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"Die Völker werden kommen" - 50 Jahre Nes Ammim
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, fünfzig Jahre alt ist es nun, das internationale christliche Dorf Nes Ammim im Norden Israels.
Nes Ammim ist hebräisch. Es heißt Zeichen der Völker. Von der Geschichte dieses ungewöhnlichen Dorfes will ich Ihnen in dieser Woche erzählen. Ich heiße Rainer Stuhlmann und organisiere seit zwei Jahren das Studienprogramm für Freiwillige in Nes Ammim.
Zeichen der Völker der Name dieses Dorfes ist Programm. In der jüdischen Bibel, die die Christen Altes Testament nennen, heißt es über Gott: Alle Völker, die du, Herr, gemacht hast, werden kommen und vor dir anbeten und deinen Namen ehren. (Psalm 86,9)
Gott, der hier angesprochen ist, ist Israels Gott. Doch der ist nicht nur Gott dieses einen Volkes, sondern aller Völker. Nes Ammim will deshalb ein Ort für Menschen aus der nichtjüdischen Völkerwelt sein. Sie kommen nach Israel, um von Juden zu lernen. Ein Lernort, um die eigene Religion besser zu verstehen und um die besser zu verstehen, die anders glauben. Ein Ort, an dem Menschen den Dialog der Religionen einüben können.
Dass die nichtjüdischen Völker kommen, um den Gott Israels anzubeten und zu ehren, das macht eine Skulptur in Nes Ammim sichtbar. Hier sind Juden, Christen und Muslime in ihrer jeweiligen Gebetshaltung zu sehen: Auf einer kreisförmigen Steinplatte stehen drei Gruppen: die Juden aufrecht mit Kipa und Gebetbuch, die Muslime neigen sich zum Boden und die Christen knien. Die drei sehr unterschiedlich betenden Gruppen orientieren sich auf ein und dieselbe Stelle hin auf die Mitte. Dort ist nichts zu sehen als ein leerer Raum. Der leere Raum ist dreieckig. Er ist zu jeder der drei betenden Gruppen hin abgeschlossen durch eine hohe Mauer mit einer geschlossenen Tür. Nur nach oben ist er offen.
Schon die Kinder deuten diese Mitte als einen Hinweis nicht nur auf den Unsichtbaren Gott, sondern auch auf den Unverfügbaren. Keine Religion kann über den Einen oder die Eine verfügen. Keine kann den Einen nur für sich beanspruchen oder anderen Religionen absprechen. Den Einen kann niemand für sich behalten. Die Eine kann niemand manipulieren.
Was im Zentrum der Skulptur sichtbar wird, ist jüdische Erfahrung und jüdische Religion. Eindrücklich wird das im jüdischen Glaubensbekenntnis ausgedrückt Höre, Israel, der Herr, dein Gott ist einzig. Darum nennt die Künstlerin Tova Heilprin ihre Skulptur Ächad, Eins.
Lange bevor der oder die Eine der Gott der Christen und Muslime wurde, war er oder sie Gott für Israel. Wer an den Einen Gott glaubt, muss lernen, dass er an den Gott Israels glaubt. Diese Einsicht macht Menschen christlichen und muslimischen Glaubens bescheiden.
Bescheiden platziert die jüdische Künstlerin aber auch die jüdische Religion neben die anderen. Sie sind auf der gleichen Ebene. Die Besonderheit des Judentums bringt keine Vorzüge, Vorteile oder Privilegien mit sich. Auch die jüdische Religion kann den Gott Israels nicht für sich alleine beanspruchen. Denn Israels Gott möchte Gott für alle Völker, Gott für alle Religionen und für die ganze Schöpfung sein von allem Anfang an.
In dieser Bescheidenheit zeigt die jüdische Religion ihre Besonderheit. Es ist die Besonderheit einer guten Lehrerin: ihre Zurückhaltung. Sie lernt und lehrt, hört zu, spricht und befähigt so zum Dialog. Aber der Dialog kommt nicht von den Glaubenden selbst, sondern von dem einzig Einen und führt zu der Einzig Einen. Genau diese Erkenntnis verdanken wir der jüdischen Religion. Das üben wir Menschen verschiedener Nationen und Religionen - in Nes Ammim ein. In der Bibel heißt es dann: Die Glaubenden aller Völker sind unterwegs zum Zion, wo der Gott Israels zu Hause ist. Hier wollen sie ihm die Ehre geben. Ein Bild für den Frieden der Religionen.
Einen Tag, an dem Sie die Gegenwart des Einen spüren, wünscht Ihnen Pfarrer Rainer Stuhlmann aus Nes Ammim.
Mehr Informationen unter: stuhlmannzwischendenstuehlen.wordpress.com und facebook: Rainer Stuhlmann
"Die Völker werden kommen" - 50 Jahre Nes Ammim
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