Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.07.13; Pfarrer Eberhard Helling

"...und wenn alles ein Tanz wäre" - eine Jesus Biographie in ungewohntem Gewand

Musik: Track 6 v Lord of the Dance, Dubliners, von CD greatest hits, , Interpreten: The Dubliners, Komponist: Sydney Carter, Verlag: Zyx (ZYX) LC: 06350, (C) 2001

Autor: Können Sie sich vorstellen, was diese Musik mit amerikanischen Design–Möbeln und dem Leben Jesu zu tun hat? Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer. Mein Name ist Eberhard Helling. Ich bin Pfarrer aus Lübbecke in Westfalen. Als unsere Kinder noch klein waren, da lief diese Musik auf längeren Autofahrten. Meine Frau, die Kinder und ich - wir hörten sie von einer Kassette der Dubliners, der irischen Folk–Gruppe. „Lord of the dance“ war der absolute Favorit bei unseren Kindern. Sie nannten das Lied nur das „Danze-Di-Lied“ – mit ihrem Englisch waren sie noch nicht so weit. Aber was genau hinter dieser Musik steckt, habe auch ich erst im Laufe der Zeit herausgefunden.

Musik: Dance, then, wherever you may be,
I am the Lord of the Dance, said he,
And I'll lead you all, wherever you may be,
And I'll lead you all in the Dance, said he.1

Autor: Tanzt, Tanzt, wo immer ihr auch seid- Ich bin der Herr des Tanzes – sagte er. Und ich will euch alle führen – wo immer ihr auch seid – Ich bin der Herr des Tanzes – sagte er. Wer das ist? Der “Lord of the dance” – der Herr des Tanzes? An keiner Stelle des Liedes wird sein Name genannt. Aber eine Geschichte wird erzählt – von vorne wird sie erzählt und sie fängt wirklich ganz weit vorne an.

Musik
I danced in the morning when the world was begun,
And I danced in the moon and the stars and the sun,
And I came down from heaven and I danced on the earth,
At Bethlehem I had my birth.2

Autor: Er tanzt, bevor die Welt entstanden ist; tanzt, als das Universum geschaffen wird; kommt in Bethlehem zur Welt und beginnt dort seinen Erdentanz. Spätestens jetzt müsste jedem klar sein, wer hier zum „Lord of the dance“ erklärt wird – das muss Jesus sein. Und in den nächsten Strophen hören wir dann seine Geschichte – humorvoll und eindringlich zugleich. Das ist im Neuen Testament der Bibel genauso. Auch hier wird berichtet: Der Sohn Gottes war schon vor aller Zeit, vor dem Beginn der Schöpfung bei Gott.

Sprecherin: Er ist das Ebenbild des unsichbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare.3 (Kolosser 1,15f)

Autor: Ganz Ähnliches wird im Alten Testament von einer anderen Person erzählt, der Weisheit. Sie sagt dort in wunderschönen / poetischen Worten über sich selbst:

Musik: Track 1 Dreaming, Avishai Cohen, von CD Seven Seas, , Komponist: Avishai Cohen, Verlag: Jazz (EMI), LC: 0542, © 2011

Sprecherin: Gott, der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her.
23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war.
24 Als die Meere noch nicht waren, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen.
25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren,
26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens.
27 Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe,
28 als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe,
29 als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, daß sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte,
30 da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit;
31 ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.4

Autor: Sidney Carter ist der Autor von “Lord of the dance”. In einem Interview zu diesem Lied hat er gesagt:

Sprecher: Ich verstehe Christus als die Inkarnation eines „pipers“, eines Flötenspielers, der uns ruft. Er tanzt die Form, das Muster, das im Innersten unserer Realität liegt. Mit Christus meine ich nicht nur Jesus; zu anderen Zeiten und an anderen Orten, auf andern Planeten kann es andere „Lords of the dance“ geben. Aber Jesus ist derjenige, den ich am besten kenne. Ich singe von den Tanzmustern, die es im Leben und in den Worten Jesu gibt. (Übers.: e.h.5)

Autor: Und so bringt Sidney Carter in seinem Lied ohne Mühe zwei biblische Größen zusammen: das Leben von Christus, des Sohnes Gottes und die göttliche Weisheit, die sich in jedem Leben, im ganzen Universum zeigt. Diese Weisheit ist keine trockene Stubengelehrsamkeit; diese Weisheit hat Musik, diese Weisheit tanzt – so steht es im Buch der Weisheit im Alten Testament. Sidney Carter erzählt das Leben Jesu als das Leben der Weisheit Gottes; und er tut es auf seine ganz eigene Weise.

Musik:
I danced for the scribe and the pharisee,
But they would not dance and they wouldn't follow me.
I danced for the fishermen, for James and John -
They came with me and the Dance went on.
Chorus I danced on the Sabbath and I cured the lame;
The holy people said it was a shame.
They whipped and they stripped and they hung me on high,
And they left me there on a Cross to die 6

Autor: Die Schriftgelehrten und die Pharisäer wollen dem „Lord of the dance“ nicht folgen, wollen bei seinem Tanz nicht mitmachen – aber die Jünger, wie Jakobus und Johannes, die machen mit und der Tanz geht weiter. Am Sabbath, dem Ruhetag, hatte er einen Lahmen geheilt – für die heiligen Leute ein Skandal; aber der Lahme – der wird wohl getanzt haben. Und was hat der „Lord of the dance“ davon? Er wird hingerichtet – ans Kreuz gehängt. Und jetzt ist der Tanz vorbei? Nein! Die Leidensgeschichte und die Auferstehung Jesu - Sidney Carter erzählt sie in seinem Lied mit einem Augenzwinkern.

Musik: I danced on a Friday when the sky turned black -
It's hard to dance with the devil on your back.
They buried my body and they thought I'd gone,
But I am the Dance, and I still go on. Chorus
They cut me down and I leapt up high;
I am the life that'll never, never die;
I'll live in you if you'll live in me -
I am the Lord of the Dance, said he.7

Autor: Ich tanzte am Freitag, als der Himmel schwarz wurde – es ist nicht einfach mit dem Teufel im Nacken zu tanzen. Sie haben meinen Körper begraben und sie dachten, ich sei endgültig verschwunden – aber ich bin der Tanz – und ich mache immer weiter.

Wunderbare Respektlosigkeit, leichte Kraft, die stärker ist als der Tod - all das höre ich in der Melodie des Liedes- und in den Worten von Sidney Carter.

Sprecher:
Ob Jesus in Galiläa jemals zum Rhythmus einer Flöte oder einer Trommel aufgeprungen ist – das weiß ich nicht. Aus der Bibel wissen wir, dass der König David als eine Form der Anbetung getanzt hat – deswegen ist es nicht unwahrscheinlich [, dass Jesus auch tanzte]. Nur weil viele Christen das Tanzen für ein bisschen gottlos halten - in der Kirche auf jeden Fall –, darum muss es bei Jesus nicht so gewesen sein. Die Shaker haben es anders gemacht …9

Autor: Die Shaker? Die Shaker sind eine kleine christliche Gruppe, die ganz eigene Formen entwickelt hat, den christlichen Glauben zu leben. Im 18. Jahrhundert sind sie von England nach Nordamerika ausgewandert und haben sich in kleinen Gemeinschaften an der Ostküste niedergelassen. Eigentlich gehören sie zu den Quäkern, eine Gemeinschaft, die vor allem durch die Friedensethik Jesu geprägt wurde. Die Shaker aber haben eine ganz eigentümliche Mischung von mönchischer Enthaltsamkeit, ästhetischem Lebensstil und kluger Bildungsarbeit gefunden. Ihren Namen haben die Shaker allerdings von einer spirituellen Besonderheit. Ganz anders als bei den Quäkern, wo es sehr still zugeht, gehört zu ihrem Gottesdienst der Tanz. Und für diese gottesdienstlichen Tänze haben die Shaker eigene Lieder geschaffen.10 Eines heißt „The Gift To Be Simple oder Simple gifts “. In der Zwischenzeit ist dieses kleine Lied zu einem der populärsten Songs in den USA und Großbritannien geworden. Und seine Melodie ist die Grundlage für Sidney Carters „Lord of the dance“11. In der Version der King´s Singers hört sich “Simple gifts“ so an:

