Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.08.13; Pfarrer i.R. Rainer Stuhlmann

Gastfreundschaft - 50 Jahre Nes Ammim

Liebe Hörerin, lieber Hörer, geradezu sprichwörtlich ist sie, die orientalische Gastfreundschaft. Ich bekomme sie im Norden Israels zu spüren, wo ich seit zwei Jahren lebe.

In der Gastfreundschaft unterscheiden sich Juden und Palästinenser nicht. Beide heißen mich als Europäer in gleicher Weise willkommen in ihren Familien, in ihren Dörfern, in ihrem Land.
Und was noch erstaunlicher ist: Die Juden heißen mich auch als Deutschen willkommen. Die Erinnerung an die Vergangenheit ist zwar überall präsent, aber sie ist kein Hindernis mehr für freundschaftliche Begegnungen in der Gegenwart.
„Woran liegt das, dass wir Deutsche so beliebt sind in diesem Land?“, fragen wir eine Gruppe junger Juden. Einer antwortet und die anderen stimmen zu: „Ich habe das Gefühl, die ganze Welt hasst uns, nur die Amerikaner und die Deutschen nicht.“
Der dunklen Geschichte des Holocaust zum Trotz ist Vertrauen gewachsen. Viele jüdische Israeli sprechen von uns als den „neuen Deutschen“, mit denen sie Freund sein wollen und auf die sie Hoffnungen setzen. Sicher haben die beharrliche politische Arbeit und die vielen Begegnungen, die wir von deutscher Seite aus initiiert haben, mit den Grund dafür gelegt, dass dieses Vertrauen wachsen konnte.
Genauso werden wir als Deutsche in den palästinensischen Dörfern und Städten willkommen geheißen. Denn jeder unserer Besuche signalisiert: „Ihr Palästinenser seid nicht vergessen. Unsere Freundschaft mit Israel macht uns nicht zu euren Gegnern. Weil Eure Freiheit nicht ohne Israels Sicherheit und die Sicherheit Israels nicht ohne eure Freiheit zu haben ist, finden wir uns - wie ihr - mit der gegenwärtigen Situation nicht ab.“
Das christliche Dorf Nes Ammim, in dem ich lebe und arbeite, liegt inmitten jüdischer und palästinensischer Siedlungen im Norden des Staates Israel. Vierzig Jahre wurde hier landwirtschaftliche Aufbauarbeit geleistet, seit gut zehn Jahren betreiben wir nur noch ein Hotel. Das heißt mit Bedacht „Gästehaus“. Die dreißig bis vierzig Freiwilligen verschiedenen Alters und verschiedener Herkunft, die hier mitarbeiten, wollen Hotel und Dorf gastlich gestalten. Die Synagoge im Keller und die koschere Küche machen das Haus gastlich für religiöse Juden. Die Palästinenser fühlen sich geehrt, dass sie hier nicht wie sonst im Land von palästinensischen Arbeitern bedient werden, sondern dass europäische Freiwillige ihr Geschirr spülen, ihre Betten beziehen und ihre Toiletten putzen. Als ich einer Gruppe religiöser Juden die Brückenfunktion unseres Dorfes erläutere, sagt mir zum Schluss ein betagter Jude mit Tränen in den Augen: „Sie tun hier ein heiliges Werk“.
Von der heiligen Gastfreundschaft spricht oft auch die Bibel. Der Prophet Sacharja ruft aus: „Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr.“ (2,14) Die Freude über die Wohngemeinschaft mit Gott ist groß bei der Tochter Zion, weil sie so lange nichts von diesem Herrn gehört hat, der ihr Vater und Mutter zugleich ist. Die Tochter Zion ist ein Sinnbild für das Volk Israel. Nur zu oft hat sie sich übersehen und vernachlässigt gefühlt. Gottverlassenheit ist zu oft jüdische Erfahrung in jüdischen Leidensgeschichten gewesen. Darum ist dieser Zuspruch für die Tochter Zion so wichtig.
Aber die Tochter Zion ist kein Einzelkind. Der Gott Israels hat viele Töchter und viele Söhne, nicht nur jüdische. Und Gott will wohnen, wo auch immer Menschen sich dafür öffnen, mit dem Gott Israels in einer WG, in einer Wohngemeinschaft, zu leben. Gastgeber zu werden für Gott und die Fremden. Auf gute Gastfreundschaft, Ihr Pfarrer Rainer Stuhlmann aus Nes Ammim.

Mehr Informationen unter: stuhlmannzwischendenstuehlen.wordpress.com und facebook: Rainer Stuhlmann


Audiobeitrag Gastfreundschaft - 50 Jahre Nes Ammim


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