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Wenn man woanders wär
Sommer. Urlaub. Endlich Zeit. Zeit für mich. Zeit, zu mir selbst zu finden. Ein Ort, wo ich durchatmen kann, wo ich sein darf, wie ich bin. Anders eben.
Der Urlaub ist uns heilig, meistens zu kurz, oft überfrachtet und zugleich überaus nötig.
Wenn Sie zu Hause bleiben mussten, den Urlaub bereits hinter sich haben oder noch sehnsüchtig darauf warten, hilft Ihnen vielleicht das Gedicht von Thomas Brasch:
Wenn man woanders wär
vielleicht an der Küste
vielleicht nebenan
woanders
wenn man an einer Post stehen könnte
oder am Meer
im Schnee vielleicht
im Schnee vielleicht
der unter den Füßen knirscht
an einem Berg, bei einer Hütte
woanders,
ach, am Meer
die Füße im Wasser am Abend
die nackten Füße im kalten Wasser am Meer
nur woanders
am Meer, an der Post, am Dienstag oder morgen
nur woanders
aber wo nur, wo, wo ist man woanders
wo ist man denn anders?
Mit unserer Urlaubssehnsucht verbindet sich oft der Wunsch, anders sein zu können, als der Alltag zulässt. So, wie man eigentlich ist. Thomas Brasch fragt grundsätzlich: Wo ist man denn anders?
Es war ein Tag wie jeder andere. Alltag. Der Schafhirte trieb seine Tiere vor sich her durch die Steppe auf der Suche nach Nahrung. Plötzlich schreckte er zurück. Ein Dornbusch brannte. Nichts Ungewöhnliches bei der Affenhitze. So etwas kann passieren, dass plötzlich der Baum brennt. Bei genauerem Hinsehen aber entdeckte er, dass der Busch zwar in Flammen stand, aber nicht verbrannte. Als der Hirte hingehen wollte, um dieses merkwürdige Phänomen zu verstehen, spricht ihn Gott an: Mose! Mose! Hier bin ich sagt der Mann.
Komm nicht näher, sagt Gott. Zieh deine Schuhe aus, denn der Boden, auf dem du stehst, ist heilig. Und dann fordert Gott Mose auf, das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten zu befreien. Der völlig verblüffte Schafhirte, übrigens ein gesuchter Mörder, sagt daraufhin: Wer bin ich, dass ich so etwas schaffen könnte?
Ein alltäglicher Ort, aber ein besonderer Augenblick: Gott begegnet. Mitten in der Steppe, im Alltag des Hirten. Ein heiliger Ort. Nicht im Urlaub. Woanders.
Mose wird von Gott nicht als Hirte gesehen oder auf seine kriminelle Vergangenheit angesprochen, sondern als zukünftiger Befreier seines Volkes aus der Sklaverei.
Ich kann anders sein, wo ich anders gesehen werde. Wo mir zugetraut wird, anders zu sein. Nicht der Ort ist entscheidend, sondern die Qualität der Begegnung. Wo im Kontakt so etwas wie Befreiung geschieht, vielleicht zuerst von mir selbst, dann für andere. Das kann dort passieren, wo schon mal der Baum brennt oder an der Post, am Meer vielleicht, am Dienstag oder am Sonntag, im Urlaub oder Alltag, heute oder morgen.
Wenn man woanders wär
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