Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.06.13; Pfarrerin Petra Schulze

125 Jahre Briefmarkenstelle Bethel

Liebe Hörerin, lieber Hörer, in einer alten Keksdose hatten wir sie gesammelt: Briefmarken. Ausgeschnitten aus Postkarten und Briefumschlägen.

Briefe von fernen oder reisefreudigen Verwandten oder aus verschiedenen Büros, die uns Freunde der Familie mitbrachten. Vorsichtig lösten mein Bruder und ich die Briefmarken in warmem Wasser vom Papier ab und holten sie anschließend mit einer Pinzette heraus. Nach dem Trocknen wanderten sie in die Briefmarkenalben. Kanada, Irland, USA, Österreich, Russland, Griechenland, Indonesien, Türkei, Schweiz, Indien, Paraguay. Jedes Mal, wenn ich die Alben ansehe, packt mich das Fernweh.
Man kann auch die Geschichte und den Zeitgeist daran ablesen: die DDR oder Tschechoslowakei – sie gibt es heute nicht mehr. „Für Frieden und Verständigung“ steht auf einer Marke oder „Rauchen gefährdet ihre Gesundheit“. Und dann: „Jesus Christus ist das eine Wort Gottes.“ Eine Sonderbriefmarke zu 50 Jahre Barmer Theologische Erklärung im Jahr 1984.

In der vergangenen Woche feierte das Schlaraffenland für Briefmarken-Sammler seinen 125. Geburtstag. Es ist die Briefmarken-Sammelstelle Bethel. Eine diakonische Einrichtung in der Nähe von Bielefeld. 125 kranke, behinderte und sozial benachteiligte Menschen arbeiten hier. Diakon Helmut Bauer:

O-TON: Im Prinzip ist es so, dass uns Menschen (…) weltweit Briefmarken zu uns in die Briefmarken-Stelle schicken, (…) dort werden die Briefmarken – wenn sie als Umschläge sind – in die Werkstätten weitergegeben, denn da gibt´s noch mal zusätzliche Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung, (…) die kontrollieren die Briefmarken die lösen sie ab und stellen sie zu Blöcken und Sammlungen zusammen (…) und das können Sammlerinnen und Sammler dann bei uns bestellen.

Gleich tonnenweise kommen die Briefmarken nach Bethel. Auch bei uns im Rundfunkreferat werden sie ausgeschnitten und dort hingeschickt. Obwohl Briefe und Postkarten durch moderne Medien Konkurrenz bekommen haben, steigt die Zahl der gespendeten Briefmarken.

O-TON: Reinkommen im Jahr ca. 29 Tonnen Briefmarken. Das ist also ´ne unglaubliche Zahl, 29.000 Kilo, knapp 130 Millionen Einzelmarken, wenn man sich das so vorstellt, könnten wir die Erde zwei oder drei Mal umspannen mit unseren Briefmarken.

Die Briefmarken werden in der Sammelstelle aufbereitet: ausgeschnitten, abgelöst, getrocknet, sortiert - und an Sammler verkauft. Von 100 Gramm Briefmarken aus aller Welt über das 4-Kilo-Paket "bunte Mischung" reicht das Angebot. Wer will, kann auch mehr haben, meint Helmut Bauer:

O-TON: …die höchste Menge, von der ich je gehört habe, waren 50 Kilo, die auf ein Mal bestellt wurden von einem Briefmarkenhändler, der dann für seine Kunden "Wundertüten" zu Weihnachten zusammengestellt hat.

Vor dem zweiten Weltkrieg wurden die Briefmarken – unsortiert und nicht gereinigt – über die Brockensammlung vertrieben: "eine Handvoll" kostete 20 Pfennig, "eine Mütze voll" 50 Pfennig. Gegründet hat die Sammelstelle der evangelische Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh. Im 19. Jahrhundert setzte er seine sozialen Projekte mit viel Einfallsreichtum in die Tat um:

O-TON: …den nennt man ja nicht umsonst den genialen Bettler, … der hat ALLES genutzt, was man zu Geld machen konnte. … deswegen rief er die Leute auf, bitte spendet uns eure Briefmarken, wenn ihr welche übrig habt … wir tun damit Gutes, weil wir die dann den Sammlern zur Verfügung stellen, die haben, was sie wollen und wir kriegen das, was wir wollen, nämlich Geld.

Und von dieser Idee profitieren dann alle – die Sammler und die Menschen mit Einschränkungen: Die haben dadurch eine Arbeit, ein eigenes Einkommen und oft auch richtig Spaß, denn: Briefmarken bringen den Duft der weiten Welt nach Bethel, manche Rarität aus Seide oder Holz ist dabei. Bettina Mette sortiert die Briefmarken mit Leuchtturmmotiven. „Die hab ich gerne, weil die so schön sind, die haben das gewisse Flair“, sagt sie.

Gute Ideen, von denen viele profitieren, die wünsche ich uns allen heute! Ihre Pfarrerin Petra Schulze aus Düsseldorf.

http://www.briefmarken-bethel.de/jubilaeum-125-jahre.html

 

Audiobeitrag 125 Jahre Briefmarkenstelle Bethel


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