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Mein Fels und meine Burg - 50 Jahres Nes Ammim
Liebe Hörerin, lieber Hörer! Sei mir ein starker Hort, zu dem ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.
So heißt es in Psalm 71 (Vers 3).
In Palästina und Israel, wo ich seit zwei Jahren lebe, hört man dieses Gebet um Zuflucht und Schutz natürlich mit anderen Ohren. Palästina das war für viele Juden im 19. und 20. Jahrhundert der Traum schlechthin. In Palästina sollten sie Zuflucht finden vor dem Antisemitismus in seinen versteckten und offenen Formen in allen Ländern, in denen Juden damals lebten. So versprachen es die Großmächte. Juden kauften von Großgrundbesitzern in Palästina Land, kultivierten es und errichteten vor fünfundsechzig Jahren einen wehrhaften Staat, den sie Israel nannten.
Zuflucht und Schutz suchte auch die arabische Bevölkerung im eigenen Land Palästina. Schutz vor Eroberern, die die Kultur Palästinas zerstörten und seine Menschen unterdrückten. Die Großmächte versprachen auch das. Aber dieses Versprechen ist bis heute uneingelöst. Es gibt immer noch keinen Staat Palästina. Wer verhindert das? Die Großmächte? Israel? Die arabischen Staaten? Die Palästinenser?
Der Schrei nach Zuflucht und Schutz ist darum im Nahen Osten bis heute laut und vielstimmig. Und er kommt nicht nur aus Palästina. Die Situation ist unübersichtlich. Für die einen ist Palästina der kleine David, der sich gegen den Riesen Goliat alias Israel wehrt, das Palästina verhindern will. Für die anderen ist Israel der kleine David, der sich gegen die arabische oder muslimische Welt als Goliat zur Wehr setzt, die wiederum Israel vernichten will.
Viele sagen: Da kann man sich nur raus halten. In unserem christlichen Dorf Nes Ammim im Norden Israels halten wir uns nicht elegant aus den Konflikten heraus.
Vierzig Jahre lang wurde in Nes Ammim zunächst landwirtschaftliche Aufbauarbeit geleistet. Vor allem wurden Rosen für den europäischen Markt angebaut. Als vor dreizehn Jahren im Zuge der Globalisierung der Blumenexport aus Israel zusammenbrach, schien auch das Ende Nes Ammims gekommen.
Aber dann sagten die Menschen vor Ort: Wir brauchen euch Europäer. Jüdische und palästinensische Israeli baten uns, weiter zu machen mit den Worten: Wir brauchen Nes Ammim als einen `sicheren Hafen` für unsere Dialoggruppen. Diese Dialoggruppen zwischen Palästinensern und Israeli sind seit den neunziger Jahren parallel zum Osloer Friedensprozess in Israel entstanden und finden bei uns einen neutralen Ort. Seitdem ist Nes Ammim mit seinem Hotel zu einer Begegnungsstätte für lokale Dialoggruppen geworden. Von der Rosenkultur zur Gesprächskultur. Jüdische Familien lassen ihre Kinder nicht in palästinensische Dörfer, palästinensische Familien lassen ihre Kinder nicht in jüdische Dörfer. Aber beide lassen ihre Kinder nach Nes Ammim, dem Dorf der Europäer. Zum Beispiel für das dreiwöchige Sommerlager. So treffen bei uns Jugendliche aus den Abschlussklassen der Gymnasien manchmal zum ersten Mal in ihrem Leben auf Gleichaltrige aus der anderen Bevölkerungsgruppe. Jüdische und palästinensische Frauen entdecken in Nes Ammim: Unsere Gesellschaften sind ja beide patriarchal geprägt. Uns verbindet dadurch viel mehr, als uns als Jüdinnen und Palästinenserinnen trennt.
Manche halten diese Dialoge für schädlich, weil sie das bestehende Unrecht nicht verändern. Sie erwarten größere, revolutionärere Schritte. Doch wir vertrauen dem Weg der kleinen Schritte, den kleinen Fluchtburgen und den kleinen Schutzräumen und folgen damit dem Grundsatz: Wandel durch Annäherung.
Wandel beginnt, wenn ich das Gespräch mit denen suche, die mir fremd sind. Gute Gespräche wünsche ich Ihnen heute, Ihr Pfarrer Rainer Stuhlmann aus Nes Ammim.
Mehr Informationen unter: stuhlmannzwischendenstuehlen.wordpress.com und facebook: Rainer Stuhlmann
Mein Fels und meine Burg - 50 Jahres Nes Ammim
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