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Der Tag wird kommen! - 50 Jahres Nes Ammim
Der Tag wird kommen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Manchmal haben wir diese Botschaft dringend nötig. Immer dann, wenn es mal wieder Nacht um uns geworden ist.
Oder die Nacht kein Ende nehmen will. Wenn die schwarzen Stunden sich häufen und unser Leben auch an hellen Sommertagen verdunkeln.
Der Tag wird kommen! Es wird ein einziger Tag sein er ist dem Herrn bekannt! es wird nicht Tag und Nacht sein, und auch um den Abend wird es licht sein. (Sacharja 14,7) So sieht der Prophet Sacharja die Zukunft der Welt.
In Israel und Palästina, wo ich seit zwei Jahren lebe, lechzen die Menschen nach solchen Worten, die Mut machen und aufrichten und Hoffnung stiften. Aber sie winken oft auch müde ab, weil sie schon zu oft enttäuscht worden sind. Was lässt uns hoffen?
Ich erinnere mich an eine Predigt vor fünfundzwanzig Jahren. Der Prediger erläuterte, wie mutig und offensiv die jüdischen Propheten der hoffnungslosen Situation ihrer Gegenwart zu widersprechen wagten. Er sagte: Das ist so, als wenn einer heute (1988!) ankündigen würde, demnächst fällt die Berliner Mauer, Nelson Mandela wird Präsident der Republik Südafrika und Jassir Arafat Außenminister von Israel. Zwei dieser für unmöglich gehaltenen Wunder sind kurze Zeit später Wirklichkeit geworden. Auf das dritte oder mindestens ein ähnliches warten wir noch.
Ich arbeite in Nes Ammim, dem christlichen Dorf im Norden Israels. Hier geben sich die Menschen, die die Hoffnung nicht fahren lassen, die Klinke in die Hand. Ich frage eine Jüdin, die seit neun Jahren jüdische und palästinensische Frauen zusammenbringt, ob spezifische Frauenerfahrungen die Bereitschaft zum Dialog fördern.
Frauen bringen vielleicht ein größeres Gespür für die Verwandtschaft alles Lebendigen mit sich, sagt sie. Und dann erzählt sie von einer sehr persönlichen Erfahrung in einer Extremsituation. Sie sagt:
Ich lag nach einer Fehlgeburt tief traurig und verzweifelt, in mein Kissen weinend, im Halbdunkel eines Krankenhauszimmers, das ich mit einer muslimischen Araberin teilte. Sie hatte Besuch von einer anderen Araberin. Plötzlich merkte ich, wie diese fremde Frau an mein Bett getreten war und meine Hand drückte. Noch heute kann ich den Druck dieser Hand, der mich tröstete und stärkte, in meiner Hand spüren. Das war keine arabische, keine muslimische, sondern eine menschliche Hand. Das ist die Basis meiner Dialogarbeit heute.
Ich frage eine andere Jüdin aus Deutschland nach ihren Erinnerungen an die Araber. Sie war in den dreißiger Jahren als kleines Mädchen an der Hand ihrer Eltern nach Palästina gekommen.
Wir hatten immer ein ungetrübtes Verhältnis zu den `Fremden, sagt sie, zu den Engländern wie zu den Arabern. Einmal brachte der Araber, der unmittelbar neben unserem Haus einen Gemüsegarten unterhielt, einen Korb Gemüse in unsere Küche. Ich drückte als kleines Mädchen mein Erstaunen über dessen Großzügigkeit aus. Da erst erzählte mir meine Mutter, dass er das ganze Jahr seinen Garten mit dem Wasser aus unserer Wasserleitung bewässerte, ohne dass davon Aufhebens gemacht wurde.
Ich wünsche mir, fährt die Jüdin fort, dass das der Normalfall in unserem Land werden kann. Und ich wünsche mir, dass alle Menschen auf der Erde einander respektieren und Ehre geben. Wir sagen auf Hebräisch: `Wir sind Adam`; das bedeutet Mensch. Wir kommen von Adama, der Erde, und gehen dahin zurück. Nur im Miteinander können alle voneinander profitieren.
Und dann wird es hell - wie dunkel auch immer wieder die Nacht ist. Der Tag wird kommen, glaubt fest Ihr Pfarrer Rainer Stuhlmann aus Nes Ammim.
Mehr Informationen unter: stuhlmannzwischendenstuehlen.wordpress.com und facebook: Rainer Stuhlmann
Der Tag wird kommen! - 50 Jahres Nes Ammim
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