: Abschied. Verabschiede die Nacht. Klens Verlag 1999, S. 114;
Stefan George: Das Jahr der Seele, Klett-Cotta 1987, S. 76;

MUSIK:
Musik 1, 2, 6: David Darling: Indiana Indian. CD: Cello, Track 7, ECM 1464, LC 2516;
Musik 3: Stephan Micus: On the Way. CD: Athos, ECM 1551, LC 2516;
Musik 4: Meredith Monk & Robert Een: Long Shadows. CD: Facing North, Track 3, ECM 1482, LC 2516;
Musik 5: Stephan Micus: Morning Breeze. CD: Towards the Wind, Track 2, ECM 1757,
LC 2516;
Musik 7: Anouar Brahem: Stopover at Djibouti. CD: The astounding Eyes of Rita, Track 3, ECM 2075, LC 2516;

 


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