Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.07.13; Daniel Schneider

Wendepunkt Urlaub

Im Urlaub mache ich komische Sachen. Ich winke Schiffen hinterher. Ich esse fünf Eis am Tag – passiert mir sonst eher selten!

Ich stehe ganz lange auf einer Stelle und schaue in die Ferne. Ich atme intensiver, sehe bewusster und rede weniger. Dafür denke ich mehr nach. Da kommen mir schon mal richtig komische Gedanken. Dinge, die Monate vorher passiert sind, beschäftigen mich auf einmal wieder. Das nennt man wohl: Seele baumeln lassen. Großartig! Aber auch gar nicht so einfach. Manchmal sogar richtig anstrengend. Ja, ich würde sagen: Urlaub machen ist anstrengend. Selbst oder gerade an meinem Urlaubsort: Wenn ich auf der kleinen ostfriesischen Insel an der Nordsee am Strand stehe und bis zum Horizont blicke, dann brauche ich eigentlich nicht viel mehr. Das reicht schon, um meine Gedanken Achterbahn fahren zu lassen. Überwältigend, beeindruckend und manchmal einschüchternd.

Ich habe mit einem Inselpfarrer gesprochen. Der hat in den Sommermonaten alle Hände voll zu tun. Die Kirchen sind viel voller als sonst. Er redet ganz viel mit Urlaubern, die, wie ich ins Nachdenken kommen, im wahrsten Sinn des Wortes über Gott und die Welt.

Warum kann ich eigentlich in Ruhe und mit Zeit besser Entscheidungen treffen oder Dinge verarbeiten? Da habe ich mal in Ruhe drüber nachgedacht. Mit folgendem Ergebnis: Ich glaube, dass das eine Menge mit Gott zu tun hat. Er ist für mich der Erfinder von Urlaub, von Erholung, von der Ruhe. Direkt am Anfang der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte steht: Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.

Vielleicht hat er da nochmal durchdacht, was er gerade geschaffen hat, vielleicht auch hinterfragt: War das alles so sinnvoll und gut? Alles Spekulation: Zumindest hat er geruht, wie auch immer das bei Gott ausgesehen haben mag.

Und: Gott zeigt sich Menschen, die nachdenken, Dinge verarbeiten müssen oder vor Entscheidungen stehen. Er zeigt sich ihnen unaufgeregt, verständnisvoll und völlig entspannt. Ein Beispiel: Nach der Kreuzigung von Jesus gehen zwei Männer nach Hause, ein Zehnkilometer Marsch. Sie treffen einen anderen Mann und gehen mit ihm weiter. Sie sprechen mit ihm über ihre Probleme, darüber, dass Jesus gekreuzigt wurde, sie an diesen Jesus geglaubt haben und jetzt überhaupt nicht wissen, wie es weitergehen soll. Später stellt sich heraus, dass sie mit Jesus selbst gesprochen hatten. Aber erst nach einer langen Zeit, einem gemeinsamen Weg und einem gemeinsamen Abendessen. Diese beiden Männer brauchten Zeit. Was wäre, wenn Jesus ihnen mit einem Paukenschlag begegnet wäre. Mit Donner, Blitz, Feuer und Licht direkt vor ihnen aufgetaucht wäre? Hätte das funktioniert?

Vielleicht, aber das hat immer so den Beigeschmack von einer Überrumpelung. So erlebe ich Gott nicht. Das macht den christlichen Glauben, so wie ich ihn verstehe, auch so attraktiv. Ich kann gut feiern und laut sein und viel arbeiten und Stress haben, das halte ich gut aus. Aber Stille kann ganz schön unangenehm sein. Hoffnungslosigkeit ist meistens leise. Ruhe aushalten ist schwierig. Und da möchte ich nicht von einem Gott überfallen werden, der mit viel Trara um die Ecke kommt und sich als der große Herrscher aufspielt. Ich brauche jemanden, der mit mir schweigt, diskutiert oder eine Spannung aushält. Das können andere Menschen sein oder einfach eine bewusste Zeit der Stille mit Gott. Im Urlaub, wenn ich Schiffen zuwinke, fünf Eis esse oder ganz lange auf einer Stelle stehe und in die Ferne schaue. Damit lösen sich nicht alle Probleme oder Gedanken in Luft auf. Auch Entscheidungen werden mir nicht abgenommen. Aber es tut mir einfach unheimlich gut, Gott als Urlaubsbegleiter zu haben.

 

Audiobeitrag Wendepunkt Urlaub


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen