Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.07.13; Nicole Richter

Das Risiko

Ich war geschockt, als ich es gehört habe: Angelina Jolie hat sich beide Brüste entfernen lassen! Vorsorglich.

Weil sie genetisch vorbelastet ist, weil bei ihr die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken, bei 80 Prozent lag. Weil sie nicht wie ihre Mutter mit 56 Jahren an Brustkrebs sterben – es ihren eigenen Kindern nicht zumuten wollte.

Ihre Entscheidung für den radikalen, präventiven Eingriff hat nicht nur mich, sondern viele Frauen und auch Männer berührt. Hat es mir doch wieder vor Augen geführt: Der menschliche Körper ist verletzlich. Sie, der Superstar Angelina Jolie, die ihren Körper bewusst vermarktet und die für viele ein Sexsymbol darstellt, hat ihre eigene körperliche Verletzlichkeit offenbart. Und das öffentlich.

Wir haben nicht nur einen Körper, wir sind ein Körper. Er gehört untrennbar zu unserer Identität, meint die feministische Theologin Andrea Bieler von der Kirchlichen Hochschule Wuppertal. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Verhältnis von Körper, Krankheit und christlicher Theologie. Sie beschreibt das Selbstverständliche: Unser Körper ist verwundbar, kann bluten und schmerzen - aber der Körper kann auch lieben und tanzen. Die Theologin hat beobachtet, dass sich bei uns ein gesellschaftlicher Druck entwickelt: Kranke sind ständig aufgefordert zu handeln. Kranke dürfen nicht einfach nur krank sein. Sie haben die Aufgabe zu kämpfen, zum Beispiel den Krebs zu besiegen.

Angelina Jolie hat sich entschieden selbstbewusst zu kämpfen, obwohl sie noch nicht erkrankt ist. Ihr Wunsch gesund zu bleiben, war so groß, dass sie sogar ihren gesunden Körper operieren ließ. Ob es richtig oder falsch ist so zu handeln, kann nur jede Frau für sich selbst entscheiden.

Für den Filmstar war es eine monatelange, anstrengende Prozedur. Sie habe das Risiko minimiert, sagte sie in einem Interview danach. Sie sei glücklich, dass sie ihren Kindern nun eines sagen könne: Sie werden ihre Mutter sicher nicht aufgrund von Brustkrebs verlieren.

Dieser Satz geht mir nicht aus dem Kopf: „Ich habe das Risiko minimiert“. Aus medizinischer Sicht ist das wohl so. Das Brustgewebe kann nun nicht mehr erkranken. Aber das Risiko, andere Formen von Krebs oder andere Krankheiten zu bekommen, lässt sich nicht völlig ausschließen - trotz aller Vorkehrungen, die wir treffen können. So selbstbewusst und entschieden wir sein mögen, letztlich können wir unser Leben nicht vollständig kontrollieren.

Unser Leben liegt in Gottes Hand.

Das zu erkennen macht vielen Angst, weil wir plötzlich scheinbar nichts mehr tun können. Das einzige, was diese Angst besiegen kann, ist für mich der Glaube. Jesus sagt: „Ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Welt.“ Das finde ich tröstlich. Gott ist bei mir. An allen Tagen. Egal, ob ich gesund oder krank bin. Immer. Gottes Kraft und Gottes Geist begleiten mich täglich – bis mein Leben hier zu Ende ist. Und darüber hinaus.

 

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