Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.06.13; Pfarrer Sven Keppler

Vertraut den neuen Wegen

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der „Vertrauenslauf“ ist eine echte Herausforderung. Die Mitspieler stehen sich in einer langen Reihe gegenüber. Alle strecken die Arme nach vorn und berühren sich an den Fingerspitzen. Ein einzelner Läufer hat die Aufgabe, mit vollem Tempo mitten durch die Gasse zu rennen.

Er läuft auf eine endlose Reihe ausgestreckter Arme zu. Dabei muss er darauf vertrauen, dass seine Mitspieler ihre Arme im letzten Moment nach oben reißen – wie bei einer Laola-Welle. Bücken darf er sich nicht. Sobald sein Vertrauen einen Knacks bekommt, werden ihm die Knie weich. Nur, wenn er sich auf die anderen vollkommen verlässt, kann er beim Rennen alles geben.

Liebe Gemeinde, liebe Hörerin, lieber Hörer, es gibt viele solche Vertrauensspiele. Sie laden dazu ein, Vertrauen zu wagen. Den Spielern kann nichts Ernstes zustoßen. Aber sie können die Erfahrung machen, was mit Vertrauen alles möglich ist. Meistens geht es darum, sich von anderen führen oder tragen zu lassen. Beim Vertrauenslauf dagegen ist der Läufer ganz aktiv: Er selbst gibt alles und vertraut gleichzeitig darauf, dass alle andern auf ihn acht geben.

Von einem Vertrauenslauf im richtigen Leben haben Katharina und Rainer Wolf eben erzählt. Wer in der DDR einen Ausreiseantrag stellte, der rannte auch auf eine Wand von Armen zu. Arme, die normalerweise nicht nach oben gingen, sondern die unverrückbar waren, wie eine Mauer: Halt, hier geht’s nicht weiter!

Wer einen Ausreiseantrag stellte, musste mit Hindernissen rechnen. Oft wurde der Ausweis entzogen. Die Kinder wurden in der Schule benachteiligt. Der Arbeitsplatz konnte verloren gehen. Das Ministerium für Staatssicherheit, die Stasi, stand hinter solchen Maßnahmen. Mit ihnen sollte erreicht werden, dass den Ausreisewilligen die Knie weich wurden und sie ihren Antrag zurückzogen.

Die Wolfs haben durchgehalten. Zwei Jahre lang immer den nächsten Schritt gewagt. Sich von Rückschritten nicht entmutigen lassen. Mit dem bemerkenswerten Ergebnis, dass sie eine Woche nach dem Fall der Mauer ganz legal in den Westen ausreisen durften. Mit dem offiziellen Segen der DDR.

Familie Wolf setze bei all dem auch auf Gott. Ihr hat ein Lied Mut gemacht, das 1989 in ihrer Heimatstadt Eisenach gedichtet worden war: Vertraut den neuen Wegen. Mit dem Vertrauen fängt bei diesem Lied alles an. Vertrauen, das man braucht, um neue Wege zu gehen.

Zum Beispiel, wenn Menschen einen neuen Lebensabschnitt erreichen. Wenn junge Leute die erste eigene Wohnung beziehen. Wenn ein Kind geboren wird und sich zuhause alles verändert. Wenn jemand eine neue Arbeitsstelle antritt und sich erst mal einfinden muss. Oder wenn man akzeptieren muss, nicht mehr ohne fremde Hilfe zurecht zu kommen. Immer dann ist es wichtig, dass Gott neues Vertrauen schenkt.

Wir hören das Lied in einer Motetten-Bearbeitung von unserem Kantor Hadlef Gronewold.

Kantorei: Vertraut den neuen Wegen

Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist, weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt. Ursprünglich war das ein Hochzeitslied. Ein Brautpaar hatte sich dafür entschieden, seinen Lebensweg gemeinsam zu gehen. Die Braut war in einem Pfarrhaus in Eisenach aufgewachsen. Am Fuß der Wartburg. Nun wollte sie zuversichtlich mit ihrem Mann in ihr neues Leben aufbrechen.

Die Hochzeit fand Anfang August 1989 statt. Als Trauspruch hatte sich das Paar den Text ausgesucht, den wir eben als Lesung aus dem Alten Testament gehört haben: Gott sprach zu Abraham: Geh aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Für ihren Aufbruch ins Neuland der Ehe hatten sich die Brautleute ein großes Vorbild genommen. So wie Abraham voller Vertrauen in die Zukunft ging, so wollten es die jungen Leute auch tun. Und wer weiß: Vielleicht war es ja für sie auch eine Ermutigung, dass Gott dem Abraham viele Nachkommen versprochen hatte.

Klaus-Peter Hertzsch, der Patenonkel der Braut, hatte zu diesem Bibeltext das Lied gedichtet: Vertraut den neuen Wegen. Alle drei Strophen beginnen mit dieser Aufforderung. Mit dieser Ermutigung: Habt Vertrauen, wenn Ihr Euch auf den Weg macht.

Klar, es ist Euer eigener Weg, etwas ganz Neues. Aber Ihr tut etwas, was unzählige Menschen vor Euch getan haben. Neue Wege zu gehen ist keine Zumutung – selbst wenn es aufregend ist, weil man etwas tut, was man noch nicht eingeübt hat. Das gehört zum Leben dazu. Kein Mensch kann leben, ohne sich zu bewegen. Und keiner kommt nur auf alten, ausgetretenen Pfaden voran. Weil jeder Lebensweg etwas Besonderes ist. Weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt.

Jesus hat einmal gesagt: Darum kann auch keiner von Euch mein Jünger sein, wenn er sich nicht von allem trennt, was er hat. Dieser Vers aus dem 14. Kapitel des Lukasevangeliums ist für heute als Predigttext vorgeschlagen.

Auf den ersten Blick klingt das für mich sehr hart. Keiner kann mein Jünger sein, wenn nicht ... Das klingt drohend. Und fordernd. Viel weniger einladend als das Hochzeitslied. Es klingt nach einer Forderung, die meine Kräfte übersteigt: Ich soll mich von allem trennen, was ich habe? Leben wie ein Bettelmönch?

Dabei fordert Jesus nichts anderes als Gott von Abraham. Aufbrechen, neue Wege gehen kann man nicht, wenn man nicht vieles hinter sich lässt. Wer die DDR in Richtung Westen verließ, musste auch fast alles zurücklassen. Das ist bedrohlich. Genau deshalb braucht ein Mensch Vertrauen.

Erst recht dann, wenn er auch auf schlechte Erfahrungen zurückblickt. Wenn jemand beim Vertrauenslauf sozusagen schon einmal in die ausgestreckten Arme gekracht ist. Eine gescheiterte Ehe. Ein abgelehnter Ausreiseantrag. Die neue Stelle schon wieder gekündigt. Vertrauen kann dann dadurch gestärkt werden, dass jede Situation neu ist. Dass Menschen sich fragen: Wie hab ich das schon einmal geschafft? Und wer war an meiner Seite?

Deshalb ist es wichtig, Menschen, die aufbrechen zu ermutigen. Deshalb ist das Hochzeitslied von Klaus-Peter Hertzsch so schön. Es verheimlicht uns nicht, dass wir Aufbrüche und Abschiede bewältigen müssen. Aber es macht uns Mut dazu!

Kantorei: Vertraut den neuen Wegen

Viele DDR-Bürger waren großartig darin, ihre Lage mit Humor zu nehmen. So wurde erzählt, dass die schöne Maria Callas einmal in der Ost-Berliner Staatsoper auftrat. Der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht war begeistert, schüttelte ihr die Hand und sagte: „Sie haben sich um unser Land verdient gemacht. Gibt es einen Wunsch, Madame, den ich Ihnen erfüllen kann?“ „Ja, Herr Ulbricht. Reißen Sie die Mauer nieder!“ Da droht der spitzbärtige Ulbricht schelmisch mit dem Zeigefinger und sagt: „Na, na, na, Madame ... Sie wollen wohl mit mir allein sein!“ Ohne Mauer hätten viele das Land verlassen.

Die Sehnsucht nach Veränderung war groß. Aber die Mauer blieb stehen. Was konnte man tun, wenn der Galgenhumor nicht alles sein sollte? Wie die Wolfs haben viele die Hoffnung auf eine persönliche Veränderung nicht aufgegeben. Das Vertrauen, dass es doch einen Ausweg gibt. Doch worauf sollte man dieses Vertrauen gründen?
Einen der Gründe nennt das Lied: Bewegung gehört einfach zum Leben dazu. Man kann nicht ohne Veränderung leben.

Aber das ist nicht alles. Bewegung kann ja auch in Sackgassen führen. Oder in die falsche Richtung. Dagegen setzt Hertzsch die biblische Verheißung: Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand, sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land.

Gott weist mir den Weg. Er gibt meinem Leben die Richtung. Er setzt mir sozusagen einen Regenbogen an den Horizont. Damit ich weiß, wohin ich gehen soll. Der Regenbogen ist das Vertrauenszeichen schlechthin. Nachdem Noah und die bei ihm waren die große Flut überlebt hatten, stand der farbige Bogen am Himmel. Als Zeichen, dass Gott sich ein für alle mal mit den Menschen verbindet. Obwohl sie immer wieder in eine falsche Richtung gehen, obwohl sie auch weiterhin in Sackgassen landen.
Menschen haben sich darauf verlassen. Im Vertrauen auf Gott haben sie ihren ganz persönlichen Aufbruch gewagt. In ein Leben als Familie. In eine neue Arbeitsstelle. In ein Leben als Christin oder Christ.

In welche Richtung weist uns Gott den Weg? Kann es auf diese Frage nur ganz persönliche Antworten geben? Hat jeder Lebensweg eine ganz eigene Richtung? Oder gibt es etwas Verbindendes?

Hertzsch dichtet: Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid. Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht, der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht. Das heißt einerseits: Jeder Lebensweg hat tatsächlich ganz eigene Ziele. Andererseits haben alle Wege mit Gott etwas Verbindendes. Wir sollen ein Segen für die Erde sein. Es gibt Orte, wo Gott uns braucht. Wo unsere Person gefragt ist. Wo wir mit unseren Gaben etwas Gutes tun sollen. Die neuen Wege führen also nicht ins Schlaraffenland. Dahin, wo wir das Leben nur genießen. Sondern dahin, wo wir etwas Sinnvolles für Andere tun können.

Das Hochzeitspaar durfte vertrauen, dass Gott ihm hilfreiche Aufgaben geben würde. Das kann die Erziehung von Kindern sein. Oder auch ein offenes Haus für Gäste und Hilfsbedürftige. Oder die gegenseitige Pflege, wenn ein Partner erkrankt.

Und auch die Ausreisewilligen durften auf Wegweisung hoffen. Zum Beispiel in die Stadt Versmold, wo eine Küsterin und ein Presbyter gesucht wurden.

Kantorei: Vertraut den neuen Wegen

Vertraut den neuen Wegen, weil Gott mit Euch ist. Weil er euch zeigt, in welche Richtung ihr gut gehen könnt. Und weil Gott sinnvolle Aufgaben für euch hat. Er selbst kommt euch entgegen. Die Zukunft ist sein Land. Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.

An diesen Formulierungen hat Klaus-Peter Hertzsch ganz besonders gefeilt. Nach der Hochzeit hatte sich das Lied in Windeseile verbreitet. Die mit Matrize gedruckten Liedblätter tauchten in vielen Gemeinden auf. Auch die Wolfs lernten das Lied auf diese Weise kennen. So wurde es auch zu einer Hymne der Wendehoffnung. Das christliche „Wind of Change“. Schon ein Jahr vor den Scorpions.

Klaus-Peter Hertzsch sah das mit gemischten Gefühlen. Er hatte ein Hochzeitslied gedichtet. Ein Lied, in dem es um die menschliche Erfahrung von Aufbrüchen geht. Allzu platte Deutungen wollte er deshalb vermeiden. Nach dem 9. November veränderte er den Text deshalb in: Sein Ruf hat uns getroffen. Statt: Die Tore stehen offen. Das gelobte Land sollte nicht einfach der Westen sein. Deshalb verdeutlichte er: Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand, sind Menschen ausgezogen in sein gelobtes Land.

Natürlich hat sich dennoch der ursprüngliche Text durchgesetzt. Wenn erst einmal eine Bewegung entstanden ist, dann kann auch ihr Urheber sie nicht mehr steuern. Aber ich finde diese Veränderungen bemerkenswert. Hertzsch hat sofort gemerkt, dass Gottes heilvolle Zukunft etwas anderes ist als Freiheit und Konsum. Gottes gelobtes Land liegt nicht im Kaufhaus des Westens. Sondern dort, wo Menschen gerecht und friedlich miteinander umgehen.

Seit 1989 ist viel Zeit vergangen. „Vertraut den neuen Wegen“ ist zwar immer noch das jüngste Lied unseres Evangelischen Gesangbuches. Aber seit es gedichtet wurde, sind manche Hoffnungen enttäuscht worden. Manches Vertrauen ist gebrochen worden. Dennoch sind Menschen immer wieder auf dem Weg. Menschen sehnen sich nach Orientierung. Menschen brauchen Vertrauen, mit dem sie wieder aufbrechen können.

Gottes Ziele weisen über alle Etappenziele hinaus. Gott schenkt immer wieder Vertrauen. Denn Gott verspricht uns: Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 


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