Musik: The Gift to Be Simpel, Track 9 von CD 2The best oft he King´s Singers, Interpreten: King´s Singers, Komponist: Anonymous, Signum Records 2012. LC-15723

Autor: Sidney Carter bezieht sich ausdrücklich auf dieses Lied und damit auf die Tradition der Shaker. Und die ist kein alter Zopf, sondern hat Auswirkungen bis ins heutige Möbeldesign. Die Shaker waren nämlich in vielen Lebensbereichen ausgesprochene Experten. Sie hatten eine hohe Arbeitsmoral und einen feinen Sinn für Qualität. Typische Shaker Sprüche lauten:12

Sprecherin: „Gottes Geist mag nicht dort sein, wo Schmutz ist!“ und „Leg deine Hand an die Arbeit und dein Herz in Gott.“

Autor: Aus dieser besonderen Mischung von hoher Arbeitsmoral, Qualitätsbewusstsein und Gottesfurcht haben die Shaker etwas entwickelt, das bis heute stilbildend geblieben ist – die so genannten Shaker Möbel.13 Diese Möbel, die im 19. Jahrhundert entwickelt worden sind, nehmen schon vieles vorweg, was im Design der Klassischen Moderne wichtig geworden ist: Die Form folgt der Funktion. Die Shaker Möbel waren daher ganz einfach im Design, ausgesprochen angenehm zu handhaben und hervorragend verarbeitet. Solche Qualitätsmerkmale verbinden Fachleute bis heute mit den Shaker Möbeln.14 Mit ihrer Musik und mit ihrem Lebensstil bezeugen die Shaker bis heute die Weisheit Gottes, die sich in allen Lebensbereichen bemerkbar machen will. Und wie diese Weisheit Gottes zu uns kommt, das beschreibt Sidney Carter in seinem „Lord of the dance“.

Musik: Track 6 v Lord of the Dance, Dubliners, von CD greatest hits, , Interpreten: The Dubliners, Komponist: Sydney Carter, Verlag: Zyx (ZYX)
LC: 06350, (C) 2001

Autor: Leider sind die Shaker-Gemeinden fast ausgestorben. Das liegt an einer weiteren Besonderheit der Shaker. Sie haben von Anfang an eine konsequente Trennung zwischen Frauen und Männern in ihren Gemeinden gelebt. Frauen und Männer sind bei ihnen auf der einen Seite völlig gleichberechtigt. Sie haben aber auf der anderen Seite ganz verschiedene Arbeits- und Lebensbereiche. Vor allem: Shaker heiraten nicht, sie leben zölibatär. So wachsen keine leiblichen Kinder selbstverständlich in diesen Glauben hinein.

Allerdings kommt den Shakern vor allem im 19. Jahrhundert ein Arbeitszweig zugute, der den Gemeinden hilft, weiter zu bestehen. Sie nehmen Waisenkinder bei sich auf. Diese Waisenkinder leben bis zu ihrem 21. Lebensjahr in den Shaker-Gemeinden, sie werden von ihnen erzogen und ausgebildet. Aber dann müssen sie sich entscheiden, ob sie diese Lebensform für sich übernehmen wollen oder nicht. Die meisten entscheiden sich dagegen, sie bleiben aber den Shakern freundschaftlich verbunden.

