Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.08.13; Pfarrer Erhard Ufermann

Nach 1984

Anfang der 70er Jahren las ich den Roman „1984“ von George Orwell. Er beschrieb darin die Szenerie eines Überwachungsstaates, in dem „der große Bruder“ allgegenwärtig ist.

Das Buch regte mich damals furchtbar auf und brachte mich in eine kritische Distanz zu Nachrichtendiensten und Ermittlungsbehörden. George Orwell schrieb das Buch 1948. Er wollte damit auf die Gewalt totalitärer Regime, aber auch auf die Fragwürdigkeit nachrichtendienstlicher Tätigkeiten aufmerksam machen. Die Handlung versetzte er weit in die Zukunft in das Jahr 1984. Für uns mittlerweile Vergangenheit. Ich befürchte aber, dass die von Orwell angeregten Fragen bleiben: Sehe ich die Welt eigentlich so, wie sie ist, oder nehme ich nur wahr, was mir gezeigt wird? Inszeniere ich mir meine eigene Welt, meinen eigenen Traum, oder bin ich nur Statist in einem Film, dessen Drehbuch andere schreiben?

Als vor einigen Wochen der Aufschrei durch die Medien ging, dass unsere Mails und Telefonate weitgehend durch Geheimdienste gespeichert würden, zeigten sich viele Menschen, sogar Politiker empört und verunsichert. Neu ist das alles nicht. Telefonüberwachungen und Rasterfahndungen sind seit dem Kalten Krieg bzw. den Zeiten der RAF eingeführt. Was viele Menschen offenbar aufregte, war ein Vertrauensbruch: Nicht vermeintliche Gegenspieler observieren, sondern die Geheimdienste befreundeter Staaten. Der Bundesnachrichtendienst schien davon gewusst zu haben. Bin ich noch im richtigen Film?

Präsident Obama erklärte den Titel seines Drehbuches: „Sicherheit vor Freiheit.“ Wer mag da widersprechen? Wir haben in Deutschland eine lange Geschichte mit dieser Gewichtung. Kaum einer fordert heute noch ernsthaft: „Freiheit vor Sicherheit!“ Der Verweis auf 9/11 reicht. Zur Verhinderung eines gewaltbereiten religiösen Fundamentalismus sind wir geneigt, Einschränkungen von Grundwerten und Freiheiten in Kauf zu nehmen.

Apropos „in Kauf nehmen“: Wer verdient eigentlich an der Überwachung und dem sog. „gläsernen Menschen“? Unsere Transparenz und unser Entscheidungsverhalten interessiert bekanntlich nicht nur die Politik. Die sog. sozialen Netzwerke und Suchmaschinen erforschen unser Kaufverhalten zugunsten wirtschaftlicher Interessen. Die Sicherheitsindustrie verzeichnet seit Jahren hohe Zuwachsraten. Die Szenerie George Orwells von 1984 wirkt gegen heutige Möglichkeiten beinahe provinziell.

Als Jesus von Nazareth anfing, Gesetze und Wirtschaftsformen daraufhin zu befragen, ob sie den Menschen dienen oder nur wenigen zum Vorteil gereichen, nahm man ihn unter Beobachtung. Sein Traum damals war kein anderer als der, von dem heute noch viele träumen: Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe. Sein Kampf endete bekanntlich tödlich. Er konnte sich nicht gut verkaufen. Sein Traum aber überlebte.

Ich glaube, wir brauchen neue Drehbücher. Nicht: „Sicherheit vor Freiheit!“, auch nicht: „Freiheit vor Sicherheit!“ sondern: „Freiheit und Gerechtigkeit!“ Ein solches Drehbuch nähme die Ursachen unserer Gefährdungen und Ängste mit in den Blick. Der sich islamisch begründende Terrorismus fiel am 11. September 2001 nicht plötzlich mit den Flugzeugen vom Himmel. Er hat eine Vorgeschichte. Bis heute nährt er sich gerade aus den Beschränkungen von Freiheit und Gerechtigkeit großer Teile der Weltbevölkerung, die wir mit zu verantworten haben. Wer aber beim wirtschaftlichen und politischen Handeln das Bedürfnis aller Menschen nach Gerechtigkeit und Freiheit nicht berücksichtigt, muss am Ende in die eigene Sicherheit investieren.

Die von Jesus erträumte und skizzierte Welt kommt ohne den „gläsernen Menschen“ aus. Sie kommt aber nicht ohne Vertrauen und Liebe aus. Das klingt heute naiv. Ist aber alles andere als naiv. Es ist Notwendig – nicht zuletzt um unsertwillen.

 

Audiobeitrag Nach 1984


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen