Was nützt der Mensch
Wofür bin ich noch nützlich, fragt sich der 80-jährige Rentner. Mein Leben hat immer denselben Rhythmus, morgens früh aufstehen, Zeitung lesen, Nachrichten hören.
Besuch kommt fast gar nicht mehr. Dann und wann ein Arztbesuch. Die einzigen Unternehmungen. Die Tage gehen dahin.
Wofür bin ich noch nützlich, fragt der Arbeitslose. Seit mehr als einem Jahr sucht er einen neuen Job. Doch Stellen für Menschen wie ihn liegen nicht auf der Straße. Die Suche zermürbt und macht einsam.
Wofür bin ich noch nützlich, fragt sich die Frau, die ihren Partner viele Jahre lang gepflegt hat. Nun ist er tot und in ihr ist nur noch ein großes Loch.
Ich wünsche all diesen Menschen, dass sie eine neue Lebensperspektive finden. Und ich glaube auch, dass es unsere Aufgabe ist, diesen Menschen bei ihrer Suche zu helfen.
Wofür bin ich nützlich? Die Frage greift für mich aber noch tiefer. Sie ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Nur wer ein nützliches Glied der Gesellschaft ist, hat ein Recht zu leben, nur der darf das Leben geniessen.
Die Bibel lehrt mich Gott sei Dank eine andere Sicht: Gott liebt den Menschen vollkommen unabhängig davon, was er leistet und vollbringt. Völlig vorbehaltlos. Für Martin Luther war diese Erkenntnis eine unglaubliche Befreiung. Ich muss mir den Sinn meines Lebens nicht verdienen. Ich bin von Gott angenommen und gewollt.
Martin Luther ist in einer Welt groß geworden, die ihm eingebläut hat: Du musst den Sinn deines Lebens immer neu begründen: durch gute Werke, durch Taten. Und wenn das nicht reicht, sei wenigstens ein nützliches Glied deiner Kirche und zahle deinen Ablass für den Erbau von prunkvollen Kirchen. Martin Luther hat sich diesem Weltbild am Ende verweigert und hat damit Gott und den Sinn seines Lebens das ist das Tolle neu gefunden. Und mit ihm dann viele andere Menschen auch.
Das ist 500 Jahre her. Der Ungeist dieser Zeit kehrt zurück, finde ich. Eine Gesellschaft, die nur nach Nutzwert fragt, ist eine kalte Gesellschaft. Alles bei uns wird berechnet und verrechnet. Und wo wir nicht bewerten können, haben wir ein Problem. Mein Leben lässt sich aber nicht in einer Exceltabelle abbilden. Und die Summe meines Lebens schon gar nicht.
Und das hat auch Auswirkungen auf das Zusammenleben: Ich mag einen Menschen, nicht weil er einen tollen Job hat oder besonders wichtig ist. Sondern weil er einzigartig ist, ein wunderbarer Mensch.
Und darum ist es mir wichtig, mich immer wieder daran zu erinnern, was Gott mir und allen Menschen bei der Taufe zugesprochen hat: Du bist wertvoll. Ich habe Dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.
Was nützt der Mensch
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