Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.08.13; Pfarrer i.R. Rainer Stuhlmann

Wem gehört das Land - 50 Jahre Nes Ammim

„Der Herr, euer Gott, schafft euch Ruhe und gibt euch dieses Land.“ (Josua 1,13)

Seit ich in Israel lebe, höre ich dieses Wort aus dem biblischen Buch Josua mit anderen Ohren. Wem gehört dieses Land? Darauf gibt es hier sehr aufregende Antworten, liebe Hörerin, lieber Hörer.
„Das Land gehört uns“, sagen die jüdischen Siedler. In den von Israel besetzten Gebieten errichten sie immer neue Dörfer und Städte. Sie berufen sich auf Worte der Bibel, wenn sie den Palästinensern das Land wegnehmen. Und manche Christen, die sich selbst als „bibelgläubig“ bezeichnen, unterstützen sie darin.
„Das Land gehört uns“, sagen manche muslimische Palästinenser, „denn alles Land gehört den Muslimen, in dem der Islam einmal Fuß gefasst hat.“ „Das Land gehört uns“, sagen manche christliche Palästinenser, „denn wir waren schon hier, bevor es den Staat Israel und bevor es den Islam gegeben hat.“
„Das Land gehört uns“, das ist nicht die richtige Folgerung aus Gottes Zusage. „Gott gibt euch dieses Land“ ist eine uralte Zusage an ein Volk ohne Land, das die Wüsten dieser Welt durchzieht und keine Ruhe finden kann. Gott wird euch einen Ort geben, wo ihr Ruhe finden könnt. Dieses Versprechen hat Jüdinnen und Juden immer wieder aufgerichtet und ermutigt, wenn ihnen in einer dreitausendjährigen Geschichte ihr Ort streitig gemacht wurde, wenn ihre Existenz auf dem Spiel stand.
Als die Juden vor zig tausend Jahren in diesem Land sesshaft geworden waren, hatten sie eine andere Botschaft nötig. Auch die ist in der Bibel festgehalten. „Das Land gehört mir“, sagt Gott, „ich gebe es euch nicht als Besitz.“ Das relativiert die Besitzansprüche aller. Juden, Muslime und Christen. „Das Land gehört mir“, sagt Gott, „und ihr seid meine Untermieter.“ (3. Mose 25,23) Haltet euch an den Mietvertrag! Lebt mit den anderen Mietern in Frieden und Gerechtigkeit!
Ruhe hat das Volk Israel auch in diesem Land immer nur dann gefunden, wenn es ihm gelang, mit den anderen Bewohnern des Landes in Frieden und Gerechtigkeit zu leben.
Ich kann verstehen, wie wichtig es ist, dass der Staat Israel ein „jüdischer Staat“ ist. Ein Staat, in dem der Sabbat und die jüdischen Feiertage die Zeit bestimmen. In dem Jungen Kipa und Schläfenlocken tragen können, ohne gehänselt zu werden, in dem man unkompliziert koscher essen kann, in dem man sicher sein kann, dass nicht über Nacht der Ritus der Beschneidung männlicher Säuglinge zur Körperverletzung erklärt wird. Aber Ruhe finden können sie in diesem jüdischen Staat nur, wenn dieser die Rechte seiner Minderheiten schützt, wie es jede Demokratie und das jüdische Gesetz fordern.
Auch uns in Nes Ammim gehört ein Teil dieses Landes. Vor fünfzig Jahren haben die Gründer Nes Ammims, des christlichen Dorfes im Norden Israels, eine Million Schweizer Franken für einen Quadratkilometer Land an einen drusischen Großgrundbesitzer gezahlt.
Wir haben Land erworben - wie die achthunderttausend Juden, die 1948 hier gewohnt haben. Sie haben so wenig wie wir den Arabern das Land weggenommen, wie in Deutschland oft fälschlich behauptet wird. Sie haben es - wie wir - zu fairen Preisen von arabischen Großgrundbesitzern gekauft.
Vierzig Jahre sind in Nes Ammim auf diesem Land Avocado und Rosen gezüchtet worden. Heute ist ein Teil der landwirtschaftlich nicht mehr genutzten Fläche in Bauland umgewandelt worden. Zurzeit entstehen rund einhundert Häuser. Sie werden an jüdische und palästinensisch-muslimische und palästinensisch-christliche Familien verkauft.
Rund vierzig Familien haben schon gekauft. Sie wollen, dass ihre Kinder anders aufwachsen als sie. Sie wünschen sich für sich und ihre Kinder eine Zukunft zusammen mit den „anderen“ in Frieden und Gerechtigkeit. In dem Land, das Gott denen versprochen hat, die eben das suchen. Dass die Hoffnung auf Frieden in uns wächst und uns leitet, das wünscht Pfarrer Rainer Stuhlmann aus Nes Ammim.

Mehr Informationen unter: stuhlmannzwischendenstuehlen.wordpress.com und facebook: Rainer Stuhlmann


Audiobeitrag Wem gehört das Land - 50 Jahre Nes Ammim


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