Verrückte haben es schwer
Gegen Windmühlen kämpfen nur Ritter. Selbst, wenn man den Kampf nur verlieren kann, muss ein Ritter es zumindest versucht haben. Don Quichotte war so einer.
Miguel de Cervantes schrieb seinen weltberühmten Ritterroman Don Quichotte um 1580. Es war eine Zeit, als Kopernikus und Galilei ein neues Weltbild begründeten. Die alten Vorstellungen von Welt zerfielen. Cervantes entwarf mit Don Quichotte einen fahrenden Ritter, der auf tragische Weise alten Idealen nachhing.
Ein Verrückter.
In der Regel reagiert die Gesellschaft auf Verrückte oder schräge Typen belustigt oder repressiv. Heute halten wir für sie Psychiatrien und Gefängnisse vor. Verrückte haben es schwer auf dieser Welt, vor allem, wenn sie uns den Spiegel vorhalten, so schrieb einführend der Regisseur der Oper Don Quichotte von Jules Massenet in der letzten Spielzeit an den Wuppertaler Bühnen.
Seit fast vierhundert Jahren beschäftigen sich Maler, Choreographen, Komponisten, Theaterleute und Filmemacher in der Kunst mit den faszinierenden Figuren des Ritters von der traurigen Gestalt und seines Knappen Sancho Panza. Das mag die Zeitlosigkeit der hintergründigen Themen aufzeigen: Ein tragisches Spiel um Liebe, die keine Erwiderung findet und ausgenutzt wird. Der idealistische Glaube an das Gute im Menschen. Der Glaube an Gott. Ein heldenhafter Kampf gegen übermächtige Gegner, der zwar nicht gewonnen, sehr wohl aber überzeugen kann. Zugegeben nicht die Mehrheit der Gesellschaft. Aber doch zumindestens die, die nichts zu verlieren haben.
Don Quichotte ist nicht verrückt, weil er träumt oder verschrobenen Idealen dient, sondern weil die Mehrheit ihn für verrückt erklärt. Damit befindet er sich allerdings in guter Gesellschaft. Diejenigen, die in der Geschichte Großes bewirkten, wurden selten in ihrer Zeit als normal angesehen. Man machte sich über die Narren lustig. Was kann schon aus Nazareth Gutes kommen? so spottete man auch über Jesus. Spätestens als dieser die Tische der Bänker im Tempel umtrat, ließ man ihm seine Eigenarten nicht mehr als normal durchgehen. Auch er bezog sich auf Ideale, die in seiner Zeit keinen Bestand hatten. Auch er fand Anerkennung und Freunde nur unter denen, die nicht dazu gehörten. Franz von Assisi formulierte mal so: Man muss ein Narr werden, um Jesus zu finden.
Im Unterschied zu Don Quichotte wollte Jesus aber nicht einfach nur seinen Traum leben und Gutes säen. Er verband mit seiner Botschaft eine politische und spirituelle Vision: Eine Welt, in der es um Gerechtigkeit und Liebe gehen muss. Don Quichotte starb an gebrochenem Herzen. Jesus wurde hingerichtet.
Mittlerweile sind die Weltbilder von Kopernikus und Galilei längst wieder überholt. Wir wissen heute: Die Erde kreist nicht um die Sonne, sondern um den Menschen.
Brauchen wir noch Ritter? Brauchen wir Idealisten in unserer Zeit? Verrückte? Menschen, die ihren Traum leben, auch wenn alles dagegen spricht?
Kunst und Religion sind verwandt. Beide konfrontieren uns mit Träumen, eigenen Wahrheiten und Wirklichkeiten. Das kann auch schon mal verrückt wirken und schräg. Aber nur in der Auseinandersetzung mit dem Fremden entwickeln wir uns. Das, was alle denken, muss bekanntlich nicht richtig sein.
Gegen Windmühlen kämpfen nur Ritter. Selbst wenn man den Kampf nur verlieren kann, mag es sinnvoll sein zu kämpfen. Ich wünsche Ihnen Mut zu verrückten Ideen und unangepassten Meinungen. Auf der Arbeit, zu Hause, unterwegs. Und wenn die meisten Sie komisch ansehen: Sie könnten eines Tages zum Ritter geschlagen werden.
Verrückte haben es schwer
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