Im 20. Jahrhundert übernimmt dann der US-Staat mehr und mehr die Fürsorge für Waisenkinder. Und damit wird den Gemeinden eine wichtige Grundlage ihrer Zukunftsvorsorge entzogen. 2009 sollen noch drei Shaker in einer kleinen Siedlung im US-Staat Maine gelebt haben.15 Und trotzdem haben die Shaker uns bis heute viel von der Weisheit Gottes zu erzählen. Die Weisheit Gottes zeigt sich, nach dem Erbe der Shaker, in allem, was schön und was lebendig ist, z. B. in schlichtem, guten Design, besonders aber in der Musik - Sidney Carter nahm dieses Erbe in seinem Lied vom „Lord of the dance“ auf. Und auch ich fühle mich als Erbe der Shaker, denn ihre Musik, ihre Art, den Glauben an Gott zu leben, spricht mich an. Es zuckt in meinen Beinen, wenn ich ihre Musik höre und ich möchte tanzen, dem Lord of the dance hinterher. Mein Erdentanz bekommt neuen Schwung und ich freue mich an der Weisheit Gottes, die so schön, so lebendig zu uns kommt. Und - wenn es Ihnen auch so geht – dann tanzen Sie doch mit! Einen fröhlichen Sonntag wünscht Ihnen Ihr Eberhard Helling; Pfarrer aus Lübbecke.

Musik: Lord of the dance

1 http://www.stainer.co.uk/lotd.html, heruntergeladen am 8.5.2013.
2 Ebd..
3 Die Bibel, nach der Übersetzung Martin Luthers, 1984, Kolosser 1,15f.
4 Sprüche 8,22-3,
5 http://www.stainer.co.uk/lotd.html : I see Christ as the incarnation of the piper who is calling us. He dances that shape and pattern which is at the heart of our reality. By Christ I mean not only Jesus; in other times and places, other planets, there may be other Lords of the Dance. But Jesus is the one I know of first and best. I sing of the dancing pattern in the life and words of Jesus.
6 Ebd..
7 Ebd..
8 Ebd..
9 Ebd.:Whether Jesus ever leaped in Galilee to the rhythm of a pipe or drum I do not know. We are told that David danced (and as an act of worship too), so it is not impossible. The fact that many Christians have regarded dancing as a bit ungodly (in a church, at any rate) does not mean that Jesus did. The Shakers didn't.
10 http://en.wikipedia.org/wiki/Shaker: The Shakers composed thousands of songs, and also created many dances; both were an important part of the Shaker worship services. In Shaker society, a spiritual "gift" could also be a musical revelation, and they considered it important to record musical inspirations as they occurred. – heruntergeladen am 8.5.2013.
11 http://en.wikipedia.org/wiki/Sidney_Carter: Sydney wrote the lyrics "Lord Of The Dance" in 1963, as an adaptation of Joseph Brackett's "Simple Gifts", and a tribute to Shaker music. – heruntergeladen am 8.5.2013.
12 http://en.wikipedia.org/wiki/Shaker#Shaker_music The communality of the Believers was an economic success, and their cleanliness, honesty and frugality received the highest praise. All Shaker villages ran farms, using the latest scientific methods in agriculture. T…Shakers ran a variety of businesses to support their communities. Many Shaker villages had their own tanneries, sold baskets, brushes, bonnets, brooms, fancy goods, and homespun fabric that was known for high quality, but were more famous for their medicinal herbs, garden seeds, apple-sauce, and knitted garments (Canterbury).
The Shaker goal in their temporal labor was perfection. Ann Lee's followers preserved her admonitions about work:
"Good spirits will not live where there is dirt." "Put your hands to work, and your heart to God."
13 Ebd: They designed their furniture with care, believing that making something well was in itself, "an act of prayer."
14 http://en.wikipedia.org/wiki/Shaker_furniture : Shaker furniture is widely admired for its simplicity, innovative joinery, quality, and functionality. Shaker designs were inspired by the ascetic religious beliefs of the Society…. The underlying principles of Shaker design have given inspiration to some of the finest designers of modern furniture.
15 Ebd.: the group reached maximum size of about 5,000 full members in 1840 but as of December 2009 had only three members left. They currently reside in Sabbathday Lake, Maine.

 


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