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Wendepunkt Alltag
Die Bibel ist für mich ein Buch für den zweiten Blick. Wenn ich eine Geschichte in der Bibel lese, dann denke ich oft: Ja, ja
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Da springt es mir mit jedem Satz, jedem Wort, ja fast jedem Buchstaben entgegen: Das ist alles tausende von Jahren her! Das hat mit meinem Leben überhaupt gar nichts mehr zu tun. Das ist komplett überholt. Und das war es auch schon! Buch zugeklappt und weitergelebt!
Wenn ich dann aber doch einen zweiten Blick riskiere, mich nicht mit diesem Resultat zufriedengebe und nochmal drüber nachdenke, werde ich manchmal überrascht. Das ging mir zum Beispiel bei folgender biblischer Geschichte so:
Noomi zieht mit ihrem Mann und ihren Kindern aus Israel in ein fremdes Land. Denn in Israel gibt es nicht mehr genug zu essen für alle. Also ab nach Moab. Dort stirbt kurz darauf Noomis Mann. Nun muss Noomi allein zwei Kinder versorgen. Das gelingt ihr ganz gut. Denn beide Söhne wachsen heran und heiraten schließlich. Zehn Jahre später schlägt das Schicksal erneut erbarmungslos zu: Noomis Söhne sterben. Sie ist allein mit ihren Schwiegertöchtern. Und alleinstehende Frauen haben es in der Zeit so richtig schwer. Ohne Mann... da bleibt meist nur betteln. Deshalb schickt Noomi ihre Schwiegertöchter weg. Sie sollen noch einmal heiraten und von vorne anfangen. Sie zwingt sie förmlich dazu, zu gehen. Eine Schwiegertochter geht, völlig verständlich, wie ich finde.
Doch eine bleibt. Rut! Sie lässt ihre Schwiegermutter nicht im Stich und nimmt in Kauf, evtl. am Existenzminimum rum zu krebsen. Rut und Noomi, aber gehen zurück nach Israel in Noomis alte Heimat. Ohne genau zu wissen, was sie erwartet. Für Rut ist alles neu und fremd: das Land, die Kultur, die Religion. Ich bleibe dir treu, sagt Rut. Genauer Wortlaut: "Besteh nicht darauf, dass ich dich verlasse! Ich will mich nicht von dir trennen. Wo du hingehst, da will auch ich hingehen. Wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.
Nach dem ersten Lesen hat mich die Geschichte nicht interessiert. Andere Zeiten, andere Lebensweisen. Heute hätte die Frau bessere Chancen. Was soll`s? Als mir die Geschichte einige Zeit später noch einmal begegnete, hatte ich meine kritischen Töne noch im Hinterkopf, blieb aber an einem ganz anderen Punkt hängen: Diese beiden Frauen haben damals eine Entscheidung getroffen. Rut für ihre Schwiegermutter und ihre Schwägerin dagegen. Ich kann immer noch verstehen, dass eine der Beiden damals weggegangen ist, aber die unpopuläre Entscheidung von Rut, zu ihrer Schwiegermutter zu stehen, für sie zu sorgen und damit unter Umständen in Kauf zu nehmen, immer ums Überleben kämpfen zu müssen, hat mich tief beeindruckt. Und plötzlich war die Geschichte gar nicht mehr so weit weg von mir und meiner Zeit. Sie war sogar ganz nah!
In der Geschichte lernt Rut dann doch noch einen netten, reichen Mann kennen, heiratet ihn und wird glücklich. Das hat mich aber gar nicht so richtig interessiert, denn die Story funktioniert auch ohne Happy End.
Ich lerne von dieser uralten Geschichte: Treu zu sein ist eine Herzensentscheidung. Treue heißt Vertrauen. Damals und heute. Und ich lerne von Rut, dass Treue in Kauf nimmt, auch in schwierigen Zeiten nicht sofort aufzugeben.
Wendepunkt Alltag
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