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Beten und arbeiten
Erster Mai 2013, etwa fünf Uhr nachmittags. In der Hamburger Hafencity stehen 35.000 Christinnen und Christen dicht an dicht zusammen,
um die Eröffnung des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentags zu feiern. Ich bin mitten im Gedränge vor der großen Bühne. Gleich wird Kirsten Fehrs predigen, die Bischöfin von Hamburg. Das Besondere an Kirchentagen: Jedes Mal verwandelt sich die Stadt nach dem Eröffnungsgottesdienst. Als würde sich ein anderer Geist ausbreiten. Vielleicht, weil Menschen mit ihren Visionen sichtbar werden. Vielleicht, weil plötzlich überall Menschen singen, tanzen und offen aufeinander zugehen.
Erster Mai 2013, etwa eine Stunde später. Auf der anderen Seite der Elbe, 500 m Luftlinie von uns entfernt, gerät ein Frachtschiff in Brand. An Bord: Container mit extrem gefährlicher Ladung: Fast vier Tonnen Munition und etwa 20 Tonnen radioaktive Stoffe. Allein neun Tonnen hochgefährliches Uranhexafluorid. Damit werden Brennelemente für Atomkraftwerke hergestellt oder Nuklearmaterial für Atombomben. Uranhexafluorid ist hochgiftig. Ist ein Gebiet einmal damit verstrahlt, ist es für Millionen von Jahren kontaminiert, also unbewohnbar. Fast 300 Feuerwehrleute sind zu dieser Stunde im Einsatz, um die Stadt Hamburg vor der drohenden Katastrophe zu bewahren. Aber das alles erfahren wir, die Christen und die Welt, erst etwa sechs Wochen später durch die Zeitung.
Und ich kann es noch immer kaum glauben: Während wir damals gebetet, gesungen und Gottesdienst gefeiert haben - drohte 500 m von uns entfernt die Katastrophe.
Der Hamburger Senat hat versucht, die Beinahe-Katastrophe zu vertuschen, und es hat ja auch sechs Wochen lang funktioniert.
Ich habe mich immer wieder gefragt: Bin ich als Christin total verblendet? Habe ich den Blick für die Realität verloren? Träume ich von einer Welt, die es so niemals geben wird? Kirchentagsfeststimmung auf der einen Seite und die Gefahr einer atomaren Verseuchung auf der anderen Seite. Hier die Vision, da die Realität? Irgendwann habe ich die Antwort gefunden: Nein! Im Gegenteil!
Genau in diesen Widersprüchen brauchen wir Menschen, die hoffen und glauben, dass eine andere Welt möglich ist. Wir brauchen Menschen, die engagiert handeln und beten.
Und die gab es an diesem 1. Mai auf beiden Seiten der Elbe. Gott sei Dank! 35.000 betende Menschen auf der einen Seite. 300 handelnde Menschen auf der anderen. Beides war wichtig. Es erinnert mich an Ora et labora, Beten und arbeiten. Die alte benediktinische Regel verbindet beides.
Die 300 Männer und Frauen, die bei dem Katastropheneinsatz ihr Leben riskierten, haben alles dafür gegeben, unsere alte Welt zu schützen. Das verdient Respekt und Dank. Alle gemeinsam sollten wir dafür arbeiten, den Traum von einer anderen Welt zu verwirklichen. Schon jetzt. Einer Welt, in der wir sorgsam mit uns und unserer Natur umgehen. Einer Welt, in der Massenvernichtungswaffen und Atomkraft keinen Platz mehr haben. Dafür ist beides notwendig: Beten und arbeiten!
Beten und arbeiten
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