Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.06.13; Pfarrerin Petra Schulze

Wenn aus Sehnsucht Sucht wird - Tag gegen Drogenmissbrauch

Manchmal treten die Engel ja in seltsamer Gestalt in unser Leben. Alles scheint festgefahren, die Kraft am Ende, Hoffnungsschimmer Lichtjahre entfernt – und dann…

Ganz am Ende ist James Bowen aus London. Er hat eine steile Drogenkarriere hinter sich. „…ich weiß genau, was mich da hineingezogen hat“, schreibt er. „Es war die verdammte Einsamkeit. Heroin betäubt das hässliche Gefühl von Isolation. Es ließ mich vergessen, dass ich in diesem Land weder Familie noch Freunde hatte. …das Heroin war mein einziger Freund.“1

Nach Entzugs- und Therapieversuchen durchläuft er ein Methadonprogramm. Nach Jahren der Obdachlosigkeit hat er eine Sozialwohnung. Es geht aufwärts. Langsam. Ganz langsam. Und da tritt eines Tages ein abgemagerter, roter Kater in sein Leben. Er hat sich im Hausflur versteckt. James nimmt ihn auf, pflegt ihn gesund, opfert sein letztes Geld für Medizin. James hat einen tierischen Freund gewonnen. Er nennt ihn Bob. Der Kater dankt es ihm mit Anhänglichkeit und vielen lustigen Einlagen in seinen dollen fünf Minuten mehrmals täglich. Doch James sagt sich: Es ist nur auf Zeit Irgendwann musst du ihm die Freiheit zurückgeben. Wenn er ganz gesund ist.

Der Kater aber weicht nicht mehr von seiner Seite, folgt dem Straßenmusiker überall hin. Da Bob sich am liebsten auf der Schulter von James durch den Londoner Verkehr tragen lässt, werden die Touristen und Passanten auf das hübsche Paar rasch aufmerksam. Der Rubel rollt. Wenn James spielt, rollt sich Bob im Gitarrenkoffer zusammen und gibt ein malerisches Bild ab. James und der rote Kater – sie werden zu einem Hoffnungssymbol für viele Menschen.

Heute ist weltweit der Tag gegen Drogenmissbrauch. Tabak und Alkohol sind die Drogen Nummer eins in unserer Gesellschaft2, gefolgt von Medikamenten, allen voran Schlafmittel und Tranquilizer. Viele andere Drogen und Süchte kommen hinzu. Gründe für die Abhängigkeit gibt es viele. Menschen suchen. Nach etwas, das ihnen fehlt. Doch je mehr sie konsumieren – ob Alkohol, Heroin, neue Designerdrogen oder ob sie suchtartig kaufen und spielen oder Sex haben – sie werden nicht satt. Die ersehnte Erfüllung bleibt aus. Viele können gar nicht sagen, was ihnen eigentlich fehlt. Und die Sucht selbst verstellt oft den Blick darauf. Ist sie ja die Flucht vor dem, was traurig macht und wütend, hilflos und abgrundtief verzweifelt. Therapeutinnen und Therapeuten können helfen, Wege aus der Sucht zu finden, aus dem Siechen. Denn meist ist es ein schleichender Prozess, der mich dort hineinführt.

Hinter der Sucht steckt oft eine Sehnsucht. Wenn ich weiß, wonach genau ich mich sehne, kann ich versuchen, der Erfüllung gezielt näher zu kommen oder auch die unerfüllbaren Sehnsüchte auszuhalten. Eine der größten Sehnsüchte können viele Menschen oft nicht benennen. So wie dieser Mann, von dem ein Pfarrer erzählt3: Der Mann ging in die Kirche hinein und kam nach einiger Zeit wieder heraus. Ging ein paar Schritte, wendete sich und ging wieder in die Kirche hinein. Das ging einige Male so. Der Pfarrer sprach ihn an: Kann ich Ihnen etwas Gutes tun, Ihnen helfen, etwas erklären? Ich weiß auch nicht, was das ist, sagte der Mann. Ich bin Jahrzehnte nicht mehr in einer Kirche gewesen. Und jetzt, wo ich hier bin, da zieht es mich so herein, ich muss immer wieder hineingehen. Nach einer Weile sagte der Pfarrer leise: Kann das sein, dass sie Heimweh nach Gott haben? Und der Mann wiederholte: Ja, das ist es. Ich habe Heimweh nach Gott.

Gott hat den Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt, heißt es in der Bibel (Prediger 3,11). Eine schmerzliche Sehnsucht danach, ganz bei ihm zu Hause zu sein. So lange wir auf der Erde sind, werden wir vermutlich immer etwas Unerfülltes in uns tragen. Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir unseren Sehnsüchten einen Namen geben können. Dass wir die Phantasie haben, sie zu verwirklichen oder die Kraft, zu ertragen, wenn sie nicht erfüllbar sind. Und dass wir einander daran erinnern, dass die tiefste menschliche Sehnsucht das ist, was die Bibel Ewigkeit nennt oder auch zu Hause bei Gott. Mögen Sie einen Zipfel der Ewigkeit zu fassen bekommen und den Mut, das Siechen hinter sich zu lassen, das wünscht Ihnen Pfarrerin Petra Schulze aus Düsseldorf.

1 James Bowen: Bob der Streuner. Die Katze, die mein Leben veränderte, Verlag: Bastei Lübbe (Bastei Lübbe Taschenbuch); 2013, ISBN-10: 3404606930.
James und Bob beim Musizieren: http://www.youtube.com/watch?v=wD3-lbjP6yg
James und Bob bei der Signierstunde: http://www.youtube.com/watch?v=SP2Hf1TygPo
2 http://www.fr-online.de/politik/jahrbuch-sucht-2013-alkohol-und-tabak-drogen-nummer-eins,1472596,22271694.html
3 http://www.bibeltv.de/73/weltweit/Wenn_Sehnsucht_Sucht_wird-2599.html

 

Audiobeitrag Wenn aus Sehnsucht Sucht wird - Tag gegen Drogenmissbrauch


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