Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.06.13; Pfarrerin Petra Schulze

Verantwortungsverwirrung

Liebe Hörerin, lieber Hörer, helfende Hände, aus ganz Deutschland. Feuerwehr, THW, Nachbarn, ganz fremde Menschen, die nicht einfach tatenlos am Fernseher zuschauen wollten

sie alle haben bei der Flut mit angefasst.

Danke, haben die Anwohner mit Sandsäcken in großen Buchstaben auf den grünen Flussdeich geschrieben. Aus einem Hubschrauber hat ein Helfer das fotografiert und ins Internet gestellt.

Das baut auf, dass wir in Notzeiten zusammenstehen. Bei so viel offensichtlicher und unverschuldeter Not greift er Raum, der Impuls: Hier bin ich gefragt, hier muss ich helfen. Doch es gibt andere Situationen, in denen das nicht so eindeutig ist.

Mitten in der Nacht zum zweiten Weihnachtsfeiertag 2011 in einem Berliner Wohnhaus.1 Die Lichter hinter den meisten Fenstern sind aus. Es ist still. Ein Mann ist noch wach und starrt auf seinen Computerbildschirm, über den die aktuellen Nachrichten aus Syrien tickern. Die Videofilme über die Ereignisse dort sind beunruhigend. In seiner Heimat politisch verfolgt, hatte er schon Mitte der neunziger Jahre in Deutschland Asyl gefunden. Nun ist er Mitglied des oppositionellen Syrischen Nationalrates. Da klopft es an der Wohnungstür. Der Mann denkt: Das könnte mein Nachbar sein. Vielleicht habe ich die Computer-Lautsprecher doch zu laut gestellt und er fühlt sich durch die Geräusche gestört.

"Wer ist da?", fragt er. "Polizei“, lautet die Antwort. Der Mann macht auf – doch nicht die Polizei steht vor seiner Tür, sondern unbekannte Männer ohne Uniform. Sie dringen in die Wohnung und prügeln mit Knüppeln auf ihn ein. Dass er diesen Anschlag überlebt hat, verdankt der syrischstämmige Menschenrechtsaktivist, Dolmetscher und grüne Kommunalpolitiker aus Berlin seinem Nachbarn. Der hörte seine Schreie und öffnete seine Wohnungstür. Die unbekannten Angreifer flohen.

Der Nachbar hat nicht weggehört. Er hat nicht abgewartet, ob vielleicht ein anderer die Polizei ruft. Er hat gehandelt. Immer wieder werden Menschen in unserer Umgebung Opfer krimineller Handlungen oder häuslicher Gewalt. Oder sie haben einen Unfall und keiner hilft: In China schockierten die Bilder einer Überwachungskamera2: Ein zweijähriges Mädchen läuft aus einem Haus auf die Straße und wird von einem Transporter überfahren. Minutenlang liegt die Kleine schwer verletzt mitten auf der Straße, während Passanten achtlos vorbeigehen oder in einem Bogen vorbeifahren.

Eine Psychologin nennt das „Verantwortungsverwirrung“. Es war rush hour, viele Menschen waren unterwegs nach Hause und jeder dachte wohl: Da sind ja genügend andere, einer oder eine wird sich schon kümmern. Das dauerte zehn Minuten. Bis eine Passantin beherzt eingriff und das Kind rettete. Sie war offenbar nicht von dem Virus „Verantwortungsverwirrung“ infiziert.

Die Verantwortungsverwirrung ist nicht nur eine gefährliche Krankheit, sie ist auch ein Schutz. Gerade wenn ich Zeugin eines Überfalls werde, muss ich mich ja erst einmal fragen: Wie schreite ich richtig ein, ohne mich selbst und andere zu gefährden? Das heroische Dazwischengehen hält auch die Polizei für problematisch. Wichtig ist: hinschauen, sich Verbündete suchen – Umstehende, Nachbarn – und die Polizei informieren.

Und am Ende dann auch bereit sein, sich als Zeugin oder Zeuge zur Verfügung zu stellen, damit das Opfer nicht allein bleibt. Das gilt nicht nur für die schweren Gewalttaten, sondern für alles Unrecht, das geschieht. Der deutsche Schriftsteller Erich Kästner hat das so zusammengefasst:

„Wenn Unrecht geschieht, wenn Not herrscht, wenn Dummheit waltet, wenn Hass gesät wird, wenn Muckertum sich breit macht, wenn Hilfe verweigert wird – stets ist jeder Einzelne zur Abhilfe mit aufgerufen, nicht nur die jeweils `zuständige` Stelle. …. Jeder von uns und euch muss es spüren, wann die Mitverantwortung neben ihn tritt und schweigend wartet. Wartet, dass er handele, helfe, spreche, sich weigere oder empöre, je nachdem.“3 Gehen Sie beherzt in diesen Tag, Ihre Pfarrerin Petra Schulze aus Düsseldorf.

1 http://www.spiegel.de/politik/deutschland/angriff-auf-exilanten-berliner-pruegelopfer-vermutet-drahtzieher-in-damaskus-a-806084.html; http://www.berliner-kurier.de/polizei-prozesse/ueberfall-auf-syrischen-exil-politiker-ferhad-ahma-in-berlin,7169126,11360740.html
2 http://www.welt.de/videos/panorama/article13666674/Kleines-Maedchen-wird-ueberfahren-und-niemand-hilft.html#autoplay
3 Erich Kästner, Die vier archimedischen Punkte, aus: Die kleine Freiheit, Atrium Verlag, Zürich 1952 und Thomas Kästner.

 

Audiobeitrag Verantwortungsverwirrung


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