Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.07.13; Pfarrer Martin Vogt

Taufe

„Guten Morgen“, sagte mein Radiowecker. „Aufwachen! Versäumtes nachholen!“ Dass mein Radiowecker manchmal mit mir spricht, ist sicher nicht normal.

Aber ich hab’s ihm bis jetzt nicht abgewöhnen können. Zu allem Überfluss legt er jedes Mal eine gute Laune an den Tag, die ich um diese Uhrzeit überhaupt noch nicht haben kann. Auch jetzt ließ er sich von meinem zerknitterten Blick nicht ablenken, sondern redete munter weiter:

„Und? Freust du dich, dass ich mal wieder mit dir spreche?“

„Sehe ich etwa so, als würde ich mich freuen?“ brummte ich.

„Na ja, nicht wirklich“, erwiderte mein Wecker. „Aber um diese Uhrzeit siehst du ja nie besonders fröhlich aus. “

„Vielen Dank. Sehr schmeichelhaft. Aber jetzt komm zur Sache. Du willst doch irgendwas von mir.“

„Eigentlich geht’s diesmal mehr um deinen Sohn.“

„Mein Sohn? Was hast du denn mit dem vor?“

„Ich? Gar nichts! Aber du hattest eigentlich vor, ihn taufen zu lassen!“

„Jetzt fang du nicht auch noch an. Mir reicht’s schon, wenn meine Mutter mich ständig damit nervt!“

„Wieso? Was ist denn so schlimm daran, wenn man sein Kind taufen lässt?“

„Da ist gar nix schlimm dran! Aber muss das jetzt sofort sein?“

„Nein, natürlich nicht. Der Junge schläft ja noch.

Aber deine Mutter hat halt Angst, dass du wieder mal nicht aus’m Quark kommst.“

„Der geht’s doch bloß um die Familienfeier, wo alle schön beisammen sind. Und ihr süßer Enkel steht dann im Mittelpunkt!“

„Ich weiß nicht, ich glaub’, es steckt mehr dahinter. Deine Mutter möchte einfach, dass es deinem Sohn gut geht.“

„Wieso? Es geht ihm doch gut.“

„Ja. Aber sie möchte, dass das so bleibt.“

„Na, dafür werden wir schon sorgen, meine Frau und ich!“

„Klar! Das hat man ja gestern gesehen, als dir der Junge im Supermarkt abgehauen ist. Fast wäre er auf die Straße gerannt!“

„Mann, ich hasse es, wenn du abends zuhörst, wie ich mit meiner Frau rede! Hat man denn in diesem Haus überhaupt keine Privatsphäre?“

„Meine Güte, wenn du deiner Frau ausführlich erzählst, was du für’n schlechtes Gewissen hast - soll ich mir dann die Ohren zuhalten?“

„Wäre vielleicht ’ne gute Idee. Aber okay, ich geb’s zu, da hab’ ich nicht aufgepasst. Kann doch jedem mal passieren, oder?“

„Nö“, gab mein Radiowecker zurück. „Gott passiert so was nie.“

„Was soll denn das jetzt?“

„Gott verliert nie jemanden aus den Augen. Dich nicht, deine Frau nicht und auch nicht deine Kinder.“

„Wie? Mein Sohn ist nicht getauft und Gott ist trotzdem schon um ihn besorgt?“

„Davon kannst du ausgehen.“

„Und was bringt die Taufe dann?“

„Die Taufe bringt das zum Ausdruck. In der Taufe wird deutlich: Dein Sohn ist für Gott wichtig. Und Gott wird deinen Sohn sein Leben lang begleiten und bewahren.“

„Bewahren ist gut! Unsere Tochter ist schon getauft. Trotzdem ist sie letztes Jahr die Treppe ’runtergefallen und hat sich den Arm gebrochen.“

„Ich hab’ ja auch nicht gesagt, dass es einem immer gut geht, wenn man getauft ist. Die Taufe ist schließlich nichts Magisches. Die Pfarrerin spricht doch keine Zauberformel, die dein Kind vor allem Unglück schützt.“

„Sondern?“

„Sie spricht einen Segen.“

„Aha. Und was bringt das?“

„Das macht deutlich, dass Gott dein Kind lieb hat. Dass er immer für das Kind da ist. In jeder Lebenssituation. Nicht als Superman, der dein Kind heldenhaft beschützt. Sondern eher als Beistand.“

„Hm. So wie ein Freund, auf den man sich verlassen kann?“

„Zum Beispiel. Halt jemand, dem man sein Kind bedenkenlos anvertrauen kann. Und sich selber auch.“

Ich erhob mich langsam. „Na gut“, sagte ich, während ich meinen Rücken in die richtige Form brachte. „Ich denk mal über ’n Termin nach. Aber erst, wenn ich unter der Dusche bin und du mir nicht mehr dazwischen reden kannst.“

„Bin schon still“, sagte mein Radiowecker und - schaltete auf WDR 2 um.

 

Audiobeitrag Taufe